für

Gerhild und Marlon

»Da passt einer auf uns auf!«

Ich liebe euch beide.

 

 

Thomas Kampeter

Ob Kaninchen wohl träumen?

Roman

 

 

Erster Teil: Kennenlernen

 

 

Erstes Kapitel

 

Aus dem Tagebuch von Steve Petry

 

»Montag, 29. Mai 2017

Ich sitze in der Klapse. Jetzt haben sie mich da, wo sie mich schon immer haben wollten. Letzte Woche Freitag haben sie mich hierhergebracht, gleich nachdem diese Tusse mit dem Pinguinoutfit ihren Spruch aufgesagt und mich verdonnert hat. Drei Jahre und sechs Monate soll ich hierbleiben. Aller Voraussicht nach, wie es so schön heißt. Wird bestimmt verlängert. Jetzt haben sie mich ja erstmal; so schnell werden die mich bestimmt nicht wieder laufen lassen. Das Tolle daran ist: Ich kann ja nicht mal etwas dafür, dass ich so bin, wie ich bin. Na ja, egal. War eine ziemlich lange Fahrt in Handschellen, saßen verdammt fest, die Abdrücke kann ich immer noch erkennen. Ein Aufpasser hockte neben mir, der hat nicht einen einzigen Ton gesagt. Ob der wohl Angst hatte, neben mir zu sitzen? Normalerweise schaue ich mir beim Autofahren immer gerne die Landschaft an, ging aber diesmal nicht, waren Gitter vor den Fenstern, so dicht wie Maschendrahtzaun, vielleicht sogar noch ein bisschen dichter. In der Schule haben sie uns von der DDR erzählt und den Gefängnissen, die es dort gab, und dass sie die Leute da mit kleinen Bussen abgeholt und in die Gefängnisse gebracht haben. Da war ein Foto von so einem Bus, total eng und auch mit so einem Gitter vor dem Fenster. Genauso war das auch bei mir, nur hatte ich etwas mehr Platz als die armen Kollegen in der DDR.

Meine Anstalt (ich nenn’ das jetzt einfach mal so) liegt in der Nähe von Reine, in der Nähe der holländischen Grenze, so hat man mir das zumindest erklärt. Hier drin gibt’s keine Gitter vor den Fenstern (vielleicht ist das ja Panzerglas) und wenn ich raus sehe, sehe ich ’ne hohe Mauer, Stacheldraht und Kameras, genauso wie im Knast. Ich bin in Haus A untergebracht, in der Gruppe A2. Insgesamt gibt es vier Patientenhäuser, wobei in Haus D die ganz schweren Jungs wohnen (gibt übrigens nur Jungs hier, schade irgendwie…). Jedes Haus hat zwei Gruppen und in einer Gruppe leben sechs Patienten (ja, so nennt man uns Verbrecher hier!). Es gibt ’ne gemeinsame Küche und einen Speisesaal, einen Aufenthaltsraum mit Fernseher und eine Art Terrasse mit Gittern drum herum, da können wir rauchen. Ein Schwesternzimmer gibt’s natürlich auch, da bekommen wir unsere Medikamente, vier Mal am Tag. Jede Gruppe hat ihre eigenen Wasch- und Duschräume und natürlich auch eigene Toiletten. In den Zimmern gibt es so etwas nicht. Vielleicht haben die ja Angst, dass wir uns im Waschbecken oder im Lokus ertränken, wer weiß? Ich wüsste da weitaus bessere Möglichkeiten. Ist doch auch nicht so angenehm, die Lunge voller Wasser zu haben und keine Luft mehr zu bekommen. Eine Handvoll Schlaftabletten schlucken, das bringt’s! Dann noch mit richtig viel Alkohol nachspülen. Du pennst ein und merkst gar nicht, dass du krepierst.

Wie sie mir sagten, ist unser Haus im Augenblick voll belegt. Also laufen hier noch dreizehn andere Typen rum, die schlimme Sachen angestellt haben. Im Augenblick bin ich in einem Einzelzimmer. Das ist wohl immer so, wenn man neu aufgenommen wird und das ist mir im Augenblick auch ganz recht so. Würd’ mich am liebsten in irgendein Loch verkriechen. Mit ’nem anderen auf einem Zimmer zu sein, das würde ich noch nicht hinbekommen. Es gibt ein Bett mit Nachtschrank, einen Schrank, einen Tisch und einen Stuhl. Das Bett ist ziemlich bequem, trotzdem schlafe ich schlecht. Vom Fenster aus sieht man die beiden Sportplätze: ein Rasenplatz und einer mit diesem roten Kunststoffzeug. Heute Mittag kam einer im Blaumann mit einem kleinen Traktor mit Anhänger, der kümmerte sich um die Plätze und das ganze Grünzeug, das hier so wächst. Ich hab’ ihn echt beneidet und hab’ mir gewünscht, an seiner Stelle zu sein. Draußen in der Sonne, irgendwas arbeiten und nicht nur rumhocken. Aber ich muss hier drin bleiben und mir den Hintern plattsitzen.

Die Schwestern und Pfleger laufen in normalen Klamotten rum, nicht in Weiß oder so. Die kann man gar nicht von uns unterscheiden! Sind aber alle ganz nett, zumindest die, die ich jetzt in meinen ersten Tagen kennengelernt habe. Von meinen Kollegen kann ich das leider nicht sagen. Manche grüßen nicht mal, reden kein Wort und sehen auf den Boden oder sonst wohin, wenn man denen entgegenkommt. Zwei Jüngere in meinem Alter habe ich beim Rauchen kennengelernt, die scheinen ganz in Ordnung zu sein. Die haben mir schon eine Menge über diesen Bau hier erzählt; der eine ist sogar schon zum zweiten Mal hier. An den anderen laufe ich halt so vorbei, mehr oder weniger.

Als ich hier ankam, hat sich meine Ärztin vorgestellt, eine Russin (hat man deutlich gehört!). Larissa Stern, klein und mit Piepsstimme. Die ist von nun an für mich zuständig, hat sie mir erzählt. Dann war da noch eine Frau Uland (Bettina, stand auf ihrem Namensschild), die mich als Psychologin betreuen wird. Ich habe erstmal gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Wusste überhaupt noch nicht, was ich von all dem halten sollte. Bettina (die nenn’ ich für mich so, weil die so nett ist) sagte mir, wir würden uns in der Therapie siezen und mit Nachnamen ansprechen. Ich hätte auch nichts anderes vorgehabt. Aber irgendwie scheint die echt in Ordnung zu sein. Ich glaube schon, dass ich der vertrauen kann.

Sie haben mich untersucht, haben mir Blut abgenommen, ein EKG gemacht (wozu das gut sein soll, weiß ich auch nicht?!) und zum krönenden Abschluss durfte ich dann noch in ein Plastiktöpfchen pinkeln. Gar nicht so einfach! Zum Glück gab’s viele Papiertücher auf der Toilette. Mein Handy, meine Brieftasche und meine Schlüssel haben sie mir abgenommen und weggeschlossen. Ist hier alles nicht erlaubt. MP3-Player oder Radio hätte ich behalten dürfen, habe ich aber nicht. Passt bloß gut auf meinen Krempel auf! Wehe es fehlt was, wenn ich diesen Laden hier irgendwann wieder verlasse!

Links neben dem Schwesternzimmer sind zwei Telefonkabinen. Man meldet sich an, wenn man telefonieren möchte, und die rechnen das dann Ende des Monats ab. Im Augenblick muss ich niemanden anrufen. Sachen habe ich genug, die hat mein Dad mir am Samstag mitgebracht. Besuchen darf er mich allerdings erst nach einer Woche. Find’ ich stark: Der fährt extra bis nach Reine, um die Sachen für mich vorbeizubringen! Danke, Dad!!

Am Freitag, nach der ganzen Untersucherei, hat Frau Stern dann das Aufnahmegespräch mit mir gemacht und Bettina hat anschließend auch noch mit mir gesprochen. Die hat mir wenigstens was zu trinken angeboten. Mein Hals war so rau wie 60er Schleifpapier von dem ganzen Gelaber. Aber das Gespräch mit ihr war das Highlight des Tages. Ich hab’ ihr schon eine ganze Menge von mir erzählt. Irgendwie weiß ich, dass das bei ihr gut aufgehoben ist, und sie nichts davon weitererzählt.

Samstag und Sonntag war nichts los. Ich habe viel geschlafen und vor dem Fernseher gehockt. Uwe, einer der Pfleger, mit Glatze und Ring im rechten Ohr, ist morgens nach dem Frühstück immer mit mir und anderen, die Lust hatten, nach draußen gegangen. Dann sind wir eine Stunde lang über das Gelände spaziert und ich hab’ mir alles angesehen. Absolut ausbruchssicher, da kommt keiner so ohne Weiteres raus. Max und Robert, meine beiden neuen Kumpels von der Raucherterrasse, haben mir viel gezeigt und Robert hat was von sich erzählt. Er ist seit einem Jahr hier, hat eine Persönlichkeitsstörung (so nannte er das) und hat bei sich zu Hause in der Fußgängerzone einer Taube den Hals abgeschnitten und mit ihrem Blut seinen Namen auf die Wand vom Douglas-Shop geschrieben. Der hat Stimmen gehört, die ihm das befohlen haben, und bevor er das Ding mit der Taube auch bei einem Mädchen durchziehen konnte, haben sie ihn geschnappt. Er hat die Kleine wohl ziemlich verletzt, aber nicht umgebracht. Die Stimmen sind immer noch da, das ist wohl im Augenblick wieder ganz schlimm, und deshalb wird er auch noch eine ganze Weile hier bleiben. Hätte man gar nicht vermutet, wenn man ihn so sieht und mit ihm spricht. Ich hätte auf jeden Fall nicht gedacht, dass der Typ zu so etwas fähig ist, vor allem, weil der auch so klein und schmächtig ist, und gar nicht so fies aussieht. Muss ’ne ganze Wagenladung Tabletten schlucken, der Arme! Wenn’s denn hilft… Ich werde bei ihm auf jeden Fall vorsichtig sein, nach dem, was der mir so erzählt hat… Max hat nichts von sich erzählt, außer, dass er schon zum zweiten Mal hier ist. Der hat total viele Narben auf den Unterarmen, sieht aus, als ob der irgendwann mal in ein Mähwerk gefallen ist. Vielleicht hat der sich ja auch schon mal aufgeritzt, ich weiß es nicht. So, jetzt muss ich erstmal Pause machen und was trinken. Außerdem tut meine Hand weh. So viel hab’ ich ja in den letzten fünf Jahren zusammen nicht mehr geschrieben!

Da bin ich wieder. Meiner Hand geht’s besser. Bin jetzt schon im Bett, da kann ich mich an die Wand lehnen. Eine Lampe gibt’s auch und so kann ich noch ein bisschen weiterschreiben. Das war also die Geschichte meiner ersten drei Tage in der Anstalt. Heute Morgen, an meinem ersten Therapietag, bin ich schon um zwanzig nach sechs aufgestanden. Dad hat mir zum Glück einen kleinen Wecker mitgebracht. Das erste was ich sah, als ich in den Waschraum kam, war ein riesiger Typ mit bloßem Oberkörper, der in hohem Bogen in eines der drei Waschbecken pisste und dazu irgendwas vor sich hin pfiff. Im nächsten Augenblick schoben sich zwei kräftige Jungs an mir vorbei, griffen sich den Großen und führten ihn weg, wobei der natürlich in Ruhe zu Ende pinkelte, so dass wir alle noch was davon hatten. Es war alles irgendwie zugeschifft, also war’s erstmal nichts mit Waschen. Frühstück gibt’s ab viertel nach sieben. Ich hatte so gut wie keinen Hunger und schüttete vier Pötte Kaffee in mich hinein. Um halb neun kam einer der beiden von heute Morgen, die den Riesen abgeführt hatten, stellte sich als Pfleger Thomas vor (noch so ein Großer, der übertrifft sogar Dirk Nowitzki) und brachte mich zum Zimmer der Stationsärztin. Sie wartete schon auf mich, zusammen mit dem Oberarzt. Der heißt Hoffmann-Zalecki, ein Name, den ich mir sofort merken konnte. Er hat sich übrigens nur mit Nachnamen vorgestellt. Vielleicht macht man das als Oberarzt so, von wegen Respektsperson, ich weiß es nicht. Die beiden wollten meine erbärmliche Lebensgeschichte hören, doch darauf hatte ich heute überhaupt keinen Bock. Sie löcherten mich eine gute Stunde lang, viel herausbekommen haben sie aber nicht. War insgesamt ’ne ziemlich zähe Angelegenheit.

Um zehn war ich dann bei Bettina, das war schon viel besser. Wie alt die wohl ist? Schwer zu schätzen irgendwie. Auf jeden Fall sieht sie gut aus mit ihren langen, etwas gewellten Haaren. Als ich Rina damals kennenlernte, hatte sie die Haare auch noch länger, die waren auch etwas gewellt, das sah ziemlich klasse aus. Später hatte sie so eine kurze Strubbelfrisur, das fand ich nicht mehr so toll.

Bettina hat mich erstmal darüber aufgeklärt, was die hier mit mir vorhaben. Dafür sind sich die Damen und Herren Ärzte ja wohl zu schade. Sie wollte wissen, wie es mir geht und ob ich Fragen hätte. Wir haben uns ganz normal unterhalten und sie hat nicht (wie die Ärzte) die ganze Zeit mitgeschrieben, sondern mir richtig zugehört. Bettina hat mir geraten, vom ersten Tag an ein Tagebuch zu führen. Das hab’ ich natürlich erstmal total abgeblockt. Ist doch was für Girls, die ihre tausend Probleme da reinschreiben und dämliche Bilder dazu kleben, aber dann hat sie mich doch überzeugt. Ich könnte so nachlesen, was für Fortschritte ich mache, und außerdem hätte ich jeden Tag etwas zu tun. Ich könnte mich zum Beispiel abends hinsetzen und den Tag noch einmal vorbeiziehen lassen. Das könnte mir helfen, meine Probleme und meine Ängste besser zu verstehen. Sie hat mich sofort überzeugt. Ist doch besser, wenn ich etwas zu tun habe und abgelenkt bin. Max führt auch ein Tagebuch und sagte, dass sich das für ihn wirklich lohnen würde. ›So kann ich später mal nachlesen, was für einen Mist ich hier verzapft habe‹, meinte er. Und wie man sieht, habe ich ja wohl eine Menge zu erzählen, so viel wie ich jetzt schon geschrieben habe! Ich würde gerne noch erzählen, was am Nachmittag los war, da haben sich nämlich die Neuen aus allen Häusern das erste Mal mit einem Gruppentherapeuten, Herrn Rodenstock (Detlef), getroffen. Aber dafür bin ich jetzt einfach zu müde. Mir fallen die Augen zu und ich möchte nur noch pennen. Also, bis morgen und gute Nacht!

 

Dienstag, 31. Mai 2017

Habe fast durchgeschlafen, war nur gegen vier kurz wach, weil einer gegen die Wand schlug. Hab’ ich etwa geschnarcht und den gestört? Wenn ja, dann muss ich wohl ziemlich laut gewesen sein! Bin dann aber nochmal eingeschlafen und habe geträumt, dass Rina den Unfall überlebt hatte und im Krankenhaus lag. Ich wollte sie besuchen und mich für alles entschuldigen. Mit einem Blumenstrauß und einer kleinen Schachtel Pralinen stand ich ehrfurchtsvoll vor diesem riesigen Betonklotz. Drinnen liefen die Leute an mir vorbei, alle total hektisch und verpeilt. Ich habe ein paar von denen gefragt, wo sie liegt und jeder hat mir etwas anderes erzählt. Da bin ich dann zum Schluss ausgeflippt, habe auf alles eingeschlagen, was in meiner Nähe war, und dann kamen zwei Pfleger in weißen Kitteln, die haben mich umgehauen und auf den Boden gedrückt. ›Jetzt ist es aus‹, brüllten sie mich an, ›jetzt kommst du in die Klapse und wirst für immer eingesperrt!‹. An dieser Stelle holte mich der Wecker aus dem Traum und ich war ihm echt dankbar dafür. Hab’ total durchgeschwitzt in meinem Bett gesessen und musste erstmal zu mir kommen. Meine Güte, was können einen Träume doch manchmal fertigmachen! Ich fühlte mich, als hätte ich einen Ringkampf hinter mir.

Waschen klappte heute ohne Probleme. Der Typ von gestern war zwar wieder da, ging aber diesmal zum Pinkeln auf die Toilette. Dafür gab es bei der Medikamentenausgabe am Schwesternzimmer Ärger. Ich muss mich da jetzt auch anstellen; der Oberarzt mit dem schönen Namen hat mir ein Beruhigungsmittel und einen Stimmungsaufheller verschrieben, damit ich ›zur Ruhe komme‹ und ›das Geschehene besser verarbeiten kann‹. Das waren seine klugen Worte. Ich nehme sie ein, schaden kann’s nicht. Heute Morgen warf so ein kleiner Schwarzer mit Rastalocken seine Pillen quer durch den Saal und schrie immer wieder irgendwas vor sich hin, klang wie ›Poison‹, also das englische Wort für ›Gift‹. Na ja, so ganz unrecht hat er ja nicht, aber sie haben ihn sich trotzdem geschnappt und weggeführt. Das habe ich schon gelernt: Wer hier stört, der verschwindet von der Bildfläche. Ich frage mich nur: wohin? Würde es zu gerne mal ausprobieren, aber im Augenblick werde ich den Kopf noch unten halten. Ist besser so.

Beim Frühstück hat jeder seinen festen Platz. Ich sitze bei Max und Robert, ganz vorne am Schwesternzimmer. Einer der neuen, der Schwarze mit den Rastalocken, war heute natürlich nicht dabei, den hatten sie ja einkassiert. Ich hab’ wieder nur wenig gegessen, eine halbe Scheibe Brot mit Marmelade, mehr ging nicht. Dafür wieder vier Tassen Kaffee, vertrage ich aber problemlos, ist bestimmt kein Koffein drin. Ich sitze so, dass ich aus dem Fenster sehen kann, und habe einen hervorragenden Blick auf Haus D, wo die richtig gefährlichen Jungs sitzen. Heute Morgen stand da draußen wieder der kleine, blaue Iseki Gartentraktor mit Anhänger und der Typ im Blaumann machte sich an den Beeten zu schaffen. Mann, was hab’ ich den wieder beneidet! Manchmal mache ich mir Gedanken darüber, mit was für Leuten ich hier in einem Bau zusammenhocke. Was die wohl alles angestellt haben? Dagegen bin ich bestimmt ein Waisenknabe. Oh, es hat geklopft!

So, geht schon weiter. Die Nachtschwester hat mir noch was reingereicht, soll ich bis morgen ausfüllen, hätten sie wohl vergessen. Das ist der einzige Bogen, den ich selbst ausfüllen darf, alles andere haben sie mit ihren dämlichen Frage-Antwort-Spielchen versucht, aus mir heraus zu kitzeln. Nur Bettina nicht, die hat das ganz anders gemacht. Da fühlte ich mich nicht so ausgefragt wie bei den anderen.

Oben links steht der Name der Anstalt, zertifiziert nach DIN ISO Soundso, darunter in der Mitte ›Erhebungsbogen A 63.5 a) zum Konsumverhalten‹, auf dem anderen ›Erhebungsbogen A 63.5 b) zum Konsumverhalten‹. Aha. Musste ich unbedingt aufschreiben☺. A) ist für Drogen, Alkohol und Zigaretten und b) ist für das, was ich esse. Also für mein Ess-Konsumverhalten (meine Güte, was für ein Wort!). Und die glauben mir wirklich alles, was ich da eintrage? Müssen ja ganz schön leichtgläubig sein, die Guten … Ich kann’s kurz machen: Ich rauche wie ein Fabrikschornstein, habe ab und zu mal einen Joint durchgezogen oder Wasserpfeife geraucht; von Alkohol und härteren Drogen habe ich die Finger gelassen. Mal ein bis zwei Bier in der Werkstatt oder ein Whisky auf ’ner Fete, das war’s. Übertrieben hab ich’s nie. Hab’ den anderen immer gerne beim Kotzen zugesehen. Einmal hab’ ich sogar jemand gesehen, der kam mit Schlips und im feinen Anzug auf ’ne Hochzeit, und später lag der im Scheißhaus auf dem Boden vor der Pissrinne und hat da reingekotzt. Neben ihm stand einer, der pisste ihm fast auf den Kopf und sang dabei irgendeinen Scheiß von Madagaskar und Pest an Bord vor sich hin. Widerlich, absolut widerlich. Hab’ niemals morgens schon angefangen und dann den ganzen Tag über meinen Pegel halten müssen. Wollte ja schließlich nicht so enden wie meine Mutter, das wollte ich wirklich nicht. Okay, dann fülle ich jetzt erstmal diesen blöden Zettel aus.

So, fertig, weiter geht’s! Da draußen schrie eben einer rum, dann gab’s auf einmal ’nen Mordskrach. In solchen Momenten habe ich Angst. Ich bin zwar auch nicht ganz dicht, aber hier gibt’s Leute, die sind noch viel abgedrehter und sehen dabei aus wie der leibhaftige Hulk oder Frankensteins Monster, und die Zimmertüren sind immer offen, die kann ich von innen nicht verriegeln, damit die auch immer schön zu mir reinkommen können. Ich hab zwar ’ne Klingel an meinem Nachtschrank, aber wer weiß, wie lange die brauchen … Vielleicht bin ich dann schon tot. Besser, ich denke da im Augenblick nicht allzu lange drüber nach. Ich kann mich zwar wehren und würde das bestimmt auch versuchen, aber gegen einige Brecher hier hätte ich bestimmt nicht den Hauch einer Chance. Puh, hoffentlich passiert mir nichts! Es sollen in dieser Anstalt übrigens nur Männer untergebracht sein (oder habe ich das schon erzählt?).

Um halb neun war heute Morgen dann wieder Arztvisite, Frau Stern und ihr Oberarzt. Diesmal ging’s um meine Jugend, Schule, Ausbildung, erste Liebe und so weiter. Die beiden waren heute Morgen irgendwie anders drauf. Rücksichtsvoller, würde ich sagen. Von Rina, Sammy und Tanja und allem, was in der Zeit passiert ist, als ich mit Rina zusammen war, wollten sie überhaupt nichts wissen. Noch nicht, nehme ich an. Das dicke Ende kommt bestimmt noch.

In der Pause habe ich mir in der Küche einen Kaffee gemacht und Tamara getroffen. Sie ist Schwesternschülerin und hat heute ihren ersten Tag. Kommt aus Sachsen, hört man ziemlich deutlich. Tammy (so wird sie genannt) scheint in Ordnung zu sein, ein cooles Mädchen. Bei der merkt man gleich, dass sie sich durchsetzen kann, allein mit ihrer Stimme, die überall zu hören ist. Wäre zwar nicht so ganz mein Typ (ich steh’ mehr auf die Schlanken), aber die ist schon okay. Meine Güte, jetzt schreibe ich schon wieder so viel. Aber es tut gut, lenkt mich ab, darum mache ich’s ja auch!

Um zehn war ich dann wieder bei Bettina, das war heute nicht so toll. Sie war ziemlich erkältet und sah wirklich gruselig aus. Hoffentlich hat sie mich nicht angesteckt mit ihrem Gerotze. Ich habe mir anschließend erstmal die Pfoten richtig geschrubbt und desinfiziert. Viel rumgekommen ist bei unserem Gespräch nicht: Sie hat sich gefreut, dass ich ein Tagebuch führe und mir das hilft, und ich habe ihr erzählt, wie ich mich fühle und was ich erlebt habe. Hab’ ihr heute auch die Story mit dem Typen erzählt, der ins Bad gepinkelt hat, das habe ich mich gestern irgendwie noch nicht getraut. Damit konnte ich ihr trotz ihrer Erkältung ein Lächeln entlocken. Und sie ist ziemlich hübsch, wenn sie lächelt, sogar wenn sie erkältet ist! Ich wollte von ihr wissen, wohin die Kollegen verschwinden, die etwas Schlimmes angestellt haben, und sie erzählte mir, dass es hier im Haus einen Bereich gibt, in dem die Patienten untergebracht werden, die für kurze Zeit von den anderen getrennt werden müssen, warum auch immer. So eine Art Hochsicherheitstrakt.

Am Nachmittag um drei war wieder Gruppe für die neuen Patienten, mit dem feinen Herrn Detlef Rodenstock. Eigentlich sollten wir ja zu viert sein, aber der Schwarze, der heute Morgen seine Pillen durch die Gegend gepfeffert hatte, war immer noch nicht zurück. Seinen Vornamen habe ich nicht richtig mitbekommen, klingt wie ›Kefir‹. Detlef, unser Chef, sah komisch aus, ganz anders als gestern. Ganz in Schwarz, und sein Pulli saß so eng, dass ich jede Falte und jede Speckrolle am Bauch sehen konnte. Dünn ist der nicht gerade, sein Wanst ragte wie ein Fußball nach vorne. Dazu hatte er sich die Haare mit Gel an die Rübe geklatscht, so dass er aussah wie ein Gangster in diesen alten Filmen. Ein richtiger Kinderschreck, den könnten sie auch in ’nem Horrorfilm gebrauchen. Gestern haben wir uns alle vorgestellt, geschlagene anderthalb Stunden lang. Heute holte Detti einen Ball aus seinem Leinenbeutel raus. Ich ahnte schon, was jetzt kommen würde. Und richtig: Wir sollten uns den Ball zuwerfen und uns Fragen stellen. ›Ihr könnt natürlich auch mir Fragen stellen‹, meinte Detlef. Wie mutig von ihm. Er fing an und warf den Ball (natürlich) zu mir und ich musste wohl oder übel sagen, was meine Lieblingsfarbe ist. ›Grün‹ habe ich gesagt, obwohl das gar nicht stimmt. Meine Lieblingsfarbe ist Rot, geht aber keinen was an. War dann aber doch ganz interessant, unser Spielchen. Da wir nur vier Leute waren, ist der Ball ganz gut gewandert. Es kamen aber nur so banale Fragen nach den Lieblingsbands oder Hobbies und so ein Mist. War aber ganz okay so, mehr hätte ich denen eh nicht erzählt. Ich war froh, als Detlef eine Viertelstunde eher Schluss machte und Uwe uns noch für eine kleine Runde mit nach draußen nahm. War schon ziemlich warm, drinnen merkt man das gar nicht so.

Beim Abendbrot war der Schwarze wieder da. Der heißt übrigens wirklich Kefir, hat sich heute vorgestellt. Hat aber sonst nichts weiter erzählt, schien ziemlich bedröhnt zu sein, als ob er ’nen schlimmen Schädel hätte. Ich hab’ ihm das Brot fertiggemacht, das hätte er alleine gar nicht hinbekommen, und dann hat er ein bisschen was davon gegessen. Ich fand das so schlimm, ich habe heute Abend gar nichts gegessen. Und jetzt knurrt mir der Magen, Mist! Werde noch was trinken, vielleicht geht’s dann wieder weg. Jetzt reicht’s auch, ich habe für heute echt genug geschrieben, will ja schließlich kein Schriftsteller werden.

 

Mittwoch, 1. Juni 2017

Heute war mein erster richtiger Therapietag, mit allem Drum und Dran. Das meiste davon habe ich nur halb mitbekommen, weil ich in der Nacht kaum geschlafen habe und total müde war. Als ich mit dem Tagebuch fertig war, sind mir zwar die Augen zugefallen und ich bin auch eingeschlafen, aber ich hatte einen schlimmen Traum, aus dem ich hochgeschreckt bin, und dann konnte ich bis zum Morgen nicht mehr einschlafen. In dem Traum sah ich meine Mutter, in Jeanshose und Jeansjacke mit einer roten Umhängetasche und engen, pinken Stiefeln, die einen großen Hund an der Leine hatte. Er zog sie hinter sich her, zog immer stärker an der Leine und schließlich riss er ihr den Arm aus und zog den hinter sich her und meine Ma stand blutend und heulend auf der Straße und schrie: ›Hol meinen Arm wieder, Steve, hol meinen Arm wieder! Ich kann doch mit nur einem Arm nicht leben!‹ Also bin ich hinter dem Hund her, doch der war viel zu schnell, und immer, wenn ich kurz davor war, den Arm zu erreichen, lief das Vieh noch schneller. Und der Arm wurde immer dreckiger von dem Staub auf der Straße und ich wusste, den würde sowieso keiner wieder annähen können, so schmutzig wie der war. Als meine Mutter schließlich zusammenbrach, bin ich aufgewacht. Ich war total fertig und das sollte sich den ganzen Tag nicht ändern.

Los ging’s heute Morgen um viertel nach acht mit Ergotherapie. Die haben uns gezeigt, was wir alles machen können: Holzarbeiten, Töpfern, Malen, Brennbilder machen oder mit Speckstein arbeiten. Die Brennbilder kenne ich schon von meiner Mutter, die hat sowas damals auch schon in ihrer Therapie gemacht. Ein Segelschiff und eine Blume hat sie mir damals gemacht, habe ich immer noch. Wahrscheinlich werde ich das auch machen. Wie die Mutter, so der Sohn. Die Ergotherapie findet übrigens in einem anderen Haus statt, da werden wir von einem Pfleger oder einer Schwester hingebracht. Wir dürfen nicht alleine gehen, das ist hier so Vorschrift. Haus A geht um viertel nach acht rüber, wir sind die ersten. Mittlerweile habe ich alle Kollegen von meiner Gruppe, der A2, kennengelernt. Da sind Max, Robert und Kefir, mit denen ich am Tisch sitze, Joachim (genannt ›Jo‹, mit Glasbausteinen in der Brille), Ansgar (das ist der Riese, der neulich morgens ins Waschbecken gepinkelt hat), Paul (der Älteste) und ich natürlich. Ansgar scheint irgendwie ein Problem mit seinen Ausscheidungen zu haben. Als ich in der Ergo heute Morgen zwischendurch mal auf Toilette war, hockte er bei offener Tür in der ersten Kabine auf dem Thron und seilte da in aller Seelenruhe einen Braunen ab. Platsch, platsch. Übrigens genau wie mein Dad: Der ließ auch immer die Lokustür beim Scheißen auf, damit der Zigarettenqualm abziehen konnte und die ganze Familie was davon hatte. Platsch, platsch. Nur wenn er woanders war, dann wurde alles fein säuberlich verrammelt. Bei seinen eigenen Leuten war ihm das scheißegal, im wahrsten Sinne des Wortes. Widerlich. Und meine Mutter hat ihn sogar noch in Schutz genommen, als ich mich einmal darüber beschwert habe. Einfach unglaublich. Später hat sie dann gar nichts mehr mitbekommen, da hätte er auch im Wohnzimmer auf den Tisch scheißen können und es hätte sie überhaupt nicht gejuckt. Okay, das soll hier im Augenblick nicht mein Thema sein. Vielleicht später.

Die Ergo geht eineinhalb Stunden, eine lange Zeit. Viel Blabla (mal wieder) und ich hätte am liebsten schon mit irgendwas angefangen. Einfach was zu tun haben und den Kopf ausschalten, das wäre schön. Ich habe mir Vorlagen angesehen; der Notenschlüssel gefiel mir am besten. Der sei aber nicht so einfach, wegen der Kurven und Bögen, meinte die Therapeutin. Na ja, mal sehen. Wenn’s nicht funktioniert, kann ich immer noch was anderes machen. Schließlich habe ich Zeit genug.

Thomas holte uns ab und brachte uns zu unserem Haus zurück. Nach einer Viertelstunde Pause hatte ich meine erste ›richtige‹ Gruppensitzung. Den Raum kannte ich schon von den Sitzungen mit Detlef Rodenstock. Wir sitzen im Kreis (kannte ich auch schon), die sechs Leute der Gruppe A2 und Tatjana Nowakowski, unsere Chefin. Auf ihrem Namensschild steht ›Psychologische Psychotherapeutin‹, also Psychologin durch und durch. Sieht interessant aus, trägt lauter weites, wallendes Zeug, alles in Schwarz, dazu Ketten um den Hals und Klunker an den Fingern und an den Ohren. Dem Gesicht nach könnte die schon Mitte siebzig sein, aber dann würde sie wohl nicht mehr hier sitzen. Das Beste sind die Haare: pechschwarz mit leuchtend roten Strähnen. Alter Schwede … Wir haben uns der Reihe nach vorgestellt und sie oder Leute aus dem Kreis haben ihren Senf dazugegeben. Am fleißigsten war Joachim, der war total aufgebrezelt und hat ohne Ende gequasselt. Soll mir recht sein, muss ich nicht so viel erzählen. Irgendwann zog das Gelaber einfach nur noch so an mir vorbei und ich musste an Rina denken, einfach so. Ich vermisse dich so sehr und ich wünschte, du wärst noch hier. Es tut mir alles so leid, hörst du? Dann war die Gruppe vorbei, Tabletten holen und Mittagessen. Beim Essen war ich irgendwie nervös. Mir zitterten die Hände, so dass mir die Suppe immer wieder vom Löffel schwappte. Irgendwann habe ich aufgegeben und mir ’nen Joghurt geholt, das klappte viel besser. Max wollte wissen, was mit mir los sei. Ich hatte keine Ahnung!

Am Nachmittag um zwei war ich dann bei Bettina zum Einzelgespräch. Ich habe ihr alles erzählt: die schlaflose Nacht, die Gedanken an Carina, mein Gezittere beim Essen und dass ich mich irgendwie nicht wohl fühle in meiner Haut. Sie meinte, ich sei wahrscheinlich total übermüdet und solle den Sport nach dem Gespräch ausfallen lassen, um mich nicht noch mehr aufzuwühlen. Sie machte das alles klar und ich ging auf mein Zimmer. Ihr ging’s übrigens auch noch nicht so wirklich gut. Die Erkältung hatte sie immer noch fest im Griff. Vielleicht kriege ich ja auch den Rotz, wer weiß? Ich hab’ mich hingelegt, konnte aber nicht schlafen. Tausend Sachen geisterten durch meinen Kopf, ließen mich nicht zur Ruhe kommen und das Zittern war auch wieder da.

Beim Abendbrot hat Paul (der sitzt am Nachbartisch) erzählt, dass letzte Nacht wohl einer aus Haus D stiften gegangen ist. Der hätte die Nachtschwestern vertrimmt und sei dann in ein anderes Haus geflohen, dort hätten sie ihn dann aber geschnappt. Auf einmal hatte ich wieder Angst. Was, wenn einer dieser gefährlichen Typen nachts in unser Haus kommt? Ich bin zum Schwesternzimmer, weil ich immer panischer wurde und habe gefragt, ob so etwas öfter vorkommt, aber die haben alles runtergespielt. Wäre eine absolute Ausnahme und ich solle mir keine Gedanken machen, ich sei hier sicher. Ich mache mir aber Gedanken, verdammt! Jetzt habe ich schon wieder so viel geschrieben, hatte ich heute eigentlich gar nicht vor. Aber es hat mich ein bisschen abgelenkt, das ist gut. Werde jetzt noch etwas lesen. Im Aufenthaltsraum gibt’s einen Schrank mit Büchern, da kann man sich bedienen und da hab’ ich was gefunden: ›Das Schloss im Moor‹, einen Gruselroman. Ich liebe gruselige Bücher, die habe ich schon als Kind verschlungen. Hoffentlich kann ich pennen. Irgendwie fühle ich mich immer noch nicht so gut. Will die Schwestern aber nicht mehr stören, die haben ja auch genug zu tun. Also, liebes Tagebuch, dann bis morgen!

 

Freitag, 3. Juni 2017

Es ist Freitagabend, okay. Wo ist der Donnerstag geblieben? Alles, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag wieder nicht geschlafen habe. Am Donnerstagmorgen ging dann das Gezittere wieder los, viel schlimmer als vorher und ich wurde total panisch, habe eine Heidenangst gehabt. Und von da an weiß ich nichts mehr. Ich bin in einem ganz anderen Zimmer aufgewacht und durch ein Fenster starrte mich Larissa Stern, meine Ärztin, an. Als sie sah, dass ich wieder unter den Lebenden war, kam sie rein, klärte mich darüber auf, wo ich bin, sagte mir Datum und Uhrzeit und erzählte mir dann, was ich alles angestellt habe. Ich konnte es kaum glauben: Am Donnerstagmorgen bin ich tatsächlich ausgeflippt und befinde mich jetzt auf der Beobachtungsstation, also im Hochsicherheitstrakt des Hauses. Mit Beobachtungsfenster, so wie in einem Aquarium. Sie hatten mich wohl auch festgebunden, doch das ist jetzt nicht mehr erforderlich, sagte Sternchen (ist mir gerade eingefallen, passt ganz gut zu ihr). Allerdings könne die Tür zu meinem Zimmer nur mit einem Code geöffnet werden. Danke für den Hinweis, die Zahlentastatur neben der Tür ist mir auch schon aufgefallen. Ich habe hier drin ein Waschbecken und eine Toilette, alles offen, so dass sie auch das von ihrem Fenster aus sehen können. Sternchen meinte, das sei aus Sicherheitsgründen leider nicht anders möglich. Sie benutzte tatsächlich das Wort ›leider‹! Eine mitfühlende Ärztin, sowas gibt’s also auch noch…

Also: Wie sie sagte, bin ich am Donnerstagmorgen gegen sechs, als das Pflegepersonal gerade die Übergabe machte, in Unterhose aus meinem Zimmer geschossen und habe versucht, einen Weg nach draußen zu finden. Er kommt, er kommt, er bringt mich um! soll ich gerufen haben. Ich hab’ auf Türen eingetreten, Tische und Stühle durch die Gegend gepfeffert und die Station übel zugerichtet. Dabei habe ich auch selbst ein paar blaue Flecke abbekommen. Erst mit der Hilfe von vier ausgewachsenen Polizisten ist es gelungen, mich zu stoppen und unschädlich zu machen. Dabei habe ich Tammy wohl so heftig in die Hand gebissen, dass sie ins Krankenhaus musste. Arme Tammy! Tut mir leid… Sie haben mich dann schlafen gelegt und festgebunden, doch sobald ich wieder wach war, soll ich weiter randaliert und die Leute ziemlich übel beschimpft haben. Sternchen ersparte mir weitere Einzelheiten. Heute Mittag, als ich wieder bei Sinnen war, haben sie die Fesseln losgemacht und ich durfte was trinken und auf die Toilette. Aber selbst daran kann ich mich heute Abend nur ganz verschwommen erinnern. Ich muss gleich danach wieder eingeschlafen sein. Alles was ich weiß, ist, dass am Donnerstagmorgen das Gezittere wieder losging und dass ich heute Abend gegen fünf in diesem Zimmer hier wachgeworden bin, alles andere hat mir meine Ärztin erzählt. Auf dem Nachtschrank steht mein Wecker, ein Plastikbecher mit Wasser und da liegt auch der Roman, den ich mir geholt habe. Ich habe Sternchen gebeten, mir mein Tagebuch und etwas zu schreiben zu holen. Sie hat alles prompt besorgt. Hoffentlich hat sie nicht darin gelesen, das wäre mir unangenehm. Nachdem ich etwas gegessen und meine Medis genommen habe, sitze ich jetzt auf der Bettkante und schreibe, wobei mich Klaus Amann, der Stationsleiter, immer wieder durch das blöde Fenster anschaut. Der sieht mich durch seine behinderte Schlaue-Leute-Brille an, als wäre ich ein Käfer unter dem Mikroskop. Im Gegensatz zu seinen Kollegen und Kolleginnen gibt es an diesem Typen nichts, was ihn mir sympathisch machen könnte. Das ist ein eiskalter Fisch, dem man die vielen Jahre in der Psychiatrie deutlich anmerkt. Ein Krankenpfleger, aber ein ganz kaputter. Vor fast 30 Jahren, als Paul das erste Mal hier war, da hat er Klaus Amann bereits getroffen. Damals war Amann noch kein Stationsleiter, sondern nur ein popeliger Pfleger, den es in die Psychiatrie verschlagen hatte. ›Damals war der noch ganz anders drauf‹, hat Paul mir bei einer Kippe und einem Kaffee erzählt (und Paul hat eine ganze Menge zu erzählen, wenn man ihn lässt), ›viel netter und total motiviert. Der hat sich im Laufe der Jahre total verändert.‹ Das glaube ich gern. Schon als ich ihn das erste Mal von Weitem sah, fand ich diesen Typen einfach nur widerlich.

Ich habe noch eine Plastikkanüle im Arm, darüber haben sie mir die ganzen Medikamente gegeben, die stört mich aber nicht beim Schreiben. Tut mir leid, wenn ich etwas wirr klinge, aber so ganz klar im Kopf bin ich immer noch nicht. Sind wahrscheinlich die Medis. Mann, ich bin total alle, jeder einzelne Knochen tut mir weh und ich sehe aus, als wäre ich frontal mit einem 30-Tonner zusammengestoßen. Fürchterlich … Außerdem habe ich Kopfschmerzen, werde wohl gleich doch mal klingeln müssen und fragen, ob ich was haben darf, sonst komme ich vor lauter Schmerzen wieder nicht zum Pennen. Obwohl ich es jetzt schon hasse, Amann um etwas bitten zu müssen.

Sternchen war gerade nochmal da, hat das mit dem Schmerzmittel organisiert und mir erzählt, dass ich noch heute Abend wieder in mein Zimmer zurückkomme. Der andere Platz der Überwachungsstation ist wohl auch belegt und sie brauchen ein Bett in Bereitschaft. Weil es mir wieder gut gehe, könne sie mich ruhigen Gewissens zurückverlegen. Hat sie so gesagt. Ich bin ziemlich baff. Sie hat mir die Kanüle aus dem Arm gezogen, ein Pflaster draufgeklebt und wird mich gleich zurückbringen. So schnell geht das! Also, bis gleich!

So, ich bin wieder in meinem Zimmer, an meinem gewohnten Platz auf dem Bett. Doktor Stern hat mich im Rollstuhl zurückgebracht, es ging durch die Tür, links herum, dann durch eine zweite Tür und dann – standen wir im Waschraum, wo Klaus Amann uns bereits erwartete! Ja, tatsächlich, kein Scheiß, wir waren im Waschraum! Jetzt weiß ich also endlich, wofür diese Tür mit der Nummerntastatur an der Seite gut ist: Das ist tatsächlich der Durchgang zum Hochsicherheitstrakt. Irgendwie seltsam, aber bestimmt nicht ohne Grund so gebaut. Auf jeden Fall sind diese Tür, der Gang und die Tür zum Überwachungszimmer so breit, dass man da ganz bequem auch mit einer Trage oder einem Bett durchkommt. Meine Güte, deswegen sehen einige Kollegen diese Tür so verstohlen und ängstlich an! Die wissen bereits, was dahinter verborgen ist: der Raum des ewigen Schlafes. Ich habe eines der Geheimnisse dieser Station gelüftet. Bin schon sehr gespannt, was ich sonst noch so herausfinden werde. Vielleicht gelingt es mir ja, den Code mitzulesen, der die Tür öffnet. Andererseits… die stehen immer so dicht vor dem Tastenfeld und die Kombination wird bestimmt jeden Tag geändert. Könnte ich mir zumindest so vorstellen. Egal, geht mich ja auch nichts an.

Der Amann nahm mich also in Empfang. Wie immer leichenblass, mit grauen Haaren, hängenden Schultern und leerem Blick. Wie ein Zombie, und so schlich er auch vor uns her in seinen schlabbernden Jeans und seinem karierten Hemd. Sie luden mich in meinem Zimmer ab und verschwanden dann. Nach einer Weile kam Amann zurück und erklärte mir, wie es jetzt weitergehen würde: Meine Medikamente werden heraufgesetzt (hätte ich mir fast schon gedacht!) und sie werden mich in den nächsten beiden Tagen unter strengerer Beobachtung halten als sonst. Ausgang ist erst wieder am Montag möglich. Er sagte, dass mein Vater angerufen habe und mit mir reden wolle und fragte mich, ob ich damit einverstanden sei. Natürlich bin ich das, ich freue mich sogar darauf, auch wenn ich glaube, dass in Wirklichkeit die Anstalt meinen Vater angerufen hat, um ihm zu erzählen, was ich für einen Mist gebaut habe und ihm nahezulegen, mal mit seinem missratenen Sprössling zu reden. Wahrscheinlich halten sie das für eine gute Therapie und weil mein Dad viel zu nett ist für diese beschissene Welt, hat er natürlich zugesagt. Von sich aus hätte der niemals hier angerufen, das hätte der sich bestimmt nicht getraut. Nein, das konnte ich Amann einfach nicht abnehmen.

Die Station sieht jetzt übrigens etwas anders aus: ein paar Pflanzen fehlen, die Stereoanlage, die sonst immer leise vor sich hin dudelte, ist weg, ein paar Stühle und zwei Tische im Speisesaal sind neu. Kann man gut erkennen, die sind nämlich noch nicht so abgewetzt und verschrammt wie die anderen. Zwei Bilder fehlen, das mit dem Regenbogen über der Landschaft und das mit den beiden Masken, eine fröhliche und eine traurige. Egal, die mochte ich eh nicht so besonders. Eben habe ich Max und Robert im Bad getroffen. ›Hast ja ganz nett aufgeräumt hier‹, meinte Max, und Robert grinste nur dazu. Kefir (der lief mir natürlich auch über den Weg) fragte mich, ob ich jetzt mehr ›Poison‹ bekommen würde (das ist sein Ausdruck für die Medis). Als ich mit ja antwortete, strahlte er über alle vier Backen und sagte: ›Dann jetzt du auch mehr sleeping, ganze Tag und ganze Nacht, immer sleep, sleep!‹ Er freute sich wie ein Dreijähriger am Heiligabend. Total abgedreht. Tatsächlich fühle ich mich nach den fünf Tabletten und den Tropfen (einmal hell und einmal schwarz), die ich zum Abendbrot bekam, ziemlich ausgeknockt und meine Augenlider scheinen eine Tonne zu wiegen. Und gleich um zehn gibt es noch die Nachtdosis, also noch einen Hammer obendrauf! Die wird mich wahrscheinlich völlig umhauen. Gut, dass ich schon geschrieben habe, was heute passiert ist, weiß nicht, ob ich das nachher noch schaffen werde. In regelmäßigen Abständen klopft es an der Tür und eine Schwester steckt den Kopf herein. Dann winke ich freundlich und lasse mein Alles gut! hören. Scheiß Überwachung. Na ja, wenn ich so recht darüber nachdenke, ist mir das, was ich gestern (oder vorgestern??) angerichtet habe, schon peinlich. Die Medis federn das alles aber ganz gut ab. Außerdem war ich nicht ich selbst. Muss ich jetzt Angst haben vor mir?? Egal. Ich lasse mich jetzt von den Medis davontragen, dann ist alles nicht mehr so schlimm. Auch die Gedanken an Rina haben nachgelassen. Sind zwar noch da, quälen mich aber nicht mehr. Wie eine Schrift, die man nur lesen kann, wenn man das Papier gegen eine ganz helle Lampe hält. Und dieses Licht wird ganz allmählich immer dunkler, sie dimmen es ganz langsam herunter. Ja, so würde ich es beschreiben. Und irgendwann ist es ganz aus. Ob ich jemals wieder aufwache? Sternchen hat mir erklärt, was ich jetzt bekomme, das sei ihre Pflicht, sagte sie. Sie erzählte was von einem Antidepressivum, einem Antipsychotikum, von Neuroleptika und Tranquilizern, die jetzt in der akuten Phase verabreicht und ganz allmählich wieder herabgesetzt werden würden. Ganz allmählich, jaja … Ich befinde mich also in einer Akutphase, meine Güte! Aber was genau da in meinem Kopf ausgesetzt oder nicht mehr richtig funktioniert hat, das konnte sie mir auch nicht erklären. Der Schlafmangel und dazu die Angst- und Panikzustände hätten zu einem akuten Anfall von Verfolgungswahn geführt, in dem ich jegliche Kontrolle verloren hätte. Das alles schilderte sie mir mit ihrer piepsigen Stimme. Okay, wenn mich die ganzen Pillen und Tropfen davor bewahren, noch einmal so einen Scheiß anzustellen, dann nehme ich sie gerne ein. Außerdem würde ich nachts gerne mal wieder durchschlafen. Was bleibt mir auch anderes übrig? Wenn ich mich weigere, das Zeug zu schlucken, werden sie mich wahrscheinlich festbinden und mir einen Schlauch in den Magen legen, davon habe ich schon mal gehört, das muss einfach nur fürchterlich sein. Das brauche ich nun wirklich nicht.

Okay, nachdem ich mir jetzt die Finger wund geschrieben habe, werde ich mal losstiefeln und mir die Nachtdröhnung holen. Und dann wünsche ich mir einen hoffentlich guten Schlaf.

 

Samstag, 4. Juni 2017

Meine Güte, was habe ich da gestern Abend nur für ein Zeug eingeworfen? Ich war nicht ein einziges Mal wach, nicht mal zum Pinkeln bin ich aufgestanden und das muss ich sonst immer. Und heute Morgen bin ich erst wach geworden, als Mary mich kräftig an der Schulter rüttelte und mit ihrem sächsischen Akzent verkündete, dass es Zeit zum ‚Ooofstään’ sei, wenn ich nicht die Medikamentenausgabe verpassen wolle. Und sie achten hier sehr darauf, dass man seine Medikamente nimmt, oh ja! Den Wecker hatte ich überhaupt nicht gehört, der klingelte in einer völlig anderen Welt. Also raus aus dem Bett, ins Bad geschwankt, kurze Wäsche und zum Schwesternzimmer, wo Mary bereits auf mich wartete. Als sie sich vor ein paar Tagen bei mir vorgestellt hat und mir die Hand gab, habe ich mich gefühlt, als wäre ich in einen Schraubstock geraten. Aber die ist schon okay. Irgendwas sagt mir, dass ich ihr trauen kann. Als ich schwankend wie eine Tanne im Wind vor ihr stand und die Hand aufhielt, sah sie mich ganz mitleidig an. ›Junge, dich hat’s aber ganz schön umgehauen, was?‹, meinte sie und schüttete den Inhalt der Pillenbox in meine Hand. Ich nahm sie alle auf einmal, kippte ein Glas Wasser und die Tropfen hinterher und setzte mich an meinen Tisch, wo ich erstmal zur Besinnung kommen musste. Mary ist bis jetzt die Einzige, die mich hier duzt, alle anderen sind beim ›Sie‹ geblieben. Aber es passt zu ihr, ist halt so ein Kumpeltyp, aber auch eine, mit der ich nicht unbedingt Ärger haben möchte.

Beim Frühstück war mein Anfall natürlich immer noch das Hauptthema, aber ich habe auch erfahren, dass Paul und Joachim am kommenden Montag entlassen werden. Schade, an Paule und Jochi habe ich mich echt gewöhnt, die beiden sind schon okay. Was da wohl für Neue kommen? Hoffentlich nicht solche Chaoten wie Ansgar, der hat wirklich nicht alle Tassen im Schrank. Aber auch mit Robert stimmt etwas nicht. Mit Max ist alles wie immer, total neugierig und immer am Erzählen und auch Kefir plappert mir in seinem deutsch-englischen Slang einen Ring ins Ohr, aber Robert war heute irgendwie anders. Der saß einfach nur da und stierte vor sich hin, hat mich überhaupt nicht angesehen. Sein Essen hat er auch nicht angerührt. Eigentlich kann er ziemlich gut Gitarre spielen. Der hat so eine Westerngitarre auf dem Zimmer und seitdem ich hier bin, habe ich ihn nachmittags oder abends immer mal wieder spielen gehört. Aber heute war Funkstille. Keine Gitarrenmusik. Hoffentlich dreht der nicht auch ab.

Nach dem Frühstück hatte ich ein Gespräch mit meiner Ärztin. Es ging wie üblich los: ob ich Angst oder Panik hätte, Gedanken an Selbstmord und so weiter und so fort. Natürlich wollte sie auch wissen, wie die Medis gewirkt hätten. Einfach großartig, Frau Doktor, mir scheint die Sonne aus dem Arsch! Dann holte sie weit aus und erklärte mir, dass sie die Behandlung mit dem Oberarzt jetzt neu abstimmen würde, und dass mein Ausbruch eigentlich ein gutes Zeichen sei, weil sich bei mir ›etwas in Bewegung gesetzt‹ zu haben scheint. Das kann man wohl sagen! Immerhin ist ein großer Teil des Stationsinventars dabei draufgegangen, das kann man schon als ›in Bewegung gesetzt‹ bezeichnen! Die Blumen haben sie heute ersetzt, aber auf die Bilder und die Stereoanlage werden wir wohl bis auf Weiteres verzichten müssen. Jetzt gibt es nichts mehr, was das Gequassele beim Essen untermalt und etwas erträglicher macht. Schade, meine Schuld…

Etwas später habe ich mit Bettina gesprochen. Die ist wieder fit, hat sich eine Dauerwelle zugelegt und sieht einfach klasse damit aus. Klar, sie ist etwas älter als ich, aber wenn ich die draußen unter anderen Umständen treffen würde, würde ich vielleicht versuchen, sie kennenzulernen. Aber Rina ist mir noch viel zu nah, als dass ich jetzt schon eine neue Beziehung eingehen würde, und außerdem ist Bettina meine Therapeutin. Aber ein bisschen schwärmen darf ich doch wohl, oder? ☺

Ich sollte sagen, über was ich gerne reden wollte und schlug den Besuch meines Vaters vor. Ich habe von ihm erzählt, ohne dass sie viele Fragen stellen musste; bei ihr kann ich das einfach. Ich habe sogar zum allerersten Mal in dieser Anstalt etwas aus meiner Kindheit erzählt. Doch bevor ich das aufschreibe, muss ich eine Pause machen. Gehe mal gerade eine rauchen, bis gleich!

Da bin ich wieder. Zwar fühle ich mich nicht mehr so in Watte gepackt wie heute Morgen, aber ich merke schon, dass ich schneller erschöpft bin als sonst, und da wirken frische Luft und eine Kippe wahre Wunder. Außerdem hab’ ich mir noch einen Kaffee gemacht, pechschwarz natürlich. Robert war da, hat aber nichts gesagt und mich auch nicht angesehen. Dieser Penner, was ist mit dem nur los? Hält der sich etwa für was Besseres? Tammy ist übrigens auch wieder da, hat heute Spätdienst, mit einem Verband an der linken Hand. Ich hab’ mich noch nicht getraut, sie anzusprechen. Irgendwie hat sie auch Angst vor mir und geht mir aus dem Weg. Na ja, kann ich verstehen. Werde mich trotzdem irgendwann bei ihr entschuldigen, muss halt erstmal etwas Gras über die Sache wachsen lassen.

Also, jetzt die kleine Geschichte, die ich Bettina erzählt habe: Mein Dad ist Mitglied in der SPD. Hat mich als Kind schon immer damit zugetextet und als ich dann erwachsen war, wollte er unbedingt, dass ich auch in die Partei eintrete. Wollte ich aber nicht und er war richtig sauer. Verstehe ich bis heute nicht, ist doch meine Entscheidung, ob ich diesem Verein beitrete oder nicht. Als ich klein war, ist er mit mir oft zu Parteitreffen oder Parteifeiern gefahren, manchmal ist auch meine Mutter mitgekommen, aber nicht immer. Meistens hatte die keinen Bock oder das Saufen war ihr wichtiger, aber zu einem Familientag ist sie dann doch mitgekommen und da ist es passiert. Für die Kinder gab es große, rote Luftballons mit weißem SPD-Aufdruck, weiß ich noch genau, und ich hatte auch so einen bekommen, den ich stolz auf dem Platz spazieren führte. Ich ging neben meinem Dad, er hielt mich an der Hand und der Ballon schwebte rechts neben meinem Kopf. Plötzlich gab es einen tierisch lauten Knall und auf meinem rechten Ohr hörte ich nur noch ein hohes Pfeifen. Der Ballon war nicht mehr da, die Schnur hing herunter und auf dem Boden lagen die zerfetzten Reste. Neben mir standen ein paar Typen und lachten; einer von denen hielt eine Zigarette in der Hand. Und auf den ging mein Dad los. Urplötzlich, wie ein Kampfstier. Er schrie den Kerl an, was ihm einfiele und warum er das gemacht habe, und als der Andere immer noch lachte, haute Dad ihm eine rein. Ganz klassisch, ansatzlos mitten in die Fresse. Da ging der Typ in die Knie und heulte. Dad wollte sogar noch einen nachlegen, doch da kam meine Mutter angelaufen und ging dazwischen. Sie schaffte es, meinen Dad da wegzuziehen und ich glaube, dieser Kerl wird ihr bis heute dankbar sein, denn sonst hätte mein Vater ihn wohl zu Kleinholz verarbeitet. Später erzählte er mir, was eigentlich passiert war: Der Typ hatte meinen Ballon mit seiner Zigarette absichtlich zum Platzen gebracht und Dad hatte das mitbekommen. Und dann ist er ausgerastet. So hatte ich ihn bis dahin noch nicht erlebt. Es gab natürlich Ärger. Soweit ich mich erinnern kann, bekam mein Vater eine Anzeige und eine Geldstrafe und außerdem hätte er fast seinen Job bei der Sparkasse in Randringshausen verloren. Aber er hatte sich für mich eingesetzt und dafür habe ich ihn damals geliebt und dafür liebe ich ihn immer noch. Es hat übrigens lange gedauert, bis ich auf dem rechten Ohr wieder vernünftig hören konnte. Ich habe da immer noch ein Pfeifen und manchmal höre ich auch schlechter, aber das hat andere Gründe. Davon vielleicht später, wenn überhaupt. Ist eine andere, traurige Geschichte.

Nachmittags um vier kam er dann, mein Vater. Ich habe Kaffee und Kuchen aus der Küche in den Speisesaal geschleppt und dann haben wir uns an den Tisch am Fenster gesetzt. Ich habe viel erzählt; es war mir unangenehm, wenn wir beide geschwiegen haben. Aber nur so oberflächliches Zeug. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, ihm viel mehr von mir zu erzählen, von meinen Gefühlen, doch als er dann leibhaftig vor mir saß, konnte ich das nicht. Er erzählte von meiner Mutter. Sie ist in der Langzeittherapie in Bad Dreesen, zur Entgiftung war sie mal wieder in Lübbingen, die kennen sie da schon. Sie hat wohl abgenommen und immer noch heftige Probleme. Dad sagte, sie würde behaupten, dass ich an allem schuld sei. Ich würde die Verantwortung für ihren beschissenen Rückfall tragen. Das kann man sehen, wie man will. Meiner Meinung nach hat sie nur einen Aufhänger gesucht, um wieder mit dem Saufen anfangen zu können. Davon wollte Dad allerdings nichts wissen. Sie sei ja immer schon psychisch instabil gewesen und die ganze Geschichte sei zu viel für sie gewesen. Ich war total erstaunt, dass er so redete. Ich hatte in den letzten Jahren nicht mehr den Eindruck gehabt, dass Dad seine Frau wirklich liebte. Es war mehr so ein Zusammenbleiben aus Gewohnheit, eine schreckliche Zweckgemeinschaft. Vielleicht hatte Dad auch Angst, dass meine Mutter sich endgültig den Rest geben würde, wenn er sie verließe. Dann hätte er seine Frau indirekt auf dem Gewissen (so wie ich) und das wollte er wohl vermeiden. Glaube ich, ich weiß es nicht. Wenn man mich fragt: Er hätte sie verlassen sollen, dann hätte er den ganzen Scheiß jetzt nicht schon wieder am Hals. Entgiftung, Langzeittherapie. Immer dasselbe. Und jetzt komme auch ich noch dazu, sein Psycho-Sohn. Doch ich möchte meinen Dad nicht verlieren. Als er heute Nachmittag bei mir war, habe ich gemerkt, wie sehr ich ihn immer noch liebe. Gut, er war auch nicht immer der beste Vater der Welt, ganz im Gegenteil, aber wenn ich ihn brauchte, war er für mich da. Wie damals auf dem Familienfest oder in den Nächten, in denen ich nicht schlafen konnte. Meine Mutter war immer kalt, viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, aber bei meinem Vater habe ich immer so etwas wie Wärme gefühlt, weiß nicht, wie ich das anders ausdrücken soll. Eine Stunde war schnell rum und als wir uns umarmt hatten und die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, da habe ich mich ganz schnell in mein Zimmer verkrochen und geweint. Mary kam rein und setzte sich zu mir. Die hat nichts gesagt, war einfach nur da. Und dann hat sie mich mitgenommen in die Küche, hat Kaffee gekocht und wir haben uns noch eine Weile ans Fenster gehockt. Aufenthaltsraum ging nicht, dort lief der Fernseher auf voller Lautstärke. Dies beschissene RTL hätte ich nicht ertragen können, nicht in dem Augenblick. Und dann habe ich Mary von meinem Dad erzählt. Und sie hat mich nicht ein einziges Mal unterbrochen, wie manche Leute hier. Danke Mary, das werde ich dir nie vergessen, egal, was noch mit mir passiert! Du bist wirklich die Beste hier!

So langsam werde ich müde und meine Hand tut schon wieder weh, also höre ich hier auf. Gehe jetzt noch eine rauchen, dann hole ich die Medis und das war’s dann. Hoffentlich bin ich morgen früh nicht wieder so bedröhnt. Bis dann.«

 

Zweites Kapitel

 

Vernehmungsprotokoll

 

des Beschuldigten Herrn Samuel Fischer, geboren am 19. Mai 1996 in Harfurth, wohnhaft Semmelweg 39 in Bendern, Ortsteil Spradau. 

Datum: 2. Januar 2017

Ort: Kriminaldienststelle Harfurth

Vernehmer: KHK Stefan Ottingmeyer, KOK Carola Frehe-Gerlach 

Der Zeuge wurde darauf hingewiesen, dass die Vernehmung aufgezeichnet wird. Es folgt die Niederschrift dieser Tonaufzeichnung.

»O« – KHK Ottingmeyer

»F« – KOK Frehe-Gerlach

»Fi« – Beschuldigter Fischer

 

Beginn: 08:15

 

O: Herr Fischer, bitte erzählen Sie uns, wo und wie Sie Herrn Petry kennengelernt haben!

Fi: Das war auf der Realschule in Bendern, in der Zehnten. Stevie war sitzengeblieben und kam zu uns in die Klasse und da haben wir uns halt angefreundet.

O: Wie würden Sie ihn beschreiben?

Fi: Hm, trug meist schwarze Klamotten und fuhr ’nen frisierten Roller. Das Ding lief 100 Klamotten! Später hatte er dann ’ne 125er, die hatte sein Dad ihm gekauft, das fand ich damals total klasse! Na ja … [Pause] So ’n bisschen komisch war der schon … [Pause] Sprach nicht viel, kam immer zu spät und deckte seinen Tisch immer mit den Tüchern ab, die er auf dem Moped trug. Viele mochten den nicht, aber ich fand ihn cool. Saß direkt neben ihm und wir haben uns ziemlich flott angefreundet.

O: War sonst noch etwas an seinem Verhalten seltsam?

Fi: Ja, der konnte ziemlich schnell ausrasten. Auf dem Schulhof hat ihm mal einer die Mütze vom Kopf gezogen und aufs Dach geworfen. Der war sogar einen Kopf größer, aber Stevie hat sich einfach umgedreht und dem einen in den Bauch gekloppt, dass der voll in die Knie gegangen ist. Und dann hat er ihm noch in den Hintern getreten, volles Rohr. Wissen Sie: Eigentlich war Stevie ’nen ganz ruhiger und netter Kerl, aber wenn ihn was anpisste, dann konnte der von jetzt auf gleich ausklinken. Eifersüchtig war er auch. Als wir Freunde waren, hat es ihm nie gepasst, wenn ich mal mit anderen Jungs oder Mädels losgezogen bin. Ich hatte immer das Gefühl, dass er mich ganz für sich alleine haben wollte oder so.

F: Hatte Steve denn keine anderen Freunde?

Fi: Nö, nicht wirklich. Bis auf Carina natürlich. Was mir gerade noch einfällt: Stevie fuhr immer, als wollte er sich umbringen, echt! Viel zu schnell und viel zu riskant. Ich bin öfter bei ihm mitgefahren und ich hab jedes Mal ganz schön gebibbert, das können Sie mir glauben! [lacht]

F: Glauben Sie, dass er nicht allzu sehr an seinem Leben hing?

Fi: Ja, genau den Eindruck hatte ich.

F: Was meinen Sie, hat Sie mit Herrn Petry verbunden?

Fi: Wir waren auf einer Wellenlänge, irgendwie. Wir haben beide die Schule gehasst und uns in der Klasse nie so richtig wohl gefühlt. Außerdem hat bei Steve in der Familie ja auch einer gesoffen, die Mutter war das. [Pause] Bei mir war’s der Vater. Toll, nicht? Darüber haben wir mal gesprochen, aber im Großen und Ganzen haben wir nicht so viel gequatscht. Haben lieber an unserem Audi rumgeschraubt. Die Werkstatt, das war unser Reich, da waren wir ganz für uns.

O: Was genau haben Sie beide auf dem Schrottplatz gemacht?

Fi: Wir haben an Autos rumgeschraubt. Steve hat da eine Ecke für sich, die hat er sich als Werkstatt eingerichtet. Ist ja ’nen riesiges Gelände. Da haben wir Schrottautos auseinandergenommen und sein Vater hat die Teile dann verkauft. Und eines Tages stand dieser alte Audi 200 auf dem Hof, ein richtiges Schätzchen aus den Achtzigern, in Gold und innen mit grünem Velours, mit Turbo und Allrad, absolut abgefahren, das Teil! Da hatten wir noch nicht mal den Führerschein, durften den also eigentlich noch gar nicht fahren. Der war schon ziemlich hinüber, aber weil wir uns so in die Kiste verknallt hatten, hat Michael [Anm.: Michael Petry, Vater von Steve Petry] sie uns überlassen. Und dann haben wir das Ding wieder flottgemacht. War ’ne Heidenarbeit, manchmal haben wir bis tief in die Nacht geschuftet, aber als er dann wieder lief, waren wir richtig stolz drauf. Den Motor haben wir frisiert, der hatte am Ende bestimmt hundert PS mehr als vorher! Die Kiste ging ganz schön ab!

O: Woher hatten Sie denn das Geld für die neuen Teile?

Fi: Hm, die waren ja eigentlich gar nicht neu. Auf dem Schrottplatz lagen tonnenweise Sachen rum, da durften wir uns bedienen und dann haben wir die kaputten Sachen einfach ausgetauscht: den Turbo, den Krümmer und den Auspuff. Und was nicht passte, wurde halt passend gemacht!

F: Und als der Wagen wieder lief, sind Sie mit dem durch die Gegend gefahren.

Fi: Genau. Immer nachts, auf den einsamen Straßen in der Nähe von Gut Bökel. Da war keine Sau und da konnte man richtig Gas machen! Und wenn doch mal einer kam, haben wir das Licht ausgemacht und uns verkrümelt. Dann haben wir gewartet, bis er wieder weg war und dann ging’s weiter.

O: Ja, davon haben Sie uns schon in der ersten Vernehmung erzählt. Beide ohne Führerschein, ein Auto ohne Versicherung und Zulassung, dazu so gut wie keine Fahrpraxis. Dafür werden Sie und Ihr Freund sich noch zu verantworten haben und ich hoffe, dass Sie beide nie wieder eine Fahrerlaubnis bekommen werden.

Fi: [entrüstet] Warum das denn?

O: Jemand, der sich so verantwortungslos verhalten hat wie Sie, darf nie wieder ans Lenkrad!

Fi: [aufgebracht] Darauf werden Sie wohl keinen Einfluss haben! Das ist doch schon so lange her, dass wir ohne Schein gefahren sind.

O: Aber sogar als Sie beide dann einen Führerschein hatten, sind Sie weiter mit einem nicht zugelassenen und sicher nicht verkehrssicheren Auto nachts durch die Gegend geheizt, das haben Sie uns ja ganz stolz erzählt. Sie haben andere Verkehrsteilnehmer in erhebliche Gefahr gebracht, das wiegt schon recht schwer, junger Mann!

Fi: [aufgebracht] Ich bin nicht Ihr ›junger Mann‹! Und wenn Sie weiterhin versuchen, mir Angst zu machen, dann werde ich mich über Sie beschweren!

O: [aufgebracht] Jetzt hören Sie mal zu, Sie…

F: [unterbricht] Nur die Ruhe, meine Herren! Ich finde, wir sollten an diesem Punkt mit der eigentlichen Vernehmung fortfahren, meinen Sie nicht auch?

O: Okay, natürlich!

Fi: Ja klar! Bringt doch nichts, wenn wir uns hier anmachen, oder?

F: Herr Fischer, dann schildern Sie uns jetzt bitte noch einmal den Ablauf des Überfalls!

Fi: Aber das habe ich doch schon gemacht!

F: Wir wollen es aber gern noch einmal von Ihnen hören. Möglicherweise ergeben sich auf diese Weise noch einige Fragen und Unklarheiten, die wir aus der Welt schaffen können.

Fi: Na gut. Also, in einer Nacht Anfang Dezember

O: [unterbricht] Vom siebten auf den achten.

Fi: Genau, also an dem Tag hatten Stevie und ich uns nachts mal wieder zum Cruisen verabredet. Wir hatten was Größeres am Motor gemacht und wollten das Teil jetzt nochmal Probe fahren.

F: Den Audi?

Fi: Genau. Na ja, und bevor wir dann losfuhren, hat Stevie mir so ’ne schwarze Motorradmaske gegeben und mir ’ne Pistole gezeigt, die hatte er in seinem Hosenbund stecken.

O: Woher hatte er die?

Fi: Von seinem Vater stibitzt. War natürlich auch geladen, das hat er mir auch gezeigt.

O: Steves Vater besitzt also Waffen?

Fi: Ja, eine ganze Sammlung, soweit ich weiß.

O: Und die sind nicht speziell unter Verschluss?

Fi: Müssen sie ja wohl nicht, wenn Stevie so leicht drangekommen ist, oder?

O: In Ordnung, das werden wir noch überprüfen. Weiter bitte!

Fi: Ich hab Stevie natürlich gefragt, wozu der ganze Kram gut sein soll und er sagte, dass er ein bisschen Geld braucht, und das war’s dann.

F: Und dann sind Sie losgefahren.

Fi: Genau.

F: Und Sie haben keine weiteren Fragen gestellt?

Fi: Nein. Einerseits konnte ich mir ja denken, was er vorhatte und andererseits hatte er diesen Blick drauf, dann sah er immer so richtig gefährlich aus und dann habe ich mich nicht mehr getraut, irgendwas zu sagen. [Pause]

F: Okay. Wie ging’s dann weiter?

Fi: Wir haben uns in Büren am Betonwerk auf die Lauer gelegt, in der Kurve, wo die Laterne steht und haben gewartet. Uns hat keiner gesehen, aber die Laterne ist so hell, dass wir sehen konnten, wer in den Autos saß, die da vorbeikamen.

O: Und wen hatten Sie beide so auf dem Kieker?

Fi: [Pause] Na ja, so ältere Leute halt. Wo’s keinen Stress mit gibt und die wahrscheinlich auch viel Kohle mit dabeihaben. Wir wollten keinen um die Ecke bringen oder sowas.

O: Hätte aber passieren können. Immerhin hatte Ihr Freund eine geladene Pistole dabei.

Fi: Ja, hatte er, aber damit hätte er niemals geschossen.

O: Sind Sie sich da so sicher? Sie haben uns doch schon erzählt, dass Steve Petry unberechenbar war und von jetzt auf gleich ausflippen konnte. Was, wenn sich einer dieser alten Leute doch gewehrt hätte und auf Sie losgegangen wäre, ganz anders, als Sie beide es sich vorgestellt hatten? Was hätte Steve dann gemacht? Was hätten Sie dann gemacht?

Fi: [unwirsch] Ich weiß es nicht, verdammt! Wahrscheinlich hätte ich versucht, einfach abzuhauen. Ist doch jetzt auch scheißegal, oder? Ist doch alles schon passiert, aus und vorbei! Steve und ich sitzen im Knast, wir beide werden bestimmt verknackt und dann sind wir erstmal weg vom Fenster. Was wollen Sie also noch von mir? Warum löchern Sie mich dermaßen?

O: Herr Fischer, wir sitzen aus zwei Gründen hier zusammen: Einmal möchten wir so viel wie möglich über Ihren Freund erfahren, damit meine Kollegen und die Leute aus der psychologischen Abteilung sich ein ganz genaues Bild von ihm machen können. Zum Zweiten möchte ich in Ihnen, Herr Fischer, sowas wie ein Bewusstsein für das wecken, was Sie angestellt haben. Sie haben Herrn Möcker bedroht und ausgeraubt. Das ist kein kleines Ding, das ist ein Verbrechen! Zwar wird man Sie nur wegen Beihilfe anklagen, aber ich will einfach, dass Sie verstehen, was Sie angerichtet haben, Sie und Ihr Freund. Herr Möcker hat sich von dem Überfall immer noch nicht erholt, ganz im Gegenteil: Er befindet sich in intensiver psychiatrischer Betreuung. Er hat einen schweren Schock erlitten, der ihn vermutlich nie wieder loslassen wird. Und jetzt fragen Sie mich noch einmal, was ich von Ihnen will und warum ich Sie so löchere! Wissen Sie, ich habe Anfang der Neunziger einen Fall erlebt, der mir immer im Gedächtnis geblieben ist: Ein Mann fuhr mit seinem Fahrrad auf einem schmalen Weg, der für Fußgänger und Radfahrer zugelassen war. Links von ihm die stark befahrene Berliner Straße hier in Harfurth, vor ihm zwei Jugendliche, die nebeneinander gingen und ihm den Weg versperrten. Der Mann klingelte und einer der beiden machte ihm Platz. Aber gerade als er links an den beiden vorbeifuhr, gab ihm der Junge, der zur Seite gegangen war, einen Stoß und der Mann fiel auf die Straße, mitten in den Verkehr hinein. Der Junge sagte später aus, er sei ›gestolpert‹ und hätte den Mann dabei erwischt. Ein Autofahrer konnte nicht mehr bremsen, überfuhr den Radfahrer und schleifte ihn mit bis in die Bahnunterführung. Was dort von ihm übrig blieb, hatte nicht mehr viel Ähnlichkeit mit einem Menschen. Aus. Ein Familienvater, verheiratet, zwei kleine Töchter. Der Autofahrer, der ihn überfuhr, versuchte zwei Mal, sich das Leben zu nehmen, bis er als menschliches Wrack in der Psychiatrie landete. Es gab eine Menge Zeugen und so kamen die beiden Brüder vor Gericht. Wir präsentierten unsere Zeugen und die beiden taten alles, um die Verhandlung zu stören und die Leute zu provozieren. Ihre Eltern hatten Geld und Einfluss und so bekamen sie den besten Anwalt der Stadt. Schließlich sprach der Richter sie frei, angeblich aus Mangel an Beweisen. Vielleicht war er dem Vater der beiden auch noch einen Gefallen schuldig, wer weiß. Als der Richter das Urteil gesprochen hatte, spielten die beiden sich auf, lachten und scherzten und grinsten die Ehefrau des Getöteten an. Sie hatten ihren Sieg über die Gesellschaft errungen, der sie so viel Missachtung entgegenbrachten, in der sie aber durch das Geld ihrer Eltern so bequem lebten wie die Maden im Schädel einer toten Kuh. Damals schwor ich mir, dass ich so etwas nie wieder erleben will, und seitdem versuche ich bei jedem, der mir hier gegenüber sitzt, ein Bewusstsein für die eigene Schuld zu wecken. Da ich größtenteils mit jungen Straftätern zu tun habe, die noch nicht so kalt und abgebrüht sind wie ihre älteren Kollegen mit Knasterfahrung, habe ich bislang noch so gut wie nie versagt. Gut, bei einem Fall musste auch ich passen, aber ich werde es bei jedem, der hier sitzt, immer und immer wieder versuchen, bis er oder sie mich verstanden hat. Die grinsenden Gesichter dieser beiden Typen habe ich nie vergessen und ich habe auch nicht den Ausdruck auf dem Gesicht der Ehefrau vergessen. Also, Herr Fischer: Sie dürfen mich jetzt gerne noch einmal fragen, was ich von Ihnen will!

[Pause]

F: Wir sind jetzt doch ein wenig vom eigentlichen Thema abgekommen. Ich würde Sie, Herr Fischer, jetzt noch einmal bitten, uns zu erzählen, was in der Nacht vom 7. Dezember geschehen ist.

Fi: Okay. [Pause] Wir standen also auf diesem kleinen Parkplatz am Betonwerk und da kam dieser weiße Mercedes angefahren und bog nach rechts ab, auf die Straße, die durch den Wald nach Randringshausen führt. ›Das ist er!‹, rief Stevie auf einmal und: ›Los, hinterher!‹. Weiß ich noch genau. Ich bin losgeschossen und hinter dem Benz her. Den hatte ich schnell eingeholt, fuhr ja total lahm. Steve sagte, dass sei der alte Möcker, ein Lehrer von der Realschule, an der wir beide waren. Ein richtiger Kotzbrocken, der in so ’ner Protzhütte in Randringshausen wohnt und Stevie echt gequält hat. Wir zogen uns die Masken über und als wir im Wald waren, setzte ich mich vor ihn und bremste ihn aus. Kein Problem mit dem Audi. Steve sprang raus, holte den Alten aus seinem Auto und hielt ihm die Wumme an den Schädel. Der Scheißer rückte sofort alles raus, einfach alles! 300 Euro, eine Breitling und ein Goldkettchen. Ich hab den Mercedes durchsucht, da war noch ’n Handy, eine Porsche Sonnenbrille und zwei Geschenkpakete vom Juwelier. War Schmuck drin, richtig edel, den hatte er schon für seine Alte zu Weihnachten gekauft. Tja, jetzt gehörte er uns. War ’ne richtige Goldgrube, der Gute! Wir haben ihm dann noch eingeschärft, dass er sich in der nächsten halben Stunde nicht von der Stelle rühren sollte. Und Steve hat ihm die Walther nochmal unter die Nase gehalten. Der hat das echt genossen, dass er dem Möcker Feuer unterm Arsch machen konnte! Dann sind wir in den Audi gesprungen und abgehauen und das war’s dann.

F: Und wo haben Sie den Audi versteckt?

Fi: Den haben wir in Steves Werkstatt gefahren und mit einer Plane abgedeckt.

F: Und das Diebesgut?

Fi: Das Geld haben wir sofort geteilt und den anderen Krempel haben wir in den Schrottkisten versteckt, an die keiner mehr rangeht. Wir haben uns ’ne Liste gemacht, wo die Teile waren und wollten erstmal abwarten. Steve hat sich von seinem Geld ein neues Teil für seinen Mazda gekauft.

F: Wie schön für ihn. Er hatte also zwei Autos, den Audi und den Mazda?

Fi: Nein, nicht direkt. Der Audi gehörte uns beiden. Der GTX gehörte Steve ganz allein. Das war sein Ein und Alles. Der war auch richtig angemeldet, mit Kennzeichen und Versicherung und so. Da hat er auch nur neue Teile reingebaut, keinen gebrauchten Schrott oder sowas.

F: Und woher kam das Geld dafür?

Fi: Von seinem Vater. Steve hat auf dem Schrottplatz gearbeitet und dafür Kohle bekommen. Am Anfang reichte das, doch er wollte immer mehr. Das Feinste vom Feinen: Rennsitze, neue Alus, ein einstellbares Fahrwerk, den ganzen teuren Kram halt. Na ja, und dann reichte die Kohle halt nicht mehr. Als er mit Rina zusammen war, hat er die angepumpt, und als da Schluss war, kam er auf die Idee mit dem Überfall. Steve hat ’ne Menge Schulden, wissen Sie?

O: Und höchstwahrscheinlich hätte er mit den Raubzügen munter weitergemacht, oder?

Fi: Höchstwahrscheinlich.

O: Und Vater und Mutter Petry hatten keinen Schimmer, was da abging?

Fi: Das weiß ich nicht so genau. Vielleicht ahnten sie etwas, stand ja alles groß in der Zeitung, aber unternommen haben die gar nichts. Steves Dad war ja immer am Arbeiten und seine Ma hing nur im Haus rum.

O: Und Sie, Herr Fischer? Hatten Sie Gewissensbisse?

Fi: Wenn ich ehrlich sein soll, ja. Ich hatte Angst davor, dass Steve nochmal so etwas abzieht.

O: Hätten Sie denn nicht nein sagen können?

Fi: Ich glaube nicht. Wir waren Freunde, aber irgendwie hatte Steve mich auch in der Hand. War schon alles ziemlich komisch damals.

F: Kommen wir zu Carina Schilling. Wie würden Sie die Beziehung von Steve Petry und Frau Schilling beschreiben?

Fi: [lacht] Die beiden waren total ineinander verknallt. Hingen immer zusammen rum.

F: Hat Ihre Freundschaft zu Steve darunter gelitten?

Fi: Nein, eigentlich nicht. Wir sahen uns ja immer noch und ich durfte auch alleine in die Werkstatt und am Audi rumbasteln, das hat da niemanden gestört.

F: Wie war denn Ihr Verhältnis zu Carina Schilling?

Fi: Mein Verhältnis zu Carina? Gut, richtig gut! Die fand ich einfach klasse, total hübsch und ausgeflippt. Es war echt so, als ob die ’nen ganzen Bienenschwarm in der Hose hatte, so aufgedreht war die immer, verstehen Sie?

F: Ja, verstehe ich.

Fi: Irgendwie passte die auch gar nicht so richtig zu Stevie, so vom Typ her, meine ich. Er war halt nicht so der flippige, spaßige Typ, der war eher ernst. Insofern hätte Rina eher zu mir gepasst, aber die war ja leider schon vergeben. [lacht]

F: Gab es Spannungen zwischen Ihnen und Steve Petry wegen Frau Schilling?

Fi: Nein, überhaupt nicht! Sie gehörte ihm, das habe ich immer akzeptiert. Ich hätte auch wirklich nicht riskieren wollen, dass Steve sauer ist auf mich!

F: In Ordnung. Bitte berichten Sie jetzt weiter von Ihrem Verhältnis zu Frau Schilling!

Fi: Na ja, ein Verhältnis mit der hatte ich ja nicht! [lacht] Okay, okay, ich habe Sie schon richtig verstanden! Also, viel gesehen habe ich Rina ja nicht. Als Stevie bei ihr eingezogen war, hing sie nur noch mit ihm rum, als wären die beiden aneinander gekettet gewesen. Obwohl, an eine Sache kann ich mich erinnern, das war was ganz Besonderes.

F: Bitte erzählen Sie!

Fi: Steve war nicht da und ich war alleine in der Werkstatt. Hab die Rückbank vom Audi ausgebaut und da kam Rina auf einmal rein.

O: Wann war das?

Fi: Das muss so Ende November gewesen sein, kurz bevor wir den Überfall gemacht haben.

F: Was wollte sie von Ihnen?

Fi: Hm… [Pause] Sie wirkte irgendwie anders auf mich, nicht so fröhlich wie sonst. Sie sagte, sie habe mein Auto draußen gesehen und da sei sie reingekommen. Irgendwas war geschehen, das habe ich sofort gemerkt. Sie hat mich gefragt, ob Steve bei mir auch schon mal so richtig ausgeflippt sei und ob er mich schon mal um Geld angepumpt hätte. Beides war für mich eigentlich nichts Neues. Steve verlor immer mal wieder die Nerven und auf die 600 Euro, die er mir mittlerweile schuldet, werde ich wohl den Rest meines Lebens warten müssen. Aber dann zog Rina ihre Jacke aus, zog ihren Pulli hoch und zeigte mir ihre linke Schulter und ihren linken Arm. War beides Grün und Blau, überall Blutergüsse. Sie hatte ganz schön was abbekommen und hatte starke Schmerzen. Den linken Arm konnte sie gar nicht anheben. Sie meinte, dies sei nur die Spitze des Eisbergs.

O: Und wer hatte ihr das angetan?

Fi: Ich konnte es kaum glauben, aber es war Steve. Er wollte neue Felgen und neue Reifen für seinen Mazda kaufen und hatte sie um Geld angepumpt. Doch sie hatte auch nichts mehr und hat den Hahn zugedreht. Und als sie zu seinem Wagen ›Kiste‹ sagte, da wurde er ganz plötzlich fuchsteufelswild und ist auf sie losgegangen, ohne Vorwarnung.

O: Und sie konnte flüchten?

Fi: Ja, er hat sie wohl in Richtung Wohnungstür getrieben und da hat sie die Beine in die Hand genommen und zugesehen, dass sie wegkam. Und dann ist sie zum Schrottplatz gefahren und hat mein Auto hier gesehen.

Sie hat in der Werkstatt kurz mit mir gesprochen und ist dann weitergefahren. Ich hab ihr Hilfe angeboten, aber das wollte sie nicht. Sie meinte, dass sie jetzt zu ihren Eltern fahren und dort erstmal unterkriechen wollte. Meine Güte, die hatte wirklich ’ne Menge abbekommen!

O: Als Sie Steve dann wiedergesehen haben, haben Sie ihn auf die Verletzungen angesprochen, die er Frau Schilling zugefügt hatte?

Fi: [ängstlich] Um Himmels willen, nein! Dann wäre ja die Hölle los gewesen! Nein, Herr Ottingmeyer, das hätte ich niemals gewagt!

O: Okay. Nach dem, was Sie uns bisher erzählt haben, hat Ihr Freund Steve Petry seine Partnerin Carina Schilling also wie eine Gefangene gehalten, sie nach Belieben ausgenutzt und sogar geschlagen. Hatten Sie jemals den Eindruck, dass er sie auch vergewaltigt haben könnte?

Fi: [empört] Nein, wie kommen Sie denn darauf? Steve hat ja eine Menge Scheiße gebaut, aber so etwas hätte er niemals getan, niemals!

O: Sind Sie sich da ganz sicher?

Fi: Ganz sicher kann man niemals sein. Ich kann Ihnen nur sagen, wie ich meinen Freund einschätze.

O: Eigentlich hat er Sie doch ähnlich behandelt wie Frau Schilling, nicht wahr?

Fi: Wenn Sie das sagen, wird’s wohl stimmen.

O: Ich meine damit, dass er Sie auf ähnliche Art und Weise an sich gebunden hatte und nach Belieben für seine Zwecke nutzen konnte.

Fi: Wenn Sie das sagen, wird’s wohl stimmen.

[Pause]

O: Wir müssen die Vernehmung an dieser Stelle nicht fortführen, wir können jederzeit abbrechen. Dann zieht sich der ganze Prozess allerdings noch länger hin. Bedenken Sie bitte, dass Aussagen, die uns weiterhelfen, auch von erheblichem Vorteil für Sie sein können.

Fi: Es kommt immer auf die Art und Weise an, wie man fragt. Und bestechen lasse ich mich schon mal gar nicht. Und erst recht nicht von Ihnen!

O: Oh, mein Gott!

[Pause]

F: Niemand hat die Absicht, Sie zu bestechen, Herr Fischer! Darf ich noch einmal mein Glück versuchen?

Fi: Ja, gerne!

F: Also: Sie und Steve Petry haben sich in der zehnten Klasse der Realschule in Bendern kennengelernt, richtig?

Fi: Stimmt.

F: Mich würde interessieren, ob er mit Ihnen jemals über die Vergangenheit gesprochen hat. Hat Herr Petry etwas von seiner Kindheit, seinem Elternhaus oder von alten Freundschaften erzählt?

Fi: Nicht viel, ehrlich gesagt. Aber es gibt eine Sache, die hat er mir erzählt und die werde ich nie mehr vergessen!

F: Würden Sie uns davon erzählen?

Fi: Okay. Stevie hatte es ja nicht leicht als Kind. Seine Mutter war nur am Saufen und sein Alter war auch nicht ohne. Das wusste natürlich das ganze beschissene Dorf, Büren ist ja nicht so groß. Die Kinder haben ihn angemacht wegen seiner Eltern, der war das schwarze Schaf und der Prügelknabe für alle. Sogar für die Weiber. Am Anfang war der ja noch klein und die sind immer mit ein paar Mann auf ihn drauf und haben ihn fertiggemacht. Erst später, in der Realschule, als Stevie den Schuss gemacht hatte und kräftiger war, da ließen sie ihn endlich in Ruhe, nachdem er ihnen ein paar Mal kräftig was aufs Maul gegeben hatte. Einen von denen hat er umgehauen, der stand erst gar nicht mehr auf! [lacht] Das war die Zeit, wo er anfing, Schwarz zu tragen und sich viel mehr zu trauen als vorher. Da hatte er endlich ihren Respekt. Auf jeden Fall, als Stevie noch in der Grundschule war, da haben sie ihn einmal in einen hohlen Baum eingesperrt, der stand auf der Wiese hinter Kormicks Hof. Einer von ihnen bewachte den Eingang, damit er nicht abhauen konnte, und die anderen sind raufgeklettert und haben dann von oben auf ihn runtergepisst. Ein Mädchen war dabei, das hat den Hintern über ihn gehalten und auf ihn geschissen, im wahrsten Sinne des Wortes. Und er saß unten in diesem scheiß Stamm und sie ließen ihn nicht raus. Erst als er total nass war von Pisse und ihm die Scheiße am Kopf klebte, da durfte er gehen.

F: Das hat er Ihnen erzählt?

Fi: Ja. Niemandem sonst, nur mir.

F: Was geschah dann? Da kommt doch noch was, oder?

Fi: [lacht] Aber ja! Die Sache geschah im Hochsommer; es war brütend heiß draußen und auf der Wiese lag jede Menge Stroh. In der Nacht schlich Steve sich mit einem Benzinkanister zu dem Baum, verteilte das ganze Benzin und steckte es an. Der Baum war furztrocken, der loderte sofort wie ’ne Fackel, und bald brannten auch die Wiese und Kormicks Kuhstall, der stand ja direkt daneben. Muss ein prächtiges Feuerchen gewesen sein, so wie Stevie mir das erzählt hat. Der Baum, die Wiese und der Kuhstall, alles weg! Die Feuerwehr konnte die Kühe retten und verhindern, dass das Bauernhaus auch noch abbrannte, aber natürlich gab’s damals ’ne Menge Wind wegen der Geschichte. Stevie hatte sich versteckt und das Feuer bis zum Schluss beobachtet. Die haben übrigens nicht herausbekommen, dass er das war, die Experten! [lacht]

O: War das zufällig im Sommer 2005?

Fi: Kann sein, hat Steve nichts von gesagt.

O: Ich kann mich daran erinnern. War ein Großbrand damals, beinahe wäre der ganze Hof abgebrannt. Und das alles nur, weil Steve Rache wollte?

Fi: [aufgebracht] Wie fänden Sie es denn, wenn jemand Ihnen auf den Kopf pisst und so eine blöde Schlampe sogar auf sie herunterscheißt? Wahrscheinlich würden Sie sich anschließend hinsetzen und Dankesbriefe schreiben, mit roten Herzchen und so ’nem Scheiß, oder was?

O: [Pause] [unverständlich] Wahrscheinlich nicht, Herr Fischer. Aber vermutlich hätte ich nicht aus Rache das Leben von Mensch und Tier aufs Spiel gesetzt und dabei auch noch wie ein Spanner zugesehen!

[Pause]

 O: Ihr feiner Freund ist ein gefährlicher Mensch, Herr Fischer. Gefährlich und unberechenbar. Vielleicht hat er ja sogar vor, irgendwann an Ihnen Rache zu nehmen.

Fi: [aufgebracht, laut] Warum das denn jetzt schon wieder?

O: Nun, Sie haben uns gerade ein Geheimnis verraten, das er eigentlich nur Ihnen allein anvertraut hatte. Das findet er bestimmt nicht witzig, wenn er davon erfährt. Vielleicht schmiedet er dann ja auch Rachepläne gegen Sie, Herr Fischer!

Fi: [aufgebracht] Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?

O: Ich will Sie vor Steve Petry warnen! Die Freundschaft zwischen Ihnen beiden gibt es schon lange nicht mehr, das können Sie mir glauben! Er wird versuchen, seine eigene Haut zu retten, komme was da wolle. Er hat Sie ja schon verpfiffen, als er nach dem Unfall noch im Krankenhaus lag, sonst hätten wir Sie doch gar nicht so früh verhaften können, Herr Fischer! Glauben Sie mir: Je mehr wir von Ihnen erfahren, desto mehr belastendes Material haben wir gegen Steve Petry in der Hand. Und je länger einer wie er in Haft bleibt, desto besser für die Gesellschaft und vor allem auch für Sie, Herr Fischer! Darüber hinaus kann es sich durchaus strafmildernd für Sie auswirken, wenn Sie mit uns kooperieren. Also, wie sieht es aus?

Fi: [aufgebracht] Aber ich habe Ihnen doch schon eine ganze Menge erzählt! Was wollen Sie denn noch alles hören?

O: Oh, wir haben noch jede Menge Fragen, Herr Fischer!

Fi: Die ich Ihnen heute nicht mehr beantworten werde. Punkt, aus, vorbei!

O: Können wir die Vernehmung dann für heute als beendet ansehen?

[keine Antwort]

O: Herr Fischer, ich frage Sie noch einmal: Können wir die Vernehmung für heute als beendet ansehen?

[keine Antwort]

O: Gut. Dann werte ich Ihr Schweigen in diesem Fall als Zustimmung. Mit Ihrem Einverständnis, Frau Kollegin, erkläre ich die heutige Vernehmung für beendet.

F: Einverstanden.

 

Ende: 09:30

 

Drittes Kapitel

 

Vernehmungsprotokoll

 

des Beschuldigten Herrn Michael Petry, geboren am 6. Januar 1973 in Bendern, wohnhaft Starenweg 133 in Randringshausen, Ortsteil Büren.

Datum: 5. Januar 2017

Ort: Kriminaldienststelle Harfurth

Vernehmer: KHK Stefan Ottingmeyer, KK Daniela Richter

Der Beschuldigte wurde darauf hingewiesen, dass die Vernehmung aufgezeichnet wird. Es folgt die Niederschrift dieser Tonaufzeichnung.

»O« – KHK Ottingmeyer

»R« – KK Richter

»P« – Zeuge Petry

 

Beginn: 10:15

 

O: Ich möchte zu Beginn darauf hinweisen, dass Sie, Herr Petry, heute als Beschuldigter von uns vernommen werden, da Marianne Schilling Ihnen eine Mitschuld am Tod ihrer Tochter Carina Schilling zuweist. Sind Sie über diesen Sachverhalt vollständig informiert?

P: Ja, das bin ich.

O: Und Sie haben sich dazu entschlossen, uns heute ohne einen Anwalt für eine Vernehmung zur Verfügung zu stehen.

P: Ja, das habe ich.

O: Gut, Herr Petry. Dann würden wir Sie zunächst bitten, uns so viel wie möglich von Ihrem Sohn Steve zu berichten und am besten mit seiner Kindheit zu beginnen. Frau Richter und ich werden Sie nur bei Unklarheiten oder Fragen unterbrechen.

P: In Ordnung, das dürfen Sie gerne machen. Also, Steve wurde 1995 in Bendern geboren, da war meine Frau noch in der Ausbildung. War nicht geplant gewesen, der Gute. Ich war aber schon fertig und arbeitete bei meinem Vater im Betrieb.

O: Welchen Beruf haben Sie erlernt?

P: Kaufmann. So ganz freiwillig war das allerdings nicht. Mein Vater hat mich dazu gedrängt. Ich bin sein einziges Kind und er wollte, dass ich den Betrieb übernehme, und da hab ich das halt gemacht. War damals so.

R: Gab es Spannungen mit Ihren Eltern oder den Eltern ihrer Frau wegen der Schwangerschaft?

P: Am Anfang nicht. Wir haben ja geheiratet und sind in mein Elternhaus eingezogen; da hatten wir eine ganze Etage für uns alleine.

R: Wie war das genau? Haben Sie nach der Geburt geheiratet und dann ist Ihre Frau bei Ihnen eingezogen?

P: Nein. Wir haben geheiratet, als Rita wusste, dass sie schwanger war, und nach der Hochzeit ist sie bei mir eingezogen. Wie gesagt, da stand eine ganze Etage leer, ist halt ein ziemlich großes Haus.

O: Welches Gewerbe betreibt Ihr Vater?

P: Er macht das gar nicht mehr. Mittlerweile führe ich das Geschäft; mein Vater ist vor drei Jahren gestorben. Wir haben einen Schrotthandel. Petry und Kemper, sagt Ihnen vielleicht was. Mit Hans-Wilhelm Kemper hat mein Vater das Geschäft gegründet, der ist früh gestorben, den Namen haben wir aber so gelassen.

R: Ihre Frau zog also in Ihr Elternhaus ein und Ihr Sohn kam zur Welt. Wie ging’s dann weiter?

P: Na ja, anfangs war noch alles gut, doch dann haben Rita und meine Mutter sich immer öfter in die Haare gekriegt. Ich habe das gar nicht so mitbekommen, weil ich viel im Betrieb zu tun hatte, den ganzen Tag lang. Rita hat mir immer abends davon erzählt. Wenn ich meine Mutter dann darauf angesprochen habe, wollte sie nichts davon wissen. Die hatte bei uns die Hosen an, da gab’s keine Widerworte, auch nicht von meinem Vater.

R: Es gab also öfter Streit zwischen Ihrer Frau und Ihrer Mutter.

P: Ja, das wurde immer schlimmer und irgendwann bekam Rita dann ihre Migräne, da muss Steve so zwei Jahre alt gewesen sein. Dann hat sie Schmerzmittel eingenommen, richtig starkes Zeug, das konnte man damals alles noch frei kaufen. Das wurde immer mehr. Zum Arzt wollte sie nicht, da konnte ich reden, was ich wollte. Außerdem wollte sie Steve nicht mit meiner Mutter alleine lassen.

O: Ist Ihre Frau von den Schmerzmitteln abhängig geworden?

P: Ja, ist sie. Die Kopfschmerzen waren weg, aber dafür brauchte sie immer größere Mengen. Und meine Mutter machte ihr immer mehr Druck. Ich konnte irgendwie nichts dagegen machen, verstehen Sie?

O: Wie hat Ihr Sohn damals auf diese Situation reagiert?

P: Ich glaube, der hat eine Menge mitbekommen. Viel zu viel, wenn Sie mich heute fragen. Hat ihm bestimmt nicht gut getan. Und später wurde ja alles noch viel schlimmer, als der Alkohol dazukam.

O: Bitte erzählen Sie uns davon!

P: Also, das ging los, als Steve in den Kindergarten ging. Zu der Zeit konnte meine Frau nicht mehr schlafen. Von den Schmerzmitteln bekam sie mittlerweile Magenschmerzen, also ließ sie die irgendwann weg; die Kopfschmerzen kamen dann auch nicht zurück. Dafür hatte sie jetzt diese Schlafstörungen. Waren vielleicht Entzugssymptome, das weiß ich nicht. Sie trank abends mit mir ein oder zwei Gläser Wein, dann konnte sie besser schlafen. Mit der Zeit wurde das aber auch immer mehr und ruck zuck steckte sie in ihrer nächsten Abhängigkeit. Ritas Mutter war übrigens auch Alkoholikerin, ihr ganzes Leben lang, und die ist auch daran gestorben.

R: Wie war diese Zeit für Ihren Sohn?

P: Schlimm, sehr schlimm. Davon gehe ich zumindest aus. Wenn Rita so richtig voll war, konnte sie sehr böse und ausfallend werden. Das haben wir alle abbekommen, da kannte sie nichts.

R: Und Sie haben nichts dagegen unternommen?

P: Wenn meine Frau besoffen war, hatte ich doch keine Chance! Die konnte richtig ausrasten und sogar handgreiflich werden! Wissen Sie, Rita hat mir mal erzählt, dass ihre Mutter - eigentlich eine ganz Liebe - urplötzlich Ausraster und Gewaltattacken hatte, und keiner wusste, was los war. Rita hielt sie für psychisch krank und vermutete, dass sie diese Erkrankung von ihrer Mutter geerbt haben könnte. Bei Rita war so etwas nämlich auch schon vorgekommen und ich vermute, dass der Alkohol das alles nur verschlimmert hat.

O: Hat ein Arzt eine psychische Erkrankung diagnostiziert?

P: Ja, als sie in der Psychiatrie war. Sie sagten, Rita habe eine Psychose und sei manisch-depressiv. Bei ihr ist das wohl mit Gewaltausbrüchen verbunden. Die hat sich dann nicht mehr im Griff und schlägt auf alles ein, was in ihrer Nähe ist.

R: Kann es sein, dass Ihre Frau diese Erkrankung an Ihren Sohn vererbt hat?

P: Ja, das glaube ich.

R: Und vermuten Sie, dass das zusammen mit seiner traumatischen Kindheit zu dem beigetragen hat, was im letzten Jahr geschehen ist?

P: Ja, das könnte sein. Obwohl das ja alles noch gar nicht feststeht. Sind ja alles nur Vermutungen bis jetzt.

O: Herr Petry, erzählen Sie uns bitte von Steves Schulzeit. Hatte er Schwierigkeiten?

P: Hm, in der Grundschule noch nicht so sehr. Als er eingeschult wurde, machte meine Frau ihre erste Entzugstherapie und als sie zurück war, wurde tatsächlich alles besser. Sie kümmerte sich wieder um ihn und verstand sich auch wieder besser mit meiner Mutter. Auf den Elternsprechtagen habe ich nichts Schlimmes gehört und auch seine Zeugnisse waren gut. Allerdings blieb Steve eher für sich, er hat nur ganz selten jemand mit nach Hause gebracht.

R: Hat er sich vielleicht für seine Mutter geschämt?

P: Ja, das kann sein. Büren ist ein kleines Kaff und natürlich wusste fast jeder, was bei uns abging.

O: Sie sagten, dass Steve in der Grundschule noch keine Probleme hatte. Kamen die denn später?

P: Ja, das kann man wohl sagen. Als Steve in der Fünften auf der Realschule war, verunglückten meine Schwiegereltern mit dem Auto. Hildegard, meine Schwiegermutter, hatte sich nach einer Feier betrunken ans Steuer gesetzt und mein Schwiegervater saß daneben. Sie kam von der Straße ab und fuhr gegen einen Baum. Die beiden hatten sich nicht angeschnallt und das war’s dann. Hilde war sofort tot und Rainer starb im Rettungswagen. Rita hat das damals nicht verkraften können und hat wieder mit dem Trinken angefangen und zwar schlimmer als vorher. Für Steve war das hart: Oma und Opa waren auf einmal nicht mehr da und seine Mutter fing wieder mit dem Saufen an.

O: Und wie wirkte sich das aus?

P: Tja… [Pause] Steves Noten wurden immer schlechter und ich musste öfter zur Schule kommen, weil er sich geprügelt oder im Unterricht nicht benommen hatte. Wenn ich ihn drauf ansprach, sagte er immer, dass die anderen angefangen hätten und dass sie schlecht über seine Mutter geredet hätten, und dann habe er sich halt gewehrt. [Pause] Einmal hat er jemanden aus der Klasse über ihm sogar bewusstlos geschlagen, da standen die Eltern wegen Schmerzensgeld und mit ’nem Anwalt bei mir auf der Matte.

O: Hätten Sie nicht Einfluss auf sein Verhalten nehmen können?

P: Hätte ich wohl, aber um ehrlich zu sein: Ich habe mich damals zurückgezogen. Dieser ganze Wahnsinn, dieses Chaos… [Pause] Ich hab’s einfach nicht mehr ausgehalten. Hab mich tagsüber im Geschäft vergraben und abends bin ich mit meinen Kumpels vom Ortsverein losgezogen. Und … [Pause] außerdem bin ich damals eine Beziehung eingegangen.

R: Wie lange ging das so?

P: Ungefähr ein Jahr. Steve sah ich so gut wie gar nicht mehr, der war die meiste Zeit unterwegs, und Rita trank vor sich hin und bekam gar nichts mehr auf die Reihe. Immerhin konnte sie noch Einkaufen fahren, sie brauchte ja schließlich Nachschub und den hab ich ihr nicht mehr geholt!

R: Aber ans Steuer haben Sie sie gelassen?

P: Was sollte ich denn tun? Mir wuchs das alles über den Kopf! Ich ließ die Dinge einfach geschehen, wissen Sie? An Rita traute sich doch keiner mehr ran, die war völlig unberechenbar. Nur einmal, da ist meine Mutter eingeschritten, und da kam’s dann zum großen Knall.

R: Was genau ist da passiert?

P: [Pause] Ich hab das alles von meiner Mutter erfahren: Als es geschah, waren mein Vater und ich mit dem LKW unterwegs. Rita kam aus dem Haus getorkelt und wollte sich ins Auto setzen, um Nachschub zu holen. Meine Mutter hat sich ihr in den Weg gestellt und gesagt, dass sie die Polizei rufen würde, wenn Rita in diesem Zustand fahren würde. Rita ist ausgeflippt, aber diesmal ist meine Mutter hart geblieben, die hatte das Telefon schon in der Hand. Da hat Rita wohl eingesehen, dass sie diesmal nicht mit ihrem Willen durchkommt und ist kurzerhand zu Fuß losgegangen. Sie war gerade vom Hof, da verlor sie die Orientierung und lief vor ein Auto. Hatte mächtig viel Glück: Es war nichts gebrochen, dafür hatte sie aber jede Menge Prellungen abbekommen. Der Fahrer hat trotz allem den Notarzt gerufen und sie kam wieder ins Krankenhaus. Dann ging alles von vorne los: Entgiftung, Reha und so weiter. Und dieses Mal war sie wirklich lange weg.

R: Wie ging es Ihrem Sohn damit?

P: [Pause] Er war ziemlich geschockt. [Pause] Wir haben Rita besucht, er wollte es doch unbedingt, aber es hat ihn schwer getroffen, seine Mutter so zu sehen. Grün und Blau, am Tropf und mit den ganzen Geräten. Ich hab den Fehler gemacht, mich in dieser Zeit nicht gut genug um ihn zu kümmern. Ich war im Geschäft oder auf Achse und habe alles meiner Mutter überlassen. Die hat eigentlich Steves Erziehung übernommen. Heute glaube ich nicht mehr, dass das so gut für ihn war. Er war sehr einsam und hat sich verkrochen. Er wurde größer und stärker und geriet immer öfter mit seinen Großeltern aneinander.

O: Als Ihre Frau aus der Therapie zurückkam, haben sich die Dinge da bei Ihnen verändert?

P: Ja, auf jeden Fall. Sie hat ja noch eine ambulante Therapie nachgeschoben und wurde von einer sehr guten Psychologin betreut. Sie ist nach dieser Zeit tatsächlich trocken geblieben.

O: Sind Sie sich da sicher?

P: Glauben Sie mir, Herr Ottingmeyer, ich hätte es sofort gemerkt, wenn sie wieder angefangen hätte!

O: Okay. [Pause] Haben sich Ihre familiären Verhältnisse denn auch im Hinblick auf Ihren Sohn gebessert?

P: Ja, das kann man schon sagen. Er hat seiner Mutter allmählich wieder vertraut und in der Schule lief es auch besser für ihn. Na ja, in der Zehnten ist er dann doch sitzengeblieben, aber das lag wohl eher an seiner Faulheit. Hatte aber auch sein Gutes: Immerhin hat er auf diese Weise Samuel kennengelernt. Und dann hat er doch noch einen ziemlich guten Abschluss hinbekommen!

R: Samuel ist sein Freund?

P: Ja, sein bester und einziger. Die beiden haben ständig zusammengehockt und an einem alten Audi rumgeschraubt. Ich hab sie machen lassen, waren ja schließlich glücklich dabei! Die beiden waren wirklich eng zusammen, hat mich echt gefreut für Steve! Sie haben übrigens das gleiche Geburtsdatum, den 19. Mai! Interessant, nicht?

R: Auch das gleiche Geburtsjahr?

P: Nein, Steve ist ein Jahr älter. Die beiden waren wie Brüder, das kann man wirklich so sagen!

O: Haben Sie gewusst, was die beiden nachts mit dem Audi angestellt haben?

P: [energisch] Nein, das habe ich nicht! Unser Schlafzimmer liegt nach hinten raus, also nicht zum Schrottplatz hin. Außerdem schlafe ich wie ein Stein und meine Frau nimmt starke Schlafmittel ein. Nein, wir sind wirklich aus allen Wolken gefallen, als wir erfuhren, dass Steve und Samuel den alten Möcker überfallen haben. Meine Güte, er hätte mich doch nur fragen müssen; ich hätte ihm das Geld für seinen Mazda doch auch gegeben! Er hat doch auch für seine Arbeit immer was bekommen!

O: Anscheinend reichte ihm das nicht.

[Pause]

R: Herr Petry, ich möchte Sie nun bitten, uns von der Zeit zu erzählen, in der Ihr Sohn Carina Schilling kennenlernte.

P: Carina, ja… [längere Pause] Nun, meine Mutter hatte im August 2016 einen Schlaganfall, kam ins Krankenhaus und Ende September wieder nach Hause. Da konnte sie die rechte Seite überhaupt nicht mehr bewegen. Wir mussten alles organisieren: Pflegedienst, Pflegebett, Ergotherapie und Krankengymnastik, ein Heidenaufwand! Der Herr Lütkenhöhner vom Pflegedienst kam sofort vorbei. Der hat uns bei allem geholfen und hat auch die Carina mitgebracht und eingearbeitet. Die war schon toll. Immer am Strahlen und gut zufrieden. Hatte auch einen richtig guten Draht zu meiner Mutter. Carina hat es fertiggebracht, dass meine Mutter die rechte Hand wieder etwas bewegen konnte. Schade, dass sie nicht mehr da ist… [Pause] Tja… [längere Pause]

R: Herr Petry, möchten Sie sich einen Augenblick ausruhen?

P: Nein, nein, ist wirklich nicht nötig! Vielen Dank! Ich melde mich schon, wenn es nicht mehr geht. Also: Irgendwann – ich weiß nicht mehr genau, wann das war – da ist Steve der Carina auf dem Hof über den Weg gelaufen. Sie hat sich vorgestellt und er ist reingekommen und hat gleich von ihr erzählt. Ich glaube, es hatte ihn sofort erwischt!

O: Hatte Ihr Sohn vor Carina Schilling schon mal eine feste Freundin gehabt?

P: Nein. Zumindest keine, von der ich wüsste.

O: Fanden Sie das nicht merkwürdig?

P: [aufgebracht] Meinen Sie etwa, meine Frau und ich dachten, er sei schwul oder was?

O: Nein, aber Steve war immerhin schon 21 und

P: [unterbricht, aufgebracht] Ja nun, er wollte sich halt Zeit lassen! Sind halt nicht alle so frühreif wie vielleicht Ihre Kinder!

O: Okay, Herr Petry. Wie ging es dann weiter?

P: Tja, wie es halt so geht: Carina schien Stevie auch zu mögen; sie sahen sich immer öfter, gingen zusammen aus und dann waren sie auf einmal zusammen. Komisch war nur [bricht ab]

R: Was war komisch?

P: Na ja… [Pause] Steve hatte es auf einmal so furchtbar eilig. Er hatte sich verliebt, wollte gleich mit ihr zusammenziehen und sie sogar vom Fleck weg heiraten. Sie waren ja schon ziemlich schnell zusammengekommen, die beiden, aber Carina wollte sich noch Zeit lassen. Die wollte nicht gleich mit Steve zusammenziehen.

O: Hat sie dann aber doch getan. Wie kam es denn dazu?

P: Nun, das lag wahrscheinlich daran, dass Steve die Leute schon immer gut überreden konnte.

R: Nach allem, was wir mittlerweile über Ihren Sohn wissen, Herr Petry, ist es da richtig zu behaupten, dass es sich bei ihm um einen manipulativen und egoistischen Menschen handelt? Bitte seien Sie nicht verärgert, ich möchte nur eine Einschätzung von Ihnen hören.

P: Ist schon in Ordnung. Und Sie haben ja auch Recht. Wenn Steve etwas haben wollte, dann kannte er kein Pardon. Der konnte die Puppen schon ganz gut tanzen lassen! Den Samuel, den hat er ja auch so unter seinen Fittichen gehabt.

R: Ihr Sohn hat sich die Personen gezielt ausgesucht, mit denen er sich umgab, so würde ich ihn jedenfalls einschätzen. Glauben Sie, dass er bewusst schwächere Menschen auswählte, die er nach Belieben kontrollieren konnte?

P: Das klingt sehr hart, trifft aber genau den Punkt. Mein Sohn hat große Angst vor dem Alleinsein, deshalb war er so froh, dass es Samuel und Carina gab, die

O: [unterbricht] er nach Belieben dominieren konnte. Recht gefährlich, finden Sie nicht, Herr Petry?

P: Gefährlich?

O: Nun, was ist denn, wenn eine der Marionetten Ihres Sohnes keine Lust mehr hat? Wenn sie die Verbindung abbricht und Ihren Sohn allein zurücklässt? Haben Sie sich keine Gedanken darüber gemacht, was dann geschehen könnte? Sie kennen Ihren Sohn doch, oder?

P: [gereizt] Herr Ottingmeyer, ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen!

O: Nein? Na, dann frage ich Sie mal, wie es denn gewesen wäre, wenn Sie Carina Schilling wenigstens gewarnt hätten, bevor Ihr Sohn zu ihr zog? Vielleicht hätten Sie manch Schlimmeres verhindern können!

P: [gereizt, laut] Also, jetzt bitte ich Sie aber, ich habe Carina schließlich nicht umgebracht und Steve übrigens auch nicht! Es war ein Unfall!

O: Das stimmt schon, aber wenn Ihr Sohn an jenem Tag vernünftig geblieben und Carina Schilling in Ruhe gelassen hätte, dann hätten wir jetzt möglicherweise eine tote junge Frau weniger zu beklagen!

P: [gereizt, laut] Was hätte ich denn Ihrer Meinung nach tun sollen? Zu Carina gehen und ihr sagen: »Hör mal, der Steve tickt nicht ganz sauber, gib dich lieber erst gar nicht mit dem ab«, oder was? Die beiden waren ineinander verknallt, glauben Sie etwa, die hätten auf mich alten Sack gehört?

R: Meine Herren, es bringt doch nichts, wenn wir laut werden und uns anschreien. Dann können wir das Gespräch an dieser Stelle auch beenden. Ich für meine Person würde gerne noch erfahren, was in der Zeit geschah, als Ihr Sohn bei Frau Schilling eingezogen war.

P: [Pause] Also gut. Als Steve ausgezogen war, hab ich ihn nur noch ganz selten zu Gesicht bekommen. Der kam nur auf den Schrottplatz, um mit Sammy an diesem alten Audi rumzubasteln oder an seinem Mazda. Viel geredet haben wir da nicht. Aber wenn ich ihn sah, hatte ich immer den Eindruck, dass es ihm schlecht ging. Der war irgendwie total gehetzt und nervös. Und immer dünner wurde er auch.

O: Herr Petry, eine letzte Frage von mir: Anfang Dezember 2016 hat ihr Sohn zusammen mit Samuel Fischer den Überfall verübt. Das stand damals in allen Zeitungen. Also nicht, dass Ihr Sohn und Samuel Fischer den Überfall verübt hatten, das wusste man damals ja noch gar nicht, sondern, dass es zwei junge Männer mit Motorradmasken waren, die mit einem auffälligen, goldfarbenen Audi 200 ohne Nummernschild davonfuhren. Das hat uns das Opfer erzählt und so haben Sie es doch bestimmt auch in der Zeitung gelesen, richtig?

P: Ja, das ist richtig.

O: Dann frage ich mich, warum bei Ihnen damals nicht mindestens ein Alarmglöckchen geklingelt hat. Herr Petry. Zwei junge Männer, der goldfarbene Audi und dann noch ein so selten gewordenes Modell? Das konnte doch wohl kein Zufall sein, oder?

P: Es war ja damals gar nicht bekannt, dass es zwei Männer waren, denn Samuel hat ja gar nicht gesprochen, und sie trugen beide Masken, nicht wahr? Und mit der Autofarbe hätte der Opi sich ja schließlich auch täuschen können, oder? Nein, ich habe damals nicht an Steve und Samuel gedacht, wenn Sie das meinen sollten!

O: Soll ich Ihnen mal was sagen? Das glaube ich Ihnen nicht so recht!

R: Da muss ich meinem Kollegen allerdings Recht geben, Herr Petry! Sie müssen doch zumindest einen Verdacht gehabt haben!

P: [gereizt] Nein, hatte ich nicht!

O: Ich glaube, dass Sie damals einfach nicht wahrhaben wollten, dass Ihr Sohn etwas mit dem Überfall zu tun haben könnte. War es nicht so? Und aus diesem Grund haben Sie nichts gesagt. Wenn Sie allerdings etwas gesagt hätten, Herr Petry, dann hätte die Geschichte möglicherweise ganz anders ausgehen können!

P: Ich würde jetzt gerne eine Pause machen.

R: In Ordnung, Herr Petry. Wie sieht es mit dem Kollegen aus?

O: Ist auch in meinem Sinne. Also, wir setzen unser Gespräch nach der Pause fort.

P: Danke.

 

Ende: 11:00

 

 Viertes Kapitel

 

Ulrike Oberhommert

Psychologische Psychotherapeutin

An der Kirche 8

32052 Harfurth

 

Patient(in): Marianne Schilling

Geb. am: 17.05.1970

Therapiesitzung Nr. : -1-

Datum: 04.05.2017

 

Protokoll der Therapiesitzung

 

Es handelt sich um die erste Therapiesitzung dieser Patientin. Sie verlor am 20.12.2016 ihre damals 24-jährige Tochter Carina im Rahmen der sogenannten »Meienhaupt-Entführung« durch einen Unglücksfall. Der Täter war Steve Petry, der damalige Ex-Freund ihrer Tochter. Er befindet sich derzeit in Untersuchungshaft.

Frau Sch. erlitt im Januar 2017 einen Zusammenbruch im Rahmen einer schweren depressiven Episode und beging am 08.01.2017 einen Suizidversuch, indem sie sich bei geschlossener Garagentür den Auspuffgasen eines Autos aussetzte. Sie wurde rechtzeitig von ihrem Ehemann gefunden und blieb für eine Woche stationär im Marienhospital in Harfurth. Von dort erfolgte die Überweisung in die Klinik für Psychiatrie am Städtischen Klinikum Petersfeld, mit ausdrücklichem Einverständnis der Pat. Es erfolgte die medikamentöse Einstellung mit Venlafaxin® und Quetiapin®. Sertralin® konnte nicht eingesetzt werden, da die Pat. darauf mit Durchfällen reagierte. Dies besserte sich nach Umstellung auf Venlafaxin®, wobei zusätzlich Atosil® als Bedarfsmedikation in Krisen angesetzt wurde. Unter Psychotherapie konnte eine Besserung und Stabilisierung des psychischen Zustands erreicht werden. Die schweren Schlafstörungen der Pat., die ihren Ursprung in nächtlichen Angst- und Panikattacken hatten, besserten sich unter der Einnahme von Quetiapin®. Soweit der Abschlussbericht der Psychiatrischen Klinik am Städtischen Klinikum Petersfeld.

Am 02.05.2017 wurde Frau Sch. von dort entlassen und in meine weitere psychologische Betreuung überwiesen. Die üblichen probatorischen Sitzungen entfallen, da Frau Sch. sich bereits im Jahr 2015 wegen einer depressiven Episode nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters in meiner Behandlung befunden hat und mir demnach bekannt ist. Darüber hinaus besteht der ausdrückliche Wunsch von Frau Sch., nach Beendigung ihres Klinikaufenthaltes von mir ambulant weiterbetreut zu werden. Diesem Wunsch werde ich selbstverständlich gerne nachkommen.

Zur heutigen Sitzung erscheint Frau Sch. komplett in Schwarz gekleidet. Sie begründet dies mit der Trauer, die sie noch immer angesichts des Todes ihrer Tochter empfinde. Sie sagt, dass ihr nun nicht nur der Vater, sondern auch noch die Tochter gewaltsam entrissen worden sei. Dies bringt sie ruhig und äußerlich unbewegt hervor. Insgesamt wirkt die Pat. sehr ruhig und gefasst. Ihre Reaktion auf Ansprache erfolgt prompt und sie antwortet stets adäquat. Möglicherweise besteht ein Konzentrationsdefizit durch die Einnahme eines Neuroleptikums in hoher Dosierung.

Mit meinem Vorschlag, die Therapie mit Carinas Geburt zu beginnen und dann an ihrem Lebenslauf auszurichten, zeigt Frau Sch. sich einverstanden. Sie berichtet mir daraufhin Folgendes:

Ihre Tochter Carina Dorothea Schilling wurde am 04.04.1992 in Harfurth geboren. Ihren zweiten Vornamen erhielt sie nach dem ihrer Großmutter. Sie sei sehr quirlig gewesen und habe Frau Sch. und ihren Mann Rolf »immer auf Trab gehalten«. Sie war eine gute Schülerin und brachte es bis zum Abitur. Im letzten Schuljahr habe sie eine Beziehung zu einer Schulkollegin aus ihrer Stufe gehabt. Die beiden hätten sich mehrmals getroffen und etwas unternommen und dann sei auf einmal mehr daraus geworden. Carina habe ihr das alles erzählt; sie hätten immer eine gute und vertrauensvolle Beziehung zueinander gehabt und seien »sehr offen« miteinander umgegangen. Als ich Frau Sch. frage, wie sie reagiert habe, als sie von der Beziehung ihrer Tochter erfuhr, sagt sie, dass sie zwar »nicht entsetzt, aber doch befremdet« gewesen sei, dass ihre Tochter eine lesbische Beziehung führte, und sie sich damals fragte, ob sie in ihrer Erziehung etwas falsch gemacht haben könnte. Mit ihrem Ehemann habe sie über dieses Thema nicht reden können, der hätte dafür bestimmt »kein Verständnis gehabt«, und dann hätte es nur Streit gegeben, den Frau Sch. unbedingt habe vermeiden wollen. Streit in der Familie habe sie nicht ertragen können; für sie musste das Zuhause harmonisch sein, ein Ort, »an dem sich alle wohlfühlen«, dafür habe sie stets alles getan. Als die Beziehung schließlich 2012 beendet war, sei Frau Sch. »sehr erleichtert« gewesen und habe gehofft, dass die Dinge nun wieder einen normalen Verlauf nehmen würden.

Doch dann habe es schon den nächsten Streit gegeben: Ihre Tochter hatte 2011 ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Alten- und Pflegeheim in Bendern geleistet und begann anschließend im Oktober 2012 die dreijährige Ausbildung zur Altenpflegerin. Dies sei ihrem Vater besonders »sauer aufgestoßen«. Er hatte gehofft, dass seine Tochter mit ihrem Abitur, zu dessen Abschluss er ihr vor lauter Freude ein Auto geschenkt hatte, etwas Besseres anfangen würde. Er habe ständig auf Carina eingewirkt und schließlich habe seine Tochter es zuhause nicht mehr ausgehalten und sei in eine kleine Wohnung in Bendern gezogen, ganz in der Nähe ihres Ausbildungsplatzes. Mit diesem Auszug sei ein Riss durch die Familie gegangen, erklärt mir Frau Sch. Es gab sehr oft Streit zwischen ihr und ihrem Mann, etwas, das früher überhaupt nicht vorgekommen sei, und sie hätten sich gegenseitig Vorwürfe wegen Carinas Auszug gemacht. »Mein Mann vermisste seine Rina«, sagt Frau Sch., »sie war sein Ein und Alles, und nun war sie nicht mehr da. Das hat ihn ziemlich mitgenommen und mich natürlich auch.«

Wie Frau Sch. berichtet, hat ihre Tochter sich nach ihrem Auszug nicht mehr zuhause sehen lassen, der Kontakt zu ihrem Vater brach ab. Frau Sch. hat allerdings weiterhin mit ihrer Tochter telefoniert und sie heimlich in ihrer Wohnung in Bendern besucht. Sie beschreibt diese Situation im Rückblick als sehr belastend. Zum einen war da ihr Ehemann, der sehr darunter litt, dass seine Tochter den Kontakt zu ihm abgebrochen hatte, zum anderen hielt sie heimlich ihre Beziehung zu Carina aufrecht. Frau Sch. erwähnt, dass sie wegen dieser Heimlichtuerei große Schuldgefühle gegenüber ihrem Mann gehabt habe und mit ihm bis heute noch nicht über die damalige Situation gesprochen habe. Ihrem Mann gehe es immer noch sehr schlecht und vermutlich würde es ihm noch schlechter gehen, wenn er erführe, dass sie ihn damals belogen und hintergangen habe. »Denn nichts anderes habe ich doch getan, als ich Carina hinter seinem Rücken anrief und besuchte«, meint sie. An diesem Punkt des Gesprächs bittet Frau Sch. um eine kurze Pause.

Nachdem die Pat. sich bereit erklärt hat, das Gespräch fortzuführen, erzählt sie mir von Carinas Ausbildungszeit in Bendern. Ihre Tochter hat sich in der Altenpflege sehr wohlgefühlt. Die Ausbildung machte ihr Spaß und sie hat sich sogar in einen Pfleger verliebt, mit dem sie über ein Jahr zusammen war. Frau Sch. hat den jungen Mann damals kennengelernt und einen »sehr guten Eindruck« von ihm gehabt. Sie habe sich außerdem sehr darüber gefreut, dass die »lesbischen Tendenzen« ihrer Tochter wohl nur ein »Ausrutscher« gewesen seien, wie sie damals annahm. Dass ihre Tochter bisexuell sein könne, sei ihr zu jener Zeit noch nicht in den Sinn gekommen. Erfreulicherweise kam es sogar zu einem Telefongespräch zwischen Vater und Tochter, das von Herrn Schilling initiiert worden sei, da er »seine Rina« so sehr vermisst habe. Er habe sich bei ihr entschuldigt und sie und ihren neuen Freund zum Kaffeetrinken eingeladen.

Frau Sch. sagt, dass es ihr damals extrem schwer fiel, überrascht und erfreut zu tun, weil sie ja bereits von all den Dingen wusste, die Carina ihrem Vater am Telefon erzählt hatte. Auf jeden Fall habe sie sich gefreut, dass die beiden sich wieder angenähert hatten. Zu dem abgesprochenen Kaffeebesuch sei Carina dann allerdings allein erschienen, da ihr Freund sich mittlerweile einer anderen Frau zugewandt und sie sich deshalb von ihm getrennt hatte. Sie sei damals jedoch nicht übermäßig traurig gewesen. Die Freude über das Wiedersehen mit ihrem Vater sei so groß gewesen, dass alles Negative in den Hintergrund getreten sei.

Ich frage Frau Sch., ob sie jemals den Verdacht gehabt habe, dass Carinas Beziehung gescheitert sei, weil sie sich im Grunde doch eher zum eigenen Geschlecht hingezogen gefühlt habe. Frau Sch. bejaht dies und weist darauf hin, dass sich dieser Verdacht im weiteren Verlauf der Geschichte noch bestätigen werde. Auf jeden Fall sei sie damals glücklich gewesen, weil sie den Eindruck gehabt habe, dass die Familie wieder zusammenfinden würde. Ein bisschen habe sie sogar gehofft, dass ihre Tochter wieder zuhause einziehen würde. »Wir hätten ihr die ganze obere Etage zur Verfügung stellen können; mein Mann und ich hätten uns nichts anderes gewünscht«, sagt sie. Augenscheinlich ist im Laufe der Zeit die elterliche Liebe und Fürsorge in einen Kontrollzwang umgeschlagen. Herr und Frau Sch. möchten ihr einziges Kind »unter ihren Fittichen haben« und es auf diese Art und Weise vor allem Bösen bewahren. Sie haben das Erwachsenwerden ihrer Tochter zwar registriert, aber niemals akzeptiert. Dies zeigt sich ganz deutlich in der Reaktion des Vaters, der die eigenständige Berufswahl seiner Tochter ablehnt und permanent versucht, ihr seine Vorstellungen aufzuzwingen. Und auch die Mutter, die ohne Wissen ihres Ehemanns weiterhin die schützende Hand über ihre Tochter hält, kann den mit dem Auszug Carinas verbundenen Kontrollverlust nicht hinnehmen. Ihr oberstes Ziel ist ein gemütliches, friedliches Zuhause, ein Nest, in dem sie für das Wohl der Familienmitglieder sorgt, und sie unternimmt alles in ihrer Macht stehende, um diesen für sie so wichtigen Zustand wieder herbeizuführen. Als Carinas Ausbildung erfolgreich und ihre Beziehung zu dem Pfleger weniger erfolgreich beendet war, sah Frau Sch. ihre Chance zur Familienzusammenführung gekommen. Doch leider sollte sie scheitern.

Wie mir Frau Sch. berichtet, fing ihre Tochter als Altenpflegerin in dem Heim an zu arbeiten, in dem sie auch ihre Ausbildung gemacht hatte. Sie wurde auf der Demenzstation eingesetzt, dem Bereich mit der höchsten Arbeitsbelastung des ganzen Hauses. Ungefähr einen Monat, nachdem sie dort angefangen habe, sei die Altenpflegerin, mit der ihr Ex-Freund sie betrogen hatte, auf genau diese Station versetzt worden, was natürlich für Unfrieden gesorgt habe. Carina sei von dieser Frau, die deutlich älter war als sie, schikaniert und gequält worden. Diese Pflegerin habe die Wut über ihre Versetzung, die sie als ungerecht empfand, an Carina ausgelassen, die sich damals nicht wehren konnte, und alles über sich ergehen ließ. Ihre Tochter habe extrem viele Nachtdienste machen müssen und dafür nie genug freie Tage bekommen, außerdem sei sie in ihrer Gutmütigkeit ständig für erkrankte Kollegen und Kolleginnen eingesprungen, auch auf anderen Stationen und einmal sogar in ihrem Urlaub. Carina sei sehr still geworden in dieser Zeit; sie habe sich immer mehr zurückgezogen und sogar das Rauchen angefangen. »Sie haben ihr das Strahlen genommen«, sagt Frau Sch. als Bilanz der Arbeitszeit ihrer Tochter in der Seniorenresidenz in Bendern. Dazu habe ihr Carina von Vorfällen auf der Station und in dem Pflegeheim berichtet, die sie als absolut bedenklich und teilweise sogar als erschreckend wahrgenommen habe. Etwas, das ihr während des sozialen Jahres und ihrer Schülerzeit noch nicht so extrem aufgefallen sei. Offensichtlich veränderten sich das Betriebsklima und die Arbeitsbedingungen in dem Pflegeheim genau in der Zeit rapide, als Carina dort als ausgelernte Kraft arbeitete, und sie geriet mitten hinein in diesen Strudel. »Ich wusste damals wirklich nicht, wie ich ihr helfen sollte«, sagt Frau Sch.

Die Wende, von der mir die Pat. anschließend berichtet, sei in Form einer kleinen, äußerst positiv formulierten Stellenanzeige gekommen, die ihr Ehemann in der Tageszeitung gefunden und die sie ihrer Tochter gezeigt habe. Carina habe sich daraufhin dort beworben und schon einen Monat später, im Oktober 2016, ihre neue Stelle bei einem ambulanten Pflegedienst antreten können. Durch ihre niederschmetternde Erfahrung mit dem Pflegeheim sei sie am Anfang noch vorsichtig gewesen, habe sich jedoch schnell eingearbeitet und Fuß gefasst. Ganz allmählich sei sie wieder die alte geworden. Wenigstens so lange, bis Steve Petry in ihr Leben getreten sei. Ich ahne, dass die nun folgenden Schilderungen sehr belastend für Frau Sch. werden können und frage sie, ob sie eine weitere Pause einlegen möchte, doch sie verneint. Um dem geplanten, strukturierten Gesprächsverlauf weiterhin zu folgen, bitte ich Frau Sch., die Beziehung ihrer Tochter zu Steve Petry von Anfang an zu schildern.

Ihre Tochter lernte Steve P. kennen, als sie seine Großmutter nach einem Schlaganfall pflegte und betreute. Die beiden fanden sehr schnell zueinander und schon bald stellte Carina ihren neuen Freund den Eltern vor. Offenbar schien es ihr mit dieser Beziehung sehr ernst zu sein; sie habe auf jeden Fall sehr glücklich gewirkt. Ich unterbreche Frau Sch. an dieser Stelle und bitte sie, mir ihren ersten, unmittelbaren Eindruck von Steve P. zu schildern. Sie lacht und meint, dass sie am Anfang nicht gewusst habe, was ihre Tochter an diesem jungen Mann finden würde. Steve habe wie ein Rocksänger ausgesehen: Er war ziemlich dünn, hatte lange, schwarze Haare und ein schmales, blasses Gesicht. Außerdem hatte er zwei schiefe Zähne, was beim Sprechen besonders auffiel. Insgesamt habe er einen scheuen und introvertierten Eindruck gemacht. Ihre Tochter allerdings habe ihn angehimmelt und immer wieder ganz verliebt angesehen. Er sei ja auch ganz nett gewesen, aber so richtig getraut habe sie ihm nie. Irgendetwas in seinem Wesen habe sie misstrauisch gemacht und sie habe oft Angst um ihre Tochter gehabt, vor allem, als Steve Petry bei ihr eingezogen sei. Zu dem Zeitpunkt habe sich die damalige Situation schlagartig geändert. Gleich nach seinem Einzug habe Steve P. damit begonnen, ihre Tochter zu isolieren. Er habe sie nur noch zum Arbeiten »rausgelassen« und sonst gar nicht mehr. Carina habe ihr am Telefon erzählt, dass ihr neuer Freund sich verändert habe und sie total für sich vereinnahmen würde. Außerdem würde er sich von ihr aushalten lassen und nur das wenige Geld beisteuern, das er auf dem Schrottplatz seines Vaters verdienen würde, wenn überhaupt. Frau Sch. hatte damals bereits überlegt, die Polizei einzuschalten, doch Carina habe sie immer flehentlich darum gebeten, es nicht zu tun. Dies bereut die Pat. bis heute. Es geht ihr und ihrem Mann nicht aus dem Kopf, dass ihre Tochter vielleicht noch am Leben wäre, wenn sie damals eingeschritten wären. »Das werden wir niemals überwinden«, sagt sie. Ich gebe ihr zu verstehen, dass dieser Punkt wesentlich bei der Erarbeitung der Therapieziele sein wird.

Obwohl die Therapiezeit bereits beendet ist, bittet Frau Sch. darum, noch eine Begebenheit erzählen zu dürfen, die zu dem passen würde, was wir gerade besprochen haben. Ich räume ihr diese zusätzliche Zeit ein, da es Frau Sch. wirklich wichtig zu sein scheint. Sie erzählt dann, dass ihre Tochter eines Tages, kurz bevor Steve mit seinem Freund Samuel F. in Büren einen älteren Autofahrer überfiel, zu ihr kam. Sie sei wohl erst auf dem Schrottplatz der Petrys gewesen und habe dort mit Samuel F. gesprochen, dann sei sie zu ihren Eltern gefahren. Frau Sch. habe gleich gemerkt, dass etwas mit ihrer Tochter nicht gestimmt habe, Carina habe »verstört« gewirkt. In der Küche habe sie dann ihren weißen Kapuzenpulli ausgezogen und der Mutter den Oberkörper präsentiert, der mit blauen Flecken übersäht gewesen sei. Ihr Freund hatte sie um Geld für sein Auto gebeten und als sie ablehnte und den Wagen auch noch als »Kiste« bezeichnet habe, sei er ohne Vorwarnung auf sie losgegangen. Sie habe ihn nicht mehr wiedererkannt, so als ob ein Dämon in ihn gefahren sei und ihn kontrolliert hätte. Damals wurde es der Pat. zum ersten Mal bewusst, dass der neue Freund ihrer Tochter psychisch krank sein könnte. Ihr Mann habe sofort das Telefon in der Hand gehabt, doch Carina habe ihn davon abgehalten, die Polizei zu rufen. Sie wollte, dass ihr Vater sie zu ihrer Wohnung begleitet und ihr dabei hilft, Steve P. herauszuwerfen. »Mein Mann ist Tischlermeister, groß und kräftig, und er sagte natürlich sofort zu«, erklärt Frau Sch., »doch er musste meiner Tochter versprechen, dass er Steve nichts antun würde.« Frau Sch. beklagt sich darüber, dass sie nicht verstehen könne, warum Carina ihren Freund trotz allem immer noch in Schutz nahm. »Da kommt sie zu uns, zeigt uns die Blutergüsse und will trotzdem nicht, dass wir die Polizei rufen. Das haben wir damals absolut nicht verstanden«, sagt sie. Ich gebe zu bedenken, dass Carina ihren Freund immer noch zu lieben schien und nicht wollte, dass ihm etwas Schlimmes passiert. Sie wollte ihn aus der Wohnung haben, weil die Angst vor ihm unerträglich geworden war, aber irgendetwas tief in ihr schien immer noch mit ihm verbunden zu sein und dieser Teil wollte nicht, dass er geschlagen wird oder im Gefängnis landet. Carina Schilling befand sich damals in einem Zwiespalt, wie er größer kaum sein konnte; sie war verwirrt und deswegen wirkte ihr Handeln auf ihre Umwelt so befremdlich. Es sagt eine Menge über Carinas positiven und zugewandten Charakter aus, dass sie Steve P. trotz allem, was er ihr angetan hatte, immer noch in Schutz nahm, und versuchte, das Gute in ihm zu sehen. Dies teile ich Frau Sch. mit und mit diesem Abschluss scheint sie sich arrangieren zu können. Sie wirkt gefestigter, als wir das Gespräch an dieser Stelle beenden und meint, dass es ihr nun »etwas besser« gehe und das Reden ihr gutgetan habe.

 

Harfurth, 4. Mai 2017

U. Oberhommert

 

 

Zweiter Teil: Trennung

 

 

Erstes Kapitel

 

Aus dem Tagebuch von Steve Petry

 

»Montag, 5. Juni 2017

Leider konnte ich gestern nichts ins Tagebuch schreiben, ich war einfach zu fertig. Am Samstagabend ist was passiert. Und ich habe echt Glück gehabt, dass ich noch hier in meinem Bett sitzen und schreiben kann. Als hätte ich mit meinem Anfall vom Donnerstag nicht schon genug zu tun! Aber es kommt immer noch dicker, bei mir ist das nun mal so. Glücklicherweise habe ich noch mein Einzelzimmer, doch Bettina meinte heute, dass sich das in nächster Zeit wohl ändern wird, wenn es mir besser geht und ich wieder stabiler bin. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, mit einem anderen Typen auf einem Zimmer zu hocken. Was ist denn, wenn der es mitten in der Nacht auf mich abgesehen hat? Wenn ich mich dann wehre (falls ich das überhaupt noch kann), heißt es doch sofort, meine Aggressionen seien wieder einmal zum Ausbruch gekommen und sie schieben mich wieder in die Überwachung und schütten noch mehr Pillen in mich rein. Scheiße, ich sitze echt ganz schön in der Tinte! Und dann tut mir der linke Arm immer noch so weh. Was passiert ist? Ich bin am Samstagabend nach dem Schreiben ja noch eine rauchen gegangen. Ansgar und Robert waren auch im ›Kaninchenstall‹ (so nennen sie die Raucherterrasse hier). Ansgar hatte wie immer seinen starren Blick, so als hätte er gerade ein paar Aliens über den Rasen laufen sehen. Robert stand links neben mir im Schatten, den konnte ich gar nicht so richtig erkennen. Und plötzlich schrie er mich an: ›Mich kriegst du nicht, mich kriegst du nicht, du dreckiges Schwein!‹ Und dann hat er mir irgendwas in den linken Unterarm gerammt. Eigentlich hatte er auf meine Brust gezielt, doch weil ich den Arm hochgerissen habe, hat er halt den erwischt. War auch besser so, sonst hätte ich mir die Grashalme wohl schon von unten ansehen dürfen. Erst tat es gar nicht weh und ich sah, dass ein beschissener Kugelschreiber in meinem Arm steckte. Das Blut sickerte raus und tropfte auf den Boden. Ziemlich viel Blut in ziemlich kurzer Zeit. Jetzt wurde sogar Ansgar wach und starrte auf das zitternde Ding in meinem Arm. Und was macht Robert, dieser Irre? Greift nach dem Teil und will es wieder herausziehen, wahrscheinlich, um es mir durch das Auge ins Gehirn zu rammen. Ich hatte Todesangst, hab alle Kraft zusammengenommen und ihm eine geballert, dass er gegen das Gitter flog und zusammensackte. Das war wohl meine Rettung. Und dann tat Ansgar das einzig Richtige: Er lief los und holte Hilfe.

Ich wurde ins Klinikum nach Reine gefahren, mit Polizeibegleitung. Da haben sie mich erst geröntgt, dann kurz schlafen gelegt und mir den Kugelschreiber aus dem Arm gezogen. Als ich wieder wach wurde, war es total hell. Mein Arm tat höllisch weh und sie hatten einen dicken Verband drumgewickelt. Zwei Polizisten standen in der Ecke und starrten mich an. Eine nette Ärztin kam und erklärte mir, dass keine größeren Verletzungen entstanden seien. Das Ding habe zwischen einem Muskel und dem Knochen gesteckt (oder so ähnlich) und ich hätte mordsmäßiges Glück gehabt. Jetzt müsste ich Antibiotika einnehmen, damit sich die Wunde nicht entzündet. Sie zeigte mir das, was Robbie mir in den Arm gejagt hatte: Ein roter Kugelschreiber, ohne Mine und unten angespitzt. Ein verdammtes Mordwerkzeug. Womit hat er den nur so spitz bekommen? Wir dürfen kein Zeug auf unseren Zimmern haben, mit dem wir uns oder andere massakrieren könnten, also keine Messer, Scheren oder sowas. Das wird ständig kontrolliert und wir werden auch regelmäßig durchsucht. Aber Kugelschreiber sind erlaubt, sonst könnte ich mein Tagebuch ja auch gar nicht weiterschreiben. Na ja, vielleicht werde ich das noch herausfinden. Ich werde Max mal fragen, der hat seine Ohren doch überall.

Sie brachten mich zurück in mein Zimmer. Ich bekam Schmerzmittel und war froh, dass ich auf dem Bett lag. Thomas war gerade verschwunden, da fielen mir schon die Augen zu. Bis heute Morgen habe ich durchgepennt, wie ein Toter. Ich habe es ja von Anfang an gewusst: Hier wird mir früher oder später etwas Schlimmes passieren.

Heute Morgen kam Mary rein, schaute nach dem Verband und holte mich aus dem Bett. Das Waschen klappte ganz gut. Der Arm ist zwar etwas angeschwollen, aber das stört mich nicht. Viel Schlimmer ist das Antibiotikum. So ein dicker Brocken, den bekomme ich kaum herunter, nur mit literweise Wasser. Ich könnte mittlerweile eigentlich von meinen Medis leben, so viele muss ich jeden Tag fressen. Aber die Schmerzmittel nehme ich gerne, in meinem Arm pocht und sticht es doch noch ganz schön. Dieses Arschloch! Ich hoffe, mein Schlag hat gut gesessen und er hat auch solche Schmerzen wie ich!

Beim Frühstück war ich natürlich die Attraktion. Max wusste schon wieder alles. Woher hat der Junge das bloß immer? Er erzählte, dass Robert lammfromm gewesen sei, als sie ihn schnappten und er habe sich einfach so abführen lassen. ›Überwachung‹, krächzte Max aufgeregt, ›und dann bloß ab nach Haus D mit dem! So was wie der gehört hier nicht hin!‹ Kefir erzählte, dass Ansgar sich nach der ganzen Aktion eingepinkelt und eingeschissen hatte, mitten im Speisesaal stand und mit beiden Händen in dem herumwühlte, was sich in seiner Unterhose befand. Ist wohl seine Art und Weise, mit einem Schock umzugehen. Arme Sau! Manchmal tut er mir echt leid. Ich hoffte nur, dass Kefir uns nicht noch erzählte, dass der Riese seine eigene Scheiße gegessen hatte, sonst hätte ich mein Frühstückstablett wohl endgültig in den Abräumwagen gestellt. Gottseidank hatte Ansgar das nicht getan. Sie haben aber wohl eine ganze Stunde im Bad gebraucht, bis sie ihn wieder sauber hatten. Oh mein Gott, hoffentlich haben sie da alles desinfiziert!!

Jetzt, wo Robbie weg ist, haben sie uns gleich einen neuen Kollegen an den Tisch gesetzt. Na ja, eigentlich ist Bernd gar nicht so neu, der hängt hier auch schon eine Weile ab, aber ich kenne den noch nicht so gut, deswegen ist er für mich ein ›neuer‹. Jetzt wollte ich statt ›eigentlich‹ doch tatsächlich ›im Grunde genommen‹ schreiben, dabei hasse ich nichts mehr als diesen bescheuerten Ausdruck. Im Grunde genommen. Ständig hat meine Mutter diesen Satz gebraucht, ständig! Das war wie Gehirnwäsche:

›Im Grunde genommen seid ihr doch daran schuld, dass ich trinke!‹

›Im Grunde genommen dürftest du gar nicht auf der Welt sein, Steve!‹

›Im Grunde genommen ist es egal, ob ich Tabletten oder Alkohol nehme, Hauptsache, ich muss euch nicht mehr ertragen!‹

Im verfickten Grunde genommen. Immer wieder geistert mir das durch den Kopf. Vielen Dank, Ma! Und natürlich bin ich daran schuld, dass du trinkst. Und natürlich war ich nicht geplant, weiß ich auch schon seit Längerem. Und natürlich wäre es dir am liebsten, wenn du mich einfach verschwinden lassen könntest, dieses kleine Stück Dreck, das du vor 23 Jahren aus dir herausgedrückt und vom ersten Augenblick an gefressen hast. Danke, Ma! Ich muss jetzt mal eine rauchen gehen.

Da bin ich wieder. Ist noch ziemlich warm draußen. Nach dem ersten Zug wurde mir glatt ein bisschen schwindelig, dann ging es aber. Also, zurück zu Bernd. Uwe hat ihn uns heute Morgen vorgestellt und erzählt, dass Bernd an seinem alten Tisch nicht mehr klarkam, es gab da wohl irgendwelche Schwierigkeiten. Jetzt, wo Jo, Paule und Robbie nicht mehr da sind, wird Bernd in unsere Gruppe wechseln, angeblich, um sie aufzufüllen. Das heißt natürlich auch, dass er auf unseren Flur umziehen wird. Dann sind aber immer noch zwei Betten frei und ich kann mein Einzelzimmer bestimmt behalten. Ist zwar nur für neue, aber ich bin ja eigentlich noch neu, auch wenn ich schon so einiges erlebt habe in der kurzen Zeit. Also: Ich weiß, dass Max mit Robert zusammenwohnte, der ist jetzt allein, Ansgar war mit Paul zusammen, und Kefir war bei Jo mit auf der Bude. Den Schwarzen haben sie gleich in ein Zweibettzimmer gesteckt und ich hab die Einzelhütte für die neuen bekommen. Daran habe ich mich echt gewöhnt und eigentlich kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, einen anderen Typen neben mir liegen zu haben (ich meine natürlich in dem Bett neben mir ☺).

Ich glaube, dass der gute Bernie in seiner Gruppe Stress gemacht hat und die jetzt testen wollen, ob er sich mit uns verträgt. Da kommt bestimmt wieder irgend so ein Scheiß auf uns zu. Beim Frühstück hat er keinen Ton gesagt. Saß nur da und stopfte sich die Backen voll wie ein Hamster. Irgendwie sieht der auch so aus. Hat nicht mal mit der Wimper gezuckt, als Kefir seine Geschichte vom Stapel ließ. Bei der Mediausgabe habe ich mitbekommen, dass sie ihm das Doppelte von dem in die Hand schütten, das sie mir eintrichtern. Ein richtig schwerer Junge, meine Fresse!

Im Kaninchenstall war er noch nie und er zieht auch nicht diese Zigarettenwolke hinter sich her wie wir anderen. Na ja, warten wir’s ab!

Nach dem Frühstück hat Uwe meinen Verband gewechselt. Ganz vorsichtig hat er das gemacht. Sähe alles ganz gut aus, meinte er. Es hat sich nicht entzündet und die Schwellung ist auch schon zurückgegangen.

Ergo hat richtig Spaß gemacht; ich habe endlich mit meinem Notenschlüssel angefangen. Gottseidank hat Robert meinen linken Arm erwischt, so kann ich wenigstens weiterarbeiten. Ist wirklich nicht so einfach, diese Bögen und Schleifen hinzubekommen, aber wenn ich ruhig bleibe und mich konzentriere, geht das ganz gut.

Ich musste an unsere Autos denken. Was hat das immer Spaß gemacht, wenn wir an denen rumgeschraubt haben! Am Audi zum Beispiel. Da waren vorne beide Federdome hin und hinten war der halbe Kofferraum weggegammelt. Auch am Motor mussten wir ’ne ganze Menge machen, aber wir haben ihn wieder hinbekommen, Sammy und ich. Ich vermisse auch meinen Mazda. Da steckt eine Menge Zeit und Arbeit drin. Ob Dad den wohl sicher und trocken untergestellt hat? Bestimmt hat er das, aber ich werde ihn trotzdem fragen, wenn er demnächst wieder kommt.

Den Audi haben die Bullen ja abgeholt, als sie herausbekommen hatten, dass Sammy und ich es waren, die den alten Möcker nachts erleichtert hatten. Damals war es aufregend, heute tut’s mir eher leid. Obwohl, dieses Schwein hatte es verdient, dass ihm mal einer den Arsch so richtig auf Grundeis gehen lässt. Man stelle sich das einmal vor: Da sitzen Sammy und ich nachts in unserer Karre und warten darauf, dass einer vorbeikommt, dem wir ein bisschen was abnehmen können. Mein Dad wollte mir kein Geld mehr geben; er meinte, dass ich mir schon viel zu viel von ihm gepumpt hätte, das sollte ich erstmal auf dem Schrottplatz abarbeiten. Rina hatte den Geldhahn auch zugedreht und ich habe ihr dafür eine geballert. Der Dämon war mal wieder stärker als ich, ich konnte nichts dafür. Ich war total klamm und der Mazda brauchte dringend neue Reifen. Neue Felgen wollte ich mir auch gleich gönnen. Und wer kommt da vorbeigefahren, mitten in der Nacht, am Arsch der Welt? Willy Möcker, mein ehemaliger Lehrer von der Realschule. Nein, was für ein beschissener Zufall! Ausgerechnet der Möcker, der mich vor der ganzen Klasse fertiggemacht hat und bei dem ich Blut und Wasser geschwitzt habe. Ich kann mich noch genau daran erinnern: Willy war unser Erdkunde- und Mathelehrer, eine fette Qualle mit knallrotem Kopf. Der hat mich in der Achten nach vorne geholt und eine Ewigkeit gelöchert. Erdkunde war noch nie meine Stärke und diese Ratte wusste das genau. Also hat er mich so fertiggemacht, dass ich zum Schluss nicht mal mehr die Hauptstadt von Italien wusste und einfach nur noch irgendwas vor mich hin stammelte. Alles lachte und auch Willy hatte seinen Spaß, oh ja, den hatte er! Am liebsten hätte ich ihm damals eine geballert. Nur konnte ich da den Dämon noch viel besser im Zaum halten. Oder er war einfach noch nicht so stark wie heute. Einen Gefallen habe ich dem fetten Schwein auf jeden Fall nicht getan: Ich habe nicht angefangen zu heulen! Wahrscheinlich wollte er das, doch das hat er nicht hinbekommen. Ich weiß, dass er es war, wegen dem ich in der Zehnten sitzengeblieben bin, der hatte mich wirklich auf dem Radar, dieser Scheißkerl! Und in der Zeugniskonferenz hat er dann den Daumen nach unten gedreht. One more time, Stevie! Bestimmt wusste er von der Sauferei meiner Mutter und den Dingen, die mein Vater nebenbei so trieb, und hatte mich deswegen als Prügelknabe ausgesucht. Es gab noch viele Gelegenheiten in meiner Realschulzeit, in denen Willy M. sich um mich gekümmert hat, und damals, an diesem einen beschissenen Abend, hatte ich endlich die Gelegenheit, es ihm heimzuzahlen. Der Kerl hatte Augen so groß wie Untertassen, als wir ihn gestellt hatten und ich ihm die Wumme mitten in sein dummes Gesicht hielt. Die war sogar entsichert und ich glaube, er ahnte das. Beinahe hätte ich ein bisschen damit rumgeballert, um ihn mal so richtig zum Schwitzen zu bringen, aber dafür waren wir nicht weit genug von den Häusern weg. Willy sah auch ohne Rumgeballere schon so aus, als würde er sich im nächsten Augenblick in die Hose scheißen. Er rückte alles raus, hatte es sogar richtig eilig damit! Seine Kohle, die fette Rolex (die Spasten wie er gerne tragen) und noch so ein schwules Goldkettchen. Diese teuren Uhren hatte er damals in der Schule schon immer getragen. Bei uns zuhause reichte es hinten und vorne nicht, obwohl Dad den ganzen Tag auf dem Schrottplatz schuftete, aber er musste sich ja auch um alles andere kümmern, weil meine Mutter mal wieder im Krankenhaus oder in Therapie war. Und dieser dämliche Lehrer führte seine beschissenen Uhren und Goldkettchen in der Schule spazieren. Das war wie Weihnachten, als wir ihn damals in Büren in der Klemme hatten; ich hätte ewig so weitermachen können, so wie ein richtiger Gangster halt. Heute stelle ich mir manchmal vor, dass wir ihm auch noch seine Klamotten hätten abnehmen sollen, dann hätte er nackt durch die Gegend laufen müssen. Fahren konnte er nämlich nicht mehr, dafür hatte Sammy mit einem Griff unter die Motorhaube gesorgt. War aber mächtig kalt damals, vielleicht wäre er sogar noch abgenippelt und das wäre bestimmt nicht so gut gekommen. Ja, der Möcker. Und wegen dem sitze ich jetzt hier drin. Aber das war es wert! Oooh ja, jede Sekunde war es wert!!

Was gibt es sonst noch von diesem Tag zu erzählen? Gruppe war völlig unspektakulär: Max, Kefir, Ansgar und ich, das Schweigen im Walde. Miss Nowakowski was not amused...

Bettina hat mir erklärt, warum Robbie auf mich losgegangen ist: Er hat halt eine Schizophrenie und da kann es trotz aller Medikamente immer noch passieren, dass er Stimmen in seinem Kopf hört, die ihm etwas befehlen. Zum Beispiel, dass ich ihm etwas Böses will und er mich beseitigen muss. Das kann auch mal ganz plötzlich geschehen. In einem Augenblick ist noch alles gut und im nächsten geht er auf die Leute los. Robbie hat wohl überhaupt große Schwierigkeiten mit neuen Leuten Er betrachtet sie in seinem kleinen Reich als Eindringlinge und dieses Mal hatte er sich halt mich als Feind ausgeguckt. Ziemlich gruselig! Und wie zur Hölle hat er es geschafft, aus diesem Kuli ein Mordwerkzeug zu machen? Darauf wusste Bettina leider auch keine Antwort. Oder sie wollte es mir nicht sagen, damit ich nicht schon wieder abdrehe. Egal, ich bin froh, dass ich glimpflich davongekommen bin, das brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen. Trotzdem sitzt mir der Schock immer noch in den Knochen. Im Augenblick gehe ich nur rauchen, wenn Max mitkommt. Irgendwie habe ich Schiss davor, alleine oder mit einem anderen auf der Terrasse zu sein. Und Max ist mein bester Kumpel hier. Auf jeden Fall der, dem ich am meisten vertraue. Der würde bestimmt dazwischen gehen, wenn so etwas nochmal passieren würde. Hoffe ich zumindest. Werde mal nachsehen, ob er noch wach ist und noch einmal mitkommt. Dann schnell Pillen holen und dann haue ich mich hin. Bis morgen Abend!

 

Dienstag, 6. Juni 2017

Heute ist so ein richtiger Scheißtag, im wahrsten Sinne des Wortes. Schon in der Nacht bin ich immer wieder wachgeworden, weil ich Bauchschmerzen hatte. Wieder eingeschlafen und wieder wachgeworden, einfach ätzend. Und so ab fünf Uhr ging’s dann los: Durchfall! Junge, junge, ich hab die Keramik ganz schön beben lassen; davon ist bestimmt die halbe Belegschaft aufgewacht! Ich musste natürlich ausgerechnet dann nochmal, als es im Waschsalon langsam voller wurde. Da haben sie sich über jeden Furz halbtot gelacht. Konnte ich doch nichts für. Dafür habe ich ihnen den schönsten Duft der Welt vor die Nasen gesetzt und der ist den ganzen Tag nicht so richtig abgezogen, weil die Luft draußen so dick war. Ätsch, ihr dummen Säcke! Das gab’s kostenlos für euer blödes Gelächter!

Ich bin dann zu Mary, die hat mir was gegeben, zwei dicke Kapseln. Das Antibiotikum hat sie weggelassen. Sie meinte, es könne sein, dass ich das nicht vertrage und deswegen Dünnschiss hätte. Das meinte Sternchen später auch. Also, tschüss, liebes Antibiotikum, der Arm muss so heilen. Ist aber auf einem guten Weg. Sternchen hat den Verband gewechselt und war zufrieden, immer noch keine Entzündung. Puh, wenigstens etwas! Zum Frühstück gab’s bei mir nur Orangensaft mit Wasser. Die anderen haben übrigens auch nicht so viel gegessen, vielleicht war denen meine Duftmarke auf den Magen geschlagen ☺. Amann kam an unseren Tisch und wollte mit uns reden. Ich ahnte mal wieder was und sollte auch mal wieder Recht behalten. Er sagte, dass sie die Belegung unseres Flurs ›umstrukturiert‹ hätten, weil Bernd heute umziehen würde und außerdem zwei Neue zu uns kämen. Für mich würde das bedeuten, dass ich meine Sachen packen und nach Zimmer 2 umziehen müsse, also ein Zimmer weiter. Kefir müsse zu Ansgar nach Zimmer 3 ziehen und Max würde in Zimmer 4 bleiben. Einer der neuen käme ins Einzelzimmer (wahrscheinlich der gefährlichere von den beiden) und der andere zu Max. Bernd käme zu mir auf Zimmer 2. Es würde reichen, wenn wir nach dem Mittagessen umziehen würden. Das war’s. Er stand auf und verpisste sich. Hat uns nicht einmal angesehen während des ›Gesprächs‹, dieses wandelnde Skelett. Wenn der irgendwann mal in Wachs gegossen und ausgestellt werden sollte, werden sie mächtig sparen können. Diesen Strich in der Landschaft kann man aus einer einzigen Stumpenkerze herstellen! Wenn ich wollte, könnte ich den mit einem Punch … Nein, Schluss jetzt! Bettina hat gesagt, ich soll diese Gedanken sofort unterbrechen, wenn sie auftauchen. Sie hat mir auch erklärt, wie ich das machen kann, aber das ist leider nicht immer so einfach.

Ich schreibe also heute Abend in meinem tollen neuen Zimmer. Wenn man reinkommt, ist links der Schrank; die linke Hälfte davon gehört mir. Genauso ist es mit dem Zimmer. Links ist mein Bett, mit Nachtschrank. Ein Tisch mit zwei Stühlen steht da auch noch rum, aber ich häng’ eh nur auf dem Bett ab. Bernd ist ein ziemlich ordentlicher Typ. Alles glatt gezogen und gerade, alles an seinem Platz. Unter seine Waschsachen hat er sogar eine Zeitung gelegt. Bis jetzt war er noch nicht so oft im Zimmer, finde ich auch ganz gut so. Meine Güte, was war das für eine Räumerei nach dem Mittagessen! Alle waren irgendwie am Umziehen und ich war der Einzige, der es einigermaßen geregelt über die Bühne bekommen hat. Kefir und Bernd mussten sie helfen, die beiden waren völlig verpeilt! Das kommt davon, wenn man alles ›umstrukturiert‹ und uns dann damit alleine lässt, bätsch! Ich habe die wichtigsten Sachen erstmal aufs Bett gepfeffert und wenn ich pennen will, werfe ich sie auf den Boden, so einfach ist das.

Nach den Kapseln, die Mary mir heute Morgen gegeben hatte, ging’s mir tatsächlich besser. Auch die Bauchschmerzen waren weg, Gott sei Dank! Wahrscheinlich hat sich das Antibiotikum nicht mit dem ganzen anderen Kram vertragen. Nehme ich an, aber ich bin ja kein Arzt. In der Ergo musste ich nochmal auf den Pott, aber da kam schon nicht mehr so viel. Wahrscheinlich der letzte Rest, denn seitdem hab ich nicht mehr geschissen. Hunger hab ich nicht. Ein paar Scheiben Weißbrot und zwei Bananen, das war’s für heute. Wenn ich nur an den Gestank von heute Nacht denke, wird mir immer noch schlecht. In meinem Bauch grummelt und summt es, als wäre dort ein Hornissennest drin. Ist eine astreine Diät, obwohl ich eigentlich gar nicht abnehmen müsste. Eigentlich könnte Tammy mir ein bisschen was abgeben. Ich hab ja neulich schon damit angefangen, mir ein bisschen was von ihr zu gönnen … ☺ Nee, Schluss jetzt!! Ich kann froh sein, dass sie sich überhaupt wieder mit mir abgibt. Könnte ja auch voll sauer sein und mit mir nichts mehr zu tun haben wollen. Die ist aber anders drauf, hat die Aktion wohl abgehakt. Glück gehabt!!

Den Notenschlüssel habe ich mittlerweile fertig. Sieht gut aus, aber ganz anders als die Bilder von meiner Mutter. Irgendwie… heller? Was Neues möchte ich nicht mehr machen. Habe mir heute die Holzwerkstatt angesehen; ist ziemlich cool da, allerdings nur für Leute, die stabil sind, und bei denen man sicher sein kann, dass sie ihre Kollegen mit dem Werkzeug nicht zu Kleinholz verarbeiten. Andererseits frage ich mich: Woher wollen die denn wissen, wann einer stabil ist? Robbie war auch in der Holzwerkstatt, vielleicht hat er da ja auch den scheiß Kuli angespitzt, den er mir in die Brust jagen wollte. Obwohl ja eigentlich alle gründlich durchsucht werden. Einmal, wenn wir die Ergo verlassen und dann nochmal, bevor wir wieder in unsere Häuser zurückkehren. Allerdings müssen wir uns nicht ausziehen. Wer weiß schon, wo er sich den Kuli hingesteckt hatte? Wenn mein Arm sich doch noch fett entzündet und abfällt, dann weiß ich‘s…

Tatjana hatte sich heute besonders schick gemacht, mit einer roten Halskette aus Tischtennisbällen und einem roten Pulli, dazu eine enge schwarze Hose und rote Lederstiefel. ›Wie Karl Arsch auf Urlaub‹, pflegte meine Mutter bei solchen Gelegenheiten zu sagen, oder besser: zu lallen. Unsere Chefin hatte Glück, dass keiner aus unserer Runde sich für einen Stier hält. Bernd ist erst ab Freitag mit dabei. Ich glaub bei uns hat er’s besser. Bei den anderen sind schon ein paar fiese Typen dabei, dagegen sind Kefir, Max, Ansgar und ich echte Waisenknaben, auch körperlich.

Bei Bettina war es heute wieder sehr interessant. Sie hat mir verschiedene Themen vorgeschlagen und ich habe ›Schuld‹ ausgewählt. Ich habe überlegt, wofür ich mich schuldig fühlen könnte. Sicher, ich hab schon so einiges angestellt. Das Rumgeheize in der Nacht ohne Nummernschilder und ohne Rücksicht auf Verluste, der Überfall auf den alten Möcker und dass ich Sammy in alles mit reingezogen habe. Dann natürlich die Geschichte mit Carina. Ich hab sie geschlagen wegen der Kohle für die beschissenen Reifen und sie musste vor mir flüchten. Ich hab danach in ihrer Wohnung gehockt und nur noch geheult. So leid hat mir das getan. Aus Rache hat sie sich dann mit Tanja zusammengetan, das geschah mir nur recht. Damals habe ich das alles noch ganz anders gesehen. Ich war einfach nicht ich selbst. Der Dämon in mir hat immer mehr die Regie übernommen und ich hatte mich einfach nicht mehr unter Kontrolle. Die schönste Zeit von Carina und mir war sowieso unser Kennenlernen. Bei uns zuhause lief es gut; meine Mutter war trocken und ich habe bei Dad im Betrieb gearbeitet und ganz gut verdient. Hab da so einiges wieder flottgemacht, das konnte er dann verkaufen. Ich bin ja schließlich gelernter Kfz-Mechatroniker. Irgendwann werde ich vielleicht noch mal meine eigene Werkstatt aufmachen, sowas wie Autotuning oder so, wenn ich hier je wieder rauskomme! Egal, damals lief es auf jeden Fall ganz gut für mich. Ich wohnte zuhause, hatte ’ne ganze Etage für mich alleine und immer was zu futtern. War ganz bequem. Nur Oma ging’s nicht so gut, aber darum kümmerte sich ja der Pflegedienst. Ich könnte das nicht: Waschen, dies Hin- und Herdrehen im Bett und erst das Saubermachen. Das ganze Haus stank, wenn Omi so richtig einen abgelassen hatte. Den Dunst bekam man nur ganz schwer wieder raus. Andererseits: Wenn Oma damals nicht krank geworden wäre, hätte ich Rina nicht kennengelernt. Das war wirklich ein Glücksfall und alles passte perfekt. Wenn sie frei hatte, waren wir zusammen. Wenn sie mal nicht da war, arbeiten musste oder sich mit ihren Freundinnen traf, dann ging’s mir schlecht, richtig schlecht. Ich hatte dann immer eine Heidenangst, dass irgendein Kerl sie mir wegschnappen würde. Deswegen fand ich es ja so gut, dass ich bei ihr einziehen durfte. Und sie hat mir sogar Geld für den Mazda gegeben, obwohl sie selbst gar nicht so viel verdiente (dieser Chef ist wirklich ein Halsabschneider, den sollte man wegen Sklavenhalterei verklagen!). Das fand ich damals richtig lieb von ihr. Ihre Eltern hatten ja ordentlich Kohle, die hatten ihr ’nen Twingo RS zum Abitur geschenkt. Das Gordini-Sondermodell in Blau, mit den zwei weißen Streifen. Sah klasse aus, die Karre und ging auch ziemlich gut. Carina ist damit immer verteufelt schnell durch die Pampa geheizt. Ihre Eltern hätten ihr bestimmt unter die Arme gegriffen, aber das wollte sie nicht. Sie wollte auf eigenen Beinen stehen, hat sie immer gesagt. Autsch, ich merke gerade, dass es wieder in meinem Bauch kneift! Werde nochmal zur Toilette tigern müssen…

Bin einem der beiden neuen begegnet, der stand breitbeinig an der Pissrinne und ließ gerade mächtig einen fahren. War allerdings keine Konkurrenz für mich, habe ihn locker übertroffen mit meinem Kanonenschlag. Kein Dünnschiss mehr, aber tonnenweise Luft. Reicht für ’ne Menge Blasmusik und heute Nacht bin ich nicht mehr alleine auf dem Zimmer. Oh Scheiße!

Die beiden neuen sind übrigens heute Abend gekommen und wir durften sie beim Abendbrot bewundern. Ein dicker und ein dünner Kollege. Der Dicke hing auf seinem Stuhl wie ein schlapper Ballon und zog ein Gesicht, als würde er morgen auf dem elektrischen Stuhl gebraten werden. Der Dünne sieht fies aus. Total knochig und die Augen liegen ganz tief im Kopf, wie bei einem Totenschädel. Ich hab ihn ›Schlächter‹ getauft. Kam mir spontan in den Kopf, als ich ihn sah. Dann hat der auch noch ’ne Glatze und ist bis zum Hals rauf tätowiert. Sogar auf dem Kopf hat er was stehen. Ohrringe und Piercings finde ich ja gar nicht so schlecht, die kann man wieder rausmachen, aber auf Tattoos stehe ich nicht. Hab ich auch nie wirklich Geld für übrig gehabt. Okay, Rina hatte eins, aber nur ein kleines und das an einer Stelle, an der (fast) niemand es sehen konnte. Ich weiß, dass sie nach dem Unfall obduziert wurde, und der Typ, der sie aufgeschnitten hat, hat ihn bestimmt gesehen, den kleinen Schmetterling unter ihrem Bauchnabel. Aber wenn ein Typ so angemalt ist wie der Neue und dann auch noch so fies aus der Wäsche guckt, dann geht mir schon wieder die Muffe. Das ist bestimmt derjenige, der das Einzelzimmer bekommt. Kann ich aber noch nicht bestätigen, weil die nach dem Essen erstmal den ganzen Aufnahmescheiß hinter sich bringen mussten. Mal abwarten, wie sich die Sache so entwickelt.

Irgendwie erinnert der Schlächter mich an einen Schulkollegen, der eine Klasse über mir war und die Kleinen aus der Fünften und Sechsten immer in die Brennnesseln am Sportplatz geschmissen hat. Einmal hat er einen Kleinen im dicksten Winter nackt im Fahrradkeller eingeschlossen. Den haben sie nach ’ner Stunde tiefgefroren da rausgeholt und der hat sich nicht getraut zu sagen, wer ihn eingeschlossen hatte.

Wir alle hatten Angst vor dem Typen und als er irgendwann nicht mehr da war, waren wir mächtig froh. Vielleicht war er mit seinem dämlichen Moped vor einen Baum gefahren und hatte sich seinen Flachschädel in zwei Hälften gespalten. Wir malten uns damals die fiesesten Sachen aus, die ihm passiert sein könnten, diesem Arsch.

Auch ich hatte mal einen Zusammenstoß mit ihm, da war ich in der Neunten und eigentlich schon so groß, dass ich keine Angst mehr haben musste, zum Opfer zu werden. Ich kam in den Flur, vorne in der Sporthalle; da stand ein Haufen kleiner Dötze rum und alle guckten in eine Richtung. Der Schläger hatte sich einen von ihnen geschnappt und drückte den Kopf des Kleinen mit einer Hand gegen das Fenster. Dann fing er an, auf den Jungen einzureden und den Kopf bei jedem Wort gegen das Fenster zu hauen. Bum, bum, bum, immer wieder gegen die Scheibe, die war ziemlich am Zittern. ›Was sagt man, wenn ich reinkomme?‹, fragte er sein Opfer, immer und immer wieder. Der Kleine hat gar nichts gesagt. Der hatte sowas von die Hosen voll. Und immer wieder gegen die Scheibe, bum, bum, bum. Langsam verlor der Lütte die Besinnung, der verdrehte schon die Augen, und da reichte es mir: ›Jetzt ist genug!‹, rief ich und auf einmal drehten sich alle Köpfe in meine Richtung. Nur nicht der Kopf von dem armen Lütten, der war schon halb weggetreten. Der Schläger ließ ihn los und der Kleine sackte in sich zusammen wie ein Ballon, aus dem man die Luft rausgelassen hatte. Jetzt war ich an der Reihe. Ganz langsam kam er zu mir rüber und baute sich dicht vor mir auf. Er roch voll nach Schweiß, dieses Schwein. Er meinte, ich solle besser aufpassen, was ich sage, sonst wäre ich irgendwann der Nächste. Doch so ganz bei der Sache war er nicht mehr. Er hatte Schiss, das sah ich in seinen kleinen Schweineaugen. Dann kam der Moment, in dem es in mir hochstieg und ich kurz vor dem Ausbruch stand wie ein Vulkan. Es hatte schon angefangen, als ich sah, was er mit dem Kleinen anstellte. Als er dann so nah vor mir stand und sein Schweißgeruch mir den Atem nahm, wurde es immer schlimmer. Wenn er mich in diesem Moment angefasst hätte, wäre ich sofort auf ihn losgegangen. Er hat mich aber in Ruhe gelassen. Gut für ihn.

Damals in der Realschule machte sich der Dämon das erste Mal bemerkbar. Seitdem ist es immer schlimmer geworden. Wenn mich jemand reizt, wenn es mir irgendwo zu eng wird oder wenn jemand über mich lacht, dann geht es los. Blinde, heiße Wut kocht dann in mir hoch, ein Schleier legt sich vor meine Augen und ich verliere die Kontrolle und bin nicht mehr ich selbst. Damals fing es an. Als Möcker mich im Unterricht fertigmachte, stand ich auch kurz vorm Ausbruch. Irgendwas hat mich damals davor bewahrt. Vielleicht der Gedanke, dass ich dann von der Schule fliegen, auf der Hauptschule landen und ihm damit einen Gefallen tun würde, und das wollte ich ums Verrecken nicht. Der Dämon hat sich später auf dem Schrottplatz gezeigt, wo ich alles kurz und klein gehauen habe, was gerade verfügbar war, auch Sachen, die ich schon repariert hatte, und die mir Kohle eingebracht hätten. Seitdem ist es immer wieder passiert und immer schlimmer geworden.

Auch Carina hatte darunter zu leiden. Es ist passiert, als sie sagte, dass sie mir kein Geld für meinen Mazda mehr pumpen würde. Ich würde alles nur in meine ›Kiste‹ stecken und das sähe sie nicht ein. Sie hat ›Kiste‹ gesagt und genau dieses eine Wort, dieses eine scheiß Wort hat mich explodieren lassen. Ich konnte nicht mehr klar denken; da waren nur noch Wut, Hass und Gewalt in mir. Mit meinen Schlägen habe ich sie durch die Wohnung getrieben, so wie mein Dad damals meine Mutter, als ihm ihre Sauferei zu viel wurde. Carina kannte meine Anfälle schon, doch diesmal war es zum Äußersten gekommen. Der Dämon hatte mich völlig in seinen Klauen. Den normalen Steve, so wie ihn alle kennen, den gab es in diesem Augenblick nicht mehr. Rina schaffte es, zur Wohnungstür zu kommen und haute ab. Und dann war alles wieder vorbei. Ganz plötzlich. Ich hockte auf ihrem Sofa und konnte nicht fassen, was ich getan hatte. Ich hatte das Ganze wie durch einen Schleier mitbekommen. Wie einen Film, der vor meinen Augen ablief, und in dem ich einer der Schauspieler war, der sich nach den Anweisungen des Regisseurs bewegte. So würde ich das beschreiben. Schwer genug, das überhaupt in Worte zu fassen.

Rina kam nicht zurück. Ich bin abgehauen und habe mich wieder bei meinen Eltern einquartiert. Na ja, und dann habe ich mir mit Sammy das Geld halt auf andere Art und Weise geholt. Ich wusste, dass Rina sich ihren Teil denken würde, als der Überfall in der Zeitung stand, aber sie hat nichts gesagt. Hätte mir ja auch die Bullen auf den Hals hetzen können, die hätten den Audi bestimmt gefunden, obwohl der ziemlich gut versteckt war. Kam aber nichts. Gar nichts. Möckers Krempel hatten wir auf dem Schrottplatz untergebracht und seine Kohle hatten wir geteilt und beschlossen, uns für die nächste Zeit erstmal abzuducken. Na gut, ich hab mich nicht dran gehalten, weil ich Rina so vermisste und mir alles so leid tat. Ich wollte sie unbedingt zurückhaben, bin zu ihrer Wohnung gefahren und hatte den Finger schon auf der Klingel, doch dann habe ich mich einfach nicht getraut und bin wieder abgehauen.

In der nächsten Zeit hab ich sie heimlich beobachtet, wollte sie einfach nur sehen und in ihrer Nähe sein. Wenn sie mit dem Auto vom Pflegedienst durch die Gegend fuhr, war ich hinter ihr und abends, wenn es dunkel war, stand ich unten und habe sie in ihrer Wohnung beobachtet. Ich hab einfach irgendein Auto vom Schrottplatz genommen (mit ’nem roten Kennzeichen geht das!), damit sie nichts merkt. Wir haben so viele Kisten da rumstehen und viele von denen fahren auch noch. Bisschen Sprit und Öl reinkippen und los geht’s. Zu meiner Oma kam sie ja nicht mehr, das machte jetzt Tanja, ihre Kollegin. War ja auch irgendwie klar, dass Rina nicht mehr zu uns kam, nach allem, was passiert war. Und dann habe ich es einfach gewagt und sie angerufen. Aber was dann passierte, erzähle ich heute nicht mehr, bin zu müde. Habe sowieso schon wieder sooo viel geschrieben, ich kann mich ja schon als Autor bezeichnen! ☺ Auf jeden Fall gibt es einige Dinge, für die ich mich schuldig fühle. In den kommenden Tagen werde ich viel mit Bettina zu besprechen haben.

Was war sonst noch? Ach ja, die Wunde heilt weiterhin gut ab, morgen guckt Sternchen nochmal drauf. Beim Sport gehen wir im Augenblick immer raus, das tut gut, obwohl ich Volleyball und Fußball nicht so mag, diese Mannschaftsscheiße liegt mir einfach nicht. Aber es tut gut, aus diesem Affenstall mal rauszukommen. Doch man merkt natürlich auch draußen auf dem Sportplatz, dass man eingesperrt ist. Gute Nacht.

 

Mittwoch, 7. Juni 2017

Oh Scheiße, was war das für eine Nacht! Unser Zimmer liegt neben dem Einzelzimmer, in dem ich meine erste Zeit verbracht habe. Um kurz nach eins wurde ich wach. Da spielte Marschmusik, wie in diesen Nazivideos, die ich mir bei YouTube mal angeguckt habe. Scheißen laut!! Und dann brüllte auch noch einer ›Heil Hitler!‹, immer wieder und immer lauter, dass die Wände zitterten. Es kam von nebenan, aus dem Einzelzimmer.

Marco hat im Augenblick Nachtdienst. Der macht das in Teilzeit, studiert eigentlich Sport und Psychologie. Was für eine großartige Kombination! Macht einen ziemlich coolen Eindruck und spielt gerne Basketball. Hat er mir bei der Mediausgabe erzählt. Marco schaffte es, dass wieder Ruhe war. Das Geschrei hörte auf, die Musik wurde ausgestellt und ich hörte, wie nebenan zwei miteinander quatschten. Eine Viertelstunde lang blieb alles friedlich, dann ging’s wieder los: Marschmusik und ›Heil Hitler!‹, in voller Lautstärke. Und dann ging’s ab: Auf einmal war nebenan ein Heidenlärm, Gepoltere und Geschreie und dazu diese scheiß Nazimusik. Ein Riesenradau. Bernd war natürlich auch wach geworden und starrte genau wie ich mit großen Augen auf die Wand, hinter der eine wildgewordene Ochsenherde zu toben schien. Unser neuer Nachbar war ausgeklinkt, das war mir klar, und ich hoffte nur, dass sie ihn ruhigstellen würden, und er nicht in unser Zimmer kam. Ich hatte eine Scheißangst. Irgendwann wurde es ruhiger, aber bis dahin sollte es eine geschlagene Viertelstunde dauern, in der der Kollege auf der Station mächtig aufzuräumen schien. Er musste sich befreit haben und randalierte jetzt im Speisesaal rum, zumindest verlagerte sich das Getöse nach dort. Ich saß zitternd in meinem Bett und auch Bernd ging es nicht viel besser. Es sah aus, als würde er an seiner Bettdecke herumknabbern. Und diese beschissene Musik hatte natürlich auch noch keiner ausgestellt. So gegen zwanzig nach eins hatten sie die Lage endlich im Griff. Kein Gepolter mehr, kein Geschrei und die Musik wurde auch abgestellt. Wir lebten noch. Der Irre war weg. Hofften wir zumindest. Marco kam rein und fragte, ob alles in Ordnung sei. Hinter ihm auf dem Flur sah es wild aus. Er sagte, dass sie unseren Kollegen auf die Überwachung gebracht hätten, und dass wir jetzt weiterschlafen könnten. Doch ich wusste gleich, dass an Schlaf in dieser Nacht nicht mehr zu denken war.

Irgendwie war ich doch neugierig und bin auf Toilette gegangen. Die Station sah aus, als wäre ein Elefant durchmarschiert. Marco und ein paar andere, die ich nicht kannte, waren mit Aufräumen beschäftigt. Sie sahen kurz zu mir herüber. Draußen konnte ich Blaulicht sehen, da standen mehrere Autos. Ich war nicht der Einzige, der auf die Idee mit der Toilette gekommen war. Max und Kefir standen an der Pissrinne und schnatterten wie zwei Enten auf einem Teich. Als ich reinkam, riss Max den Arm hoch, rief ›Heil Hitler!‹ und grinste mich dämlich an. ›Du machste Pipi auf deine Füße‹, sagte Kefir und er hatte Recht damit. Doch Max störte es nicht, dass er sich auf die Füße schiffte; er kam sich total witzig vor mit seiner Nazischeiße. Ich hab auch gepinkelt und mich schnell wieder aus dem Staub gemacht. Zum Abschied brüllte Max mir noch einmal den Hitlergruß hinterher, begleitet von Kefirs meckerndem Gelächter. Diese Vollidioten!

Im Zimmer erwartete mich dann eine Überraschung: Bernd fing an zu reden!! Obwohl er schon länger hier ist als ich und bestimmt einiges mitgemacht hat, schien ihn diese Aktion doch ziemlich mitgenommen zu haben und er musste es sich wohl von der Seele reden. Wir redeten also über das, was wir gerade erlebt hatten, und irgendwann fragte er mich völlig unvermittelt, ob ich wissen wolle, weswegen er eigentlich hier sei. Klar wollte ich das und dann sagte er, er sei der Aquarium-Killer. Außer einem fragenden ›Aha‹ fiel mir nicht viel ein und so sah er sich genötigt, mir seine Geschichte zu erzählen. Eigentlich hasse ich es, wenn Leute mir ihre Lebensgeschichte erzählen; ich fühle mich dann immer wie ein lebendes Diktiergerät, aber bei Bernd war das anders: Es war ungewohnt und irgendwie seltsam, diesen total schweigsamen Typen auf einmal so viel reden zu hören und außerdem war ich neugierig geworden auf die Story des Aquarium-Killers.

Bernd lebte bei seinen Eltern auf einem Bauernhof, den er auch erben sollte, denn er war der einzige Nachfahre. Seine Hobbies waren seine Aquarien (von denen er fünf Stück besaß) und Ute, seine Freundin, die er heiraten wollte. Zum Jahrestag hatte er ihr ein Aquarium geschenkt, das er in ihrer Wohnung aufgestellt hatte, und um das er sich kümmerte. Sie sollte sich die Fische angucken und ihren Spaß mit dem Ding haben, er kümmerte sich um alles andere. Eines Tages kam es zum Streit zwischen den beiden: Ute meinte, er würde mehr Zeit mit seinen Fischen verbringen als mit ihr und auf dem Höhepunkt der Schreierei nahm sie einen Schuh und pfefferte ihn aus lauter Wut so heftig in das Aquarium, dass ein paar Fische herausflogen. Da hat der gute Bernie sich ein Sofakissen geschnappt und es ihr so lange aufs Gesicht gedrückt, bis sie sich nicht mehr bewegte und ihr Gesicht Ähnlichkeit mit denen der Fische hatte, die jetzt auf dem Teppich lagen. Er setzte die armen Tiere zurück ins Wasser und schlich sich aus dem Haus. Doch er hatte Pech: Utes Nachbarin hatte ihn gesehen und weil er blöderweise die Wohnungstür offen gelassen hatte, hatte sie gleich mal nachgeschaut. Sie fand Ute im Wohnzimmer auf dem Sofa und rief die Polizei. Als die Bullen kurze Zeit später bei Bernd auf dem Bauernhof aufkreuzten, bekam er Panik, schwang sich kurzerhand auf seinen Trecker und spießte einen der Schutzmänner mit der Gabel des Frontladers auf. Als der andere Polizist ihm die Pistole ins Gesicht hielt, gab Bernd auf, einfach so. Ende. Eine Szene wie aus einem Horrorfilm, nur war dies hier das wirkliche Leben! Und Bernd hatte in seinem bisherigen Leben schon so einige schlimme Dinge angestellt, nur hatte sich nie jemand groß dafür interessiert, geschweige denn, sich um ihn gekümmert. Man ließ ihn laufen. Ist halt Bernd, der ist so, wie er ist. So hieß es immer, wenn Bernd sich mal wieder den kleinen Mädchen am Spielplatz gezeigt oder Frauenschlüpfer von den Wäscheleinen geklaut hatte. Als er mir das erzählte, muss ich ihn ziemlich eindeutig angeguckt haben, denn er wurde knallrot und meinte, dass er damals nichts dagegen tun konnte. ›Das war so ein Trieb, da kam ich nicht gegen an‹, sagte er. Irgendwann jedoch legten sich diese Triebe und Bernd schaffte sich sogar eine Freundin an. Hätte alles richtig schön werden können, wenn sie nicht den beschissenen Schuh in das Aquarium geworfen hätte. Ein Psychiater hatte ihn in der U-Haft untersucht und Bernd hatte ihm von seiner lieben Mutti erzählt. Ein paar Tage nach Bernds sechzehntem Geburtstag warf sie sich hinter dem Bauernhof, wo eine Bahnlinie entlanglief, vor einen Güterzug und Bernd durfte ihre Überreste als erster bewundern. Er hatte das Quietschen der Bremsen gehört und irgendwie geahnt, dass etwas nicht in Ordnung war. War es dann ja auch nicht. Die Familie beerdigte Bernds Mutter und es wurde nie wieder über sie gesprochen. Weder über ihren Dachschaden, noch über die Art und Weise, wie sie Schluss gemacht hatte. Und auch um ihren komischen Sohn kümmerte sich immer noch niemand. Das geschah erst, als es bereits zu spät war.

Seine Opfer überlebten. Die Nachbarin hatte Ute wiederbelebt, doch Utes Gehirn hatte bis dahin durch den Sauerstoffmangel schon so stark gelitten, dass sie für den Rest ihres Lebens als Pflegefall in die Windel scheißen darf. Und der Polizist ist querschnittgelähmt, seitdem Bernd ihn aufgespießt hat. Bravo, gut gemacht Bernd! Wahrscheinlich wäre der Tod für die beiden besser gewesen, als jetzt womöglich noch jahrzehntelang im Pflegebett vor sich hin zu dämmern. Der Psychiater sagte vor Gericht, dass Bernd die Geisteskrankheit seiner Mutti geerbt hatte, nur dass sie sich bei ihm etwas anders gezeigt hatte. Ach was, da wäre ich zur Not auch noch drauf gekommen!

Ich hörte ihm einfach nur zu und unterbrach ihn nicht. Als er fertig war, saß er im Schneidersitz auf seinem Bett und starrte vor sich hin. Ich glaube, er hat geweint, aber ganz genau erkennen konnte ich das nicht. Bernd glaubt, dass alle hinter ihm her sind und ihm was Böses wollen. Die Welt hält er für schlecht und die Menschen für total abgefuckt und hinterhältig. Die einzigen, denen er vertraute, waren seine Eltern und seine Freundin, so sagte er. Ich weiß nicht, ob er das ernst meinte, denn zumindest seine Eltern waren ja wohl ein absoluter Totalschaden. Und als Ute den Schuh ins Aquarium warf, dachte Bernd, sie wäre zur anderen Seite, zu den Bösen, übergewechselt. Da gab es für ihn in seinem kranken Kopf keinen anderen Weg, als sie umzubringen, weil sie einfach zu viel über ihn wusste und das den Anderen nicht verraten sollte. ›Ich habe das Kissen leider nicht lange genug auf ihr Gesicht gedrückt‹, sagte er und lächelte mich an, so dass mir tausend Eiswürfel den Rücken herunterkullerten, ›aber so, wie sie jetzt ist, wird sie auch nichts über mich erzählen können.‹ Ich frage mich, woher er das weiß? Vielleicht hat man ihm das in der U-Haft oder sogar hier erzählt. Sein Vater sei übrigens auch schon auf der anderen Seite, das habe er bei seinen Besuchen hier in der Anstalt eindeutig herausgehört. Er darf bis auf Weiteres erstmal nicht mehr kommen und seinen Sohn besuchen. Auf einmal wurde Bernds Gesicht ganz traurig und er sagte, dass er sehr wohl wisse, dass er verrückt sei und dass er am liebsten Schluss machen würde, genau wie seine Mutter. Mein Gott, der Junge ist wirklich völlig fertig, aber irgendwie auch nett.

Ich hab ihm dann meine Geschichte erzählt. Auch er hat die ganze Zeit die Ohren gespitzt und mich nicht unterbrochen. Das habe ich bei den Ärzten hier noch nie erlebt. Wie wollen die sich eigentlich ein Bild von uns machen, wenn sie uns ständig unterbrechen? Es fällt mir echt nicht leicht, meine Geschichte zum Besten zu geben, das macht bestimmt niemand hier besonders gerne, und dann wird es uns immer noch schwerer gemacht. Auweia, schon so spät?? Ich muss los, Tabletten holen!

So, bin zurück. Die Schlange am Schwesternzimmer wird jetzt auch abends immer länger. Gibt wohl noch mehr Kollegen hier, die nicht schlafen können.

Heute Morgen waren fast alle ziemlich still und erledigt. Der Station war immer noch deutlich anzusehen, was in der Nacht passiert war. Max erzählte, dass es der Schlächter war, der das alles angerichtet hatte. Das hatte ich mir bereits gedacht. Wo sie ihn hingebracht hatten, wusste ich mittlerweile auch schon, das musste er mir nicht mehr erzählen. Mal schauen, wie zugedröhnt und abgeschossen der zurückkommt. Den füttern sie da bestimmt erstmal so richtig schön mit ihren Pillen ab, immerhin müssen sie jetzt schon zum zweiten Mal in kurzer Zeit neue Sachen für ihren Laden kaufen und auf Dauer wird denen das bestimmt zu teuer (nehme ich an). Also abschießen, dann ist Ruhe und das Inventar bleibt heil. Einfacher geht’s nicht. Glauben sie. Bei mir und meinem Dämon werden sie mit ihren Medikamenten nicht weit kommen. Der lässt sich nicht unterkriegen, da können sie mir noch so viele Pillen eintrichtern!

Aber weiter mit dem Tag: Sternchen meinte, die Wunde würde so flott heilen, dass sie schon bald die Fäden ziehen könnte. Ich habe auch überhaupt keine Schmerzen mehr.

Ergo war gut, ich darf jetzt in die Holzwerkstatt. Habe mir schon mal überlegt, was ich Schönes machen könnte. In der Gruppe ging es natürlich um den Schlächter. Max wusste wie immer alles darüber und Kefir erzählte ausführlich, was der Typ angerichtet hatte (als ob das nicht schon jeder längst mitbekommen hätte!). Sogar Ansgar murmelte etwas, das sich wie ›schlimm, ganz schlimm‹ und ›alles kaputt, ganz kaputt‹ anhörte. Ansgar könnte den Schlächter bestimmt ohne Probleme kaltstellen, aber er hockt da auf seinem Stuhl wie ein Riesenbaby, mit einem Blick wie ein ängstliches Kaninchen. Tatjana sagte, dass der Schlächter und der Dicke voraussichtlich am Freitag in die Gruppe kommen würden, zusammen mit Bernd, und dass wir den neuen Kollegen Respekt entgegenbringen sollen (wenn sie den Schlächter bis dahin überhaupt schon wieder zu uns zurück lassen). Ein großer Teil der heutigen Sitzung flog einfach so an mir vorbei. Ich war total müde und erledigt und mit meinen Gedanken ganz woanders, nämlich bei unserer Gruppenleiterin. Die kommt jeden Tag hierher, sieht nie müde oder geschafft aus, hört sich das Gelaber von durchgeknallten Leuten an und hat für jeden ein offenes Ohr. Ich hab sie in meiner Zeit hier noch nie ratlos oder wütend gesehen; die Frau ist einfach bewundernswert. Wäre nicht mein Ding, so etwas. Ich gehöre vor oder unter ein Auto und ans Lenkrad, möchte einfach nur schrauben und fahren. Ob ich das wohl jemals wieder darf? Ich würde so gerne wieder arbeiten, wirklich!! Aber ein Blick auf meine Psycho-Vorgeschichte reicht doch und ich kann die Bewerbung vergessen. Mensch, ich kann wirklich froh sein, dass Dad ein Geschäft hat. Da kann ich erstmal arbeiten und es vielleicht einmal übernehmen, wenn er keinen Bock mehr drauf hat. Übrigens haben wir noch erfahren, dass es Robbie wieder besser geht (wie schön!). Aufgrund seiner Unberechenbarkeit wird er aber wohl nach Haus D verlegt und dort bleiben. Ist bestimmt besser so. Ich bin nicht unbedingt scharf darauf, noch einmal von ihm irgendetwas in den Arm oder sonst wohin gerammt zu bekommen. Von mir aus soll er einfach wegbleiben.

Die Mediausgabe dauerte heute Mittag ewig lange, weil einer aus der anderen Gruppe meinte, das seien nicht die Pillen, die er sonst bekommen würde. Der sieht mit seiner Brille übrigens ein bisschen wie Joachim aus; ich weiß aber nicht, wie der heißt und ob der okay ist. Richtigen Kontakt habe ich nur zu den Leuten aus meiner Gruppe, alles andere beschränkt sich aufs Grüßen oder ein paar belanglose Sätze. Seltsam. Wir hocken hier in einem Bau zusammen und gehen uns doch mehr oder weniger aus dem Weg. Na ja, ist halt keine normale Truppe, die sich hier gefunden hat. Obwohl ich glaube, dass einige von denen ganz nett wären, wenn ich die näher kennenlernen würde. Ich hoffe ja, dass ich mit Bernd jetzt endlich sowas wie einen Kumpel gefunden habe. Erst dachte ich, ich könnte mich mit Max zusammentun, aber der nervt mittlerweile mit seiner Neugierde und seinem Gequatsche. Und Robbie … Tja, das kann ich wohl vergessen! Von Bernd kann ich vielleicht auch etwas über die Leute aus der anderen Gruppe erfahren, ist vielleicht ganz interessant. Geht natürlich nur, wenn er weiter so viel redet wie in der letzten Nacht.

Am Nachmittag ging’s bei Bettina wieder um das Thema ›Schuld‹. Sie hat einen Ventilator in ihrem Büro aufgestellt. Ist total heiß draußen und die Wärme ist längst nach drinnen gezogen. Auch heute Abend haben wir bestimmt noch um die dreißig Grad. Kein Vergnügen, bei dieser Hitze hier drin zu hocken. Diese Anstalt macht einen so modernen Eindruck und scheint auch noch gar nicht so alt zu sein, warum haben sie eigentlich keine Klimaanlage eingebaut? Finden die das toll, wenn es überall riecht wie im Saustall? Ist wohl zu viel verlangt und für Leute wie uns nicht notwendig. Vielleicht wollen sie ja auch, dass wir das Böse, das in uns steckt, langsam ausschwitzen. Was meinen Dämon betrifft: Darauf könnt ihr lange warten!

Nach dem Mittagessen habe ich mich hingelegt und prompt verpennt, deswegen war ich erst um viertel nach zwei bei Bettina, war aber nicht so schlimm. Sie wusste bereits, was in der Nacht los gewesen war und hatte Verständnis.

Schuldig oder nicht schuldig? Wenn ich darüber nachdenke, bin ich mir im Augenblick gar nicht mehr so sicher und das habe ich ihr auch gesagt. Ich meine, dass ich nicht ich selbst war, als ich Ende letzten Jahres diesen Mist gebaut habe. Und davor habe ich ja auch schon ein paar schlimme Sachen angestellt, nur war das noch nicht ganz so heftig, dabei war schließlich niemand ums Leben gekommen. Ich weiß nicht, wie ich’s beschreiben soll: Es kommt über mich; ich fühle mich wie in einem dicken Nebel, wie in Watte gepackt. Dann kann ich nicht mehr klar denken, Gewitter im Kopf. Als damals in Büren der Möcker angefahren kam, machte es Klick und ich dachte an alles, was er mir angetan hatte. Dieser Mann gehörte zu denen, die mich in meiner Jugend verfolgten. Ich wollte Rache, konnte an nichts anderes mehr denken. Als Rina meinen Mazda als ›Kiste‹ bezeichnete, machte es wieder Klick und ich habe sie geschlagen. Als ich herausbekam, dass sie eine neue Beziehung mit einer Kollegin hatte, da machte es nicht Klick, sondern KLICK. Gut, sie hatte mir erzählt, dass sie bi war, am Anfang war das ja auch noch okay für mich. Aber als sie dann tatsächlich mit einer Frau zusammen war, fand ich es unerträglich und irgendwie pervers. Ich hab mir ihre Freundin, diese Tanja, geschnappt und der so richtig eingeheizt. Bettina nickte, als ich ihr erzählte, dass ich Rina unbedingt zurückhaben wollte, und mir dazu jedes Mittel recht war. Als Rina mich auf dem Schrottplatz wegen der Sache mit Tanja anschrie und sie sagte, dass es im Bett mit ihrer neuen Freundin viel schöner sei als mit mir, da wurde mir klar, dass ich sie retten musste. Auf einmal wusste ich, dass Tanja meine Carina zerstören wollte, dass diese Tanja meine Freundin beeinflusste, und sie bereits fest in ihrem Griff hatte, sonst hätte Rina nie so etwas zu mir gesagt. Nie. Ich habe damals die ganze Nacht wach gelegen und nachgedacht und am nächsten Tag habe ich oben in Meienhaupt auf Rina gewartet. Ich wusste, dass sie gegen acht Uhr dort sein würde, schließlich hatten wir schon einmal über den Opi gesprochen, den sie dort betreute, und der so großen Wert auf Pünktlichkeit legte. Außerdem hatte ich sie bei ihrer Spät-Tour schon einmal verfolgt. Irgendetwas hat mich damals zu all dem getrieben. Ich kann es immer noch nicht genau beschreiben, was es ist, darum nenne ich es meinen ›Dämon‹. Er hat Schuld an allem, was ich angerichtet habe. Ja, das alles habe ich Bettina erzählt. Und ich war total erschrocken, als sie mich fragte, ob ich schon einmal überlegt hätte, dass weder ich noch der Dämon schuld sein könnten? Vielleicht hätte es in meinem Leben ja etwas gegeben, dass mich zu dem hätte werden lassen, der ich heute bin. Etwas, das mich krank gemacht hätte, und mich anders handeln und reagieren lassen würde als andere Menschen. Zum Beispiel eine alkoholkranke Mutter, die ihren Sohn schlägt. Oder einen Vater, der seine Frau schlägt, fremdgeht und nie zu Hause ist. Oder die Kinder aus dem Dorf, die mehr mit mir angestellt haben, als mir nur einen Streich zu spielen. Oder einen Lehrer, der mich, wo es nur möglich war, bloßgestellt und lächerlich gemacht hat. So etwas könne Spuren hinterlassen, die mich jetzt, als jungen Mann, einholen würden. Es gibt Menschen, die nach einer solchen Kindheit ein ganz normales Leben führen könnten, die Anderen würden halt krank werden und genau aus diesem Grund sei ich jetzt hier. Damit man mir helfen könne, die Vergangenheit hinter mir zu lassen und den Dämon ein für alle Mal auszutreiben.

Ich habe eine halbe Ewigkeit über das nachgedacht, was Bettina gesagt hat, und ich glaube, dass sie Recht hat. Was ich nur noch nicht so recht glauben will, ist, dass man mich hier heilen wird. Auf jeden Fall nicht, indem man mich wegsperrt. Ich glaube eher, das wird auf Dauer alles nur noch schlimmer machen. Ja, das glaube ich.

Mir ist gerade eingefallen, dass ich noch erzählen wollte, was passierte, als ich Rina nach unserer Trennung angerufen habe. Sie ist ans Telefon gegangen, aber es war ein Schock. Sie klang ganz anders und sie sprach auch ganz anders als sonst. Ich entschuldigte mich tausend Mal, doch sie wollte überhaupt nichts davon wissen. Ich hörte ihre Stimme, hörte sie sprechen und doch kam es mir so vor, als hätte ich einen ganz anderen Menschen am Telefon. Schon damals hatte ich den Verdacht, dass sie unter irgendeinem Einfluss stand. Ihre Eltern oder ihre neue Freundin, einer von den beiden kontrollierte sie. Obwohl ich nicht genau weiß, ob die beiden schon zusammen waren, als ich Rina anrief. Eines war mir allerdings klar: Ich musste meine Carina retten, musste sie zu mir zurückholen. Wie ich das anstellen sollte, wusste ich damals allerdings noch nicht. Später sollte alles ganz schnell gehen, Schlag auf Schlag. Dieses Telefongespräch war das letzte, das ich mit Rina geführt habe und gleichzeitig das traurigste meines ganzen Lebens. Das werde ich nie vergessen. Schlimmer kann es – glaube ich – nicht mehr kommen.

 

Donnerstag, 8. Juni 2017

Am Sonntag kommt mein Dad vorbei! Habe ich heute erfahren. Meine Mutter ist noch in der Klinik, die möchte ich auch gar nicht sehen. Wenn sie raus ist, säuft sie sowieso weiter. War damals schon so. Ein reines Wunder, dass sie sich so lange zusammenreißen konnte. Vielleicht hat sie auch heimlich weitergesoffen und sich so gut getarnt, dass keiner was gemerkt hat. Kann gut sein. Dad und ich waren die meiste Zeit auf dem Schrottplatz beschäftigt und es gibt Kaugummis und Mundwasser, damit man nicht aus dem Hals stinkt. Außerdem raucht meine Mutter Kette, da kann man die Fahne auch mit verbergen. Und wenn sie doch mal verzichten musste, am Sonntag zum Beispiel, wenn die Familie zusammen war, hätte sie ein paar mehr von ihren K.O.-Pillen einwerfen können, die bekommt sie auf Rezept von Doktor Schnatevogel, ihrer geliebten Hausärztin. Gang zur Ärztin, rumheulen, Rezept einsacken, einlösen und ab geht’s! Einfacher geht’s nicht. Selbst wenn sich eine ganze Armee von Ärzten, Psychiatern und Therapeuten um meine Mutter kümmern würde, würde ihr doch kein einziger von denen wirklich helfen können. Sie ist happy, wenn sie zuhause rumgammeln, ihren Branntwein, ihre Pillen und was weiß ich einwerfen und sich selbst leidtun kann. Ich glaube mittlerweile nicht mehr daran, dass sie in der Zeit von ihrer letzten Therapie bis zu ihrem Rückfall Ende letzten Jahres trocken geblieben ist. Das kann ich mir einfach nicht mehr vorstellen. Die hat nur reduziert und als ich dann Scheiße gebaut habe, da hat sie ihren Anlass gehabt. Ich kenne meine Mutter einfach zu gut. Was du als Kind erlebt hast, das brennt sich in dein Gehirn ein, ob du willst oder nicht. Ich rede nicht oft darüber, meine Eltern gar nicht, aber fast hätte ich mein trübes Dasein mit jemandem teilen können. Meine Mutter wurde 2007 noch einmal schwanger. Wahrscheinlich hatte sie die Pille vergessen. Meine Mutter vergisst so einiges, darin ist sie unübertroffen. Sie erzählten es mir damals, schienen auch ziemlich happy zu sein, aber so richtig schienen sie das Kind nicht zu wollen. Denn meine tolle Mutter soff und qualmte weiter, was Lunge und Leber hergaben, und Dad hielt sie nicht davon ab. Verstehe ich bis heute nicht, war doch auch sein Kind. Im Biounterricht hatte ich gelernt, dass werdende Mütter nicht trinken und rauchen sollten, und ich erfuhr auch bald, warum: Meine Mutter hatte eine Fehlgeburt. Als sie schon ziemlich weit war. Wieder ein Grund, sich mies zu fühlen und noch mehr von dem guten Stoff in sich hineinzuschütten. Ich kann mich erinnern, dass ich ziemlich traurig war und geweint habe, als mein Dad es mir erzählte. Ich hätte gerne einen Bruder oder noch lieber eine Schwester gehabt, um die ich mich gekümmert hätte und mit der ich hätte reden können, als die einsamen Zeiten anfingen. Sollte halt nicht so sein und vielleicht war es auch ganz gut so. Eine kaputte Kindheit ist ja schließlich genug, oder? So, muss jetzt gerade Pillen holen und gehe dann noch eine rauchen. Bis gleich.

Scheiße, als ich zurückkam, saß Bernd auf meinem Bett und las in meinem Tagebuch! Normalerweise schließe ich das immer in meinem Nachtschrank ein. Da gibt es eine Schublade, die können wir abschließen. Aber nur, um Sachen vor den Zimmerkollegen zu schützen. Die Schwestern und Pfleger können diese Schublade aufschließen und kontrollieren, das tun sie auch regelmäßig, genau wie den Rest der Hütte. Bei den Durchsuchungen sind die Patienten normalerweise dabei und ich habe es bis jetzt noch nicht erlebt, dass einer in meinem Tagebuch gelesen hat. Einmal habe ich erlebt, wie der blöde Amann in meine Schuhe gefasst und darin herumgewühlt hat. Hoffentlich hat seine Flosse noch schön lange gestunken!

Auf jeden Fall habe ich eben das Buch auf dem Nachtschrank liegen gelassen, war ein bisschen in Gedanken und habe nicht damit gerechnet, dass Bernd schon zurückkommt. Ich Idiot! Im ersten Augenblick wollte ich ihm eine scheuern, doch dann sah ich, dass er heulte. ›Mein großer Bruder ist auch gestorben‹, sagte er. Und dann erzählte er mir, dass er einen Bruder hatte, Stefan. Als Bernd fünfzehn war, starb Stefan bei einem Motorradunfall. Hatte in der Nähe von Bendern eine Kurve zu flott genommen, war ins Rutschen gekommen und mit dem Kopf gegen ein Verkehrsschild geflogen. Genickbruch, trotz Helm. Wow, so wie ich immer mit meinem Moped durch die Gegend gedonnert bin, hätte mir das auch passieren können! Die Familie bekam einen Anruf von der Polizei und dann sind seine Eltern losgefahren und haben Bernd nicht gesagt, was Sache war. Das haben sie erst getan, als sie zurück waren. Der Vater hat Stefans Bike abgeholt, in die Garage gestellt und nicht einmal abgedeckt. Und dann erzählte Bernd, wie er vor dem verschrammten Ding stand und es angefasst habe. Ganz kalt sei es gewesen und er habe immer an seinen großen Bruder und den Unfall denken müssen. Dann sei er zu der Unfallstelle gefahren, habe sich die Kratzspuren auf der Straße und die Delle im Pfosten des Verkehrsschildes angesehen. Da sei sogar Farbe von Stefans schwarzem Helm dran gewesen. Und er habe gefühlt, dass sein Bruder immer noch da sei und ihn begleite, nur ›halt nicht mehr so richtig‹. Seine Eltern hätten nichts unternommen, um ihn zu trösten. Tagsüber hätten sie gearbeitet und abends vor dem Fernseher gehockt und beim Essen sei kaum ein Wort gefallen. Tolle Eltern. Aber meine waren ja auch nicht viel besser.

Er hatte den Absatz mit der Fehlgeburt meiner Mutter gelesen, dann musste er an seinen toten Bruder denken und das hat ihn total runtergezogen. Ich hab ihn vor ’ner Viertelstunde zum Schwesternzimmer gebracht, weil es immer schlimmer wurde mit ihm. Eine Petra war da, trug so ein selbstgemachtes Namensschild aus Ton oder so. Kannte ich noch nicht, war aber ganz nett. Die hat Bernd mit reingenommen und wollte sich um ihn kümmern. Hier sind immer mal wieder neue da, so wird’s wenigstens nicht langweilig. Ist wahrscheinlich seit Langem das erste Mal, dass sich wirklich jemand um Bernd kümmert. Meine Güte, Eltern können so scheiße sein!

Ach, von wegen ›scheiße‹: Heute Morgen war mal wieder Oberarztvisite. Hoffmann-Zalecki gab sich die Ehre. ›Hoffmann-Arschlecki‹ wird er hier genannt, so ganz unter uns. Einen Chefarzt gibt es auch, einen Professor Oberbremer, den hab ich aber noch nie gesehen. Wahrscheinlich kommt der nur einmal im Jahr aus seinem Büro raus und verdient so viel, dass er sich seinen Arsch vergolden lassen könnte. Hoffmann-Arschlecki ist einer von zwei Oberärzten, die für die Anstalt zuständig sind. Er betreut Haus A und B. Wunderbar. Wollte wissen, wie es mir geht, ob ich nochmal ›eine Krise erlebt‹ hätte, hat mich abgehört, meinen Blutdruck gemessen und mir mit seinem Gummihammer auf die Knie gehauen. Auch die Wunde am Arm hat er sich angesehen. Alles okay, Anfang nächster Woche können die Fäden raus. Heilt ja ziemlich flott, ich hab echt Schwein gehabt! Und dann hat er meine Medikamente etwas runtergesetzt. Ich sei auf dem Weg der Besserung, da könne man schon mal etwas reduzieren, meinte er. Na ja, warten wir’s mal ab. Auf jeden Fall werde ich nicht mehr ganz so bedröhnt durch die Gegend wackeln, das ist doch schon mal ein Fortschritt!

Ich habe mir in der Holzwerkstatt überlegt, eine kleine Stadt aus Holz zu bauen. Frau Hoffmann (das ist die Ergotherapeutin, die mich jetzt betreut) meinte, das sei eine prima Idee. Sie würde mir dabei helfen und das Material besorgen. Starke Sache. Du brauchst nur zu sagen, was du machen willst, und sie besorgt dir alles dafür. Ist zwar ein bisschen verrückt, eine ganze Stadt zu schnitzen, aber ich habe ja Zeit genug! So habe ich heute ein dickes Stück Holz bekommen und einfach angefangen. Soll das Rathaus werden, mit einer schönen Fassade. Frau Hoffmann und ich haben uns am Computer Rathäuser angesehen; ich hab mir eins ausgesucht und sie hat das Bild ausgedruckt. Danach arbeite ich jetzt. Sie ist gelernte Tischlerin und hat mir gezeigt, wie ich das Holzstück halten muss, und wie man mit dem Schnitzmesser arbeitet. Ich bin aber noch nicht weit gekommen, habe erstmal nur den groben Umriss geschnitzt.

In der Gruppe habe ich von meinem Plan erzählt, interessierte die anderen aber nicht so wirklich. Tatjana fand es ›toll‹ und eine gute Sache. Sie wollte wissen, ob die anderen auch Pläne hätten, wie sie sich die Zeit hier vertreiben würden. Max sagte, er habe einen Dreiteiler hier, irgend so einen Fantasy-Roman, jeder Teil über tausend Seiten, den wolle er hier durchlesen. Er sei aber erst bei Seite 200 im ersten Band angekommen. Ansgar ist von uns allen am Längsten hier. Er sagte, er wolle Yoga und Meditation lernen, habe aber bislang noch niemanden gefunden, der es ihm beibringen würde. Ich konnte Frau Nowakowski deutlich ansehen, wie sehr sie sich beherrschen musste. ›Ich habe ihnen doch schon hundert Mal gesagt, dass Sie sich bei Frau Meyer-Drexhage in der Physiotherapie melden sollen, die bietet solche Kurse an‹, sagte sie und verlor beinahe endgültig die Fassung, als der Riese ein völlig überraschtes Gesicht machte. Hoffnungslos, der Typ! Kefir will eine Fernsehshow hier auf der Station produzieren, in der alle mitspielen sollen, und er gibt den Regisseur. Oh mein Gott! Der Oberpsycho an der Spitze und alle tanzen nach seiner Pfeife! Ich weiß, dass Kefir eine Kamera hat. Manchmal nimmt er draußen was auf. Hier drin darf er aber nicht filmen und seine Kollegen schon gar nicht. Seine Kamera wird bestimmt regelmäßig einkassiert. Tatjana riet ihm, sich vielleicht doch etwas anderes zu überlegen. Das wird ihn jetzt erstmal wieder eine Weile beschäftigen. Wahrscheinlich hängt er demnächst Bilder von Blumen oder Insekten auf, die er draußen fotografiert und später gegessen hat. Zuzutrauen wäre es ihm. Auf jeden Fall war’s eine interessante Runde heute. Ich fühlte mich mit meinem hochgelobten Städtebauplan wie ein alter Streber.

Heute Mittag hatte ich dann wirklich weniger Tabletten in der Hand als sonst. Außerdem gab es einen Schnaps weniger. Das bittere, braune Scheißzeug war weg. Nur noch das klare, das nach nichts schmeckt, aber nach dem sich die Zunge und der Hals immer ein wenig taub anfühlen. ›Ist normale Nebenwirkung‹, meinte Sternchen dazu, ›nicht schlimm!‹ Nee, ist überhaupt nicht schlimm, wenn du eine Stunde lang nicht mehr vernünftig fressen und saufen kannst, weil du im Mund und im Hals nichts spürst und dich immer wieder verschluckst. Überhaupt nicht schlimm. Absolut normal.

Das Mittagessen hatte auf der Karte ganz gut ausgesehen, Hähnchen mit Pommes und Gemüse, doch was da auf meinem Teller landete, war ein Super-GAU: Hähnchen furztrocken, die Pommes konnte man als Zimmermannsnägel benutzen und das Gemüse sah aus, als hätten sie es in einen riesigen Kübel geworfen, plattgetreten und ein paar Tauben draufscheißen lassen. Anders konnte ich mir diese weiß-schwarzen Schlieren zwischen der Pampe nicht erklären. Ich hatte noch eine Tafel Schokolade auf dem Zimmer, davon habe ich Bernd was abgegeben. Der ist übrigens immer noch nicht zurück, werde gerade mal beim Schwesternzimmer nachsehen.

Merkwürdig, kein Bernd, kein Pflegepersonal. Ansgar und Max hingen mit dem Dicken vor dem Fernseher ab, ein paar aus der anderen Gruppe waren auf der Raucherterrasse und die anderen schienen in ihren Zimmern zu sein.

Da fällt mir übrigens ein, dass Frau Nowakowski uns die beiden neuen für morgen angekündigt hat. Also kommt der Schlächter morgen auch zurück. Dann geht der ganze Scheiß wahrscheinlich wieder von vorne los: Sieg Heil, Marschmusik und schlaflose Nächte. Na dann.

Bernd ist auf jeden Fall nicht da. Vielleicht mussten sie ihn ja abschießen und haben ihn für eine Nacht irgendwo anders hingebracht. Es soll hinter dem Schwesternzimmer noch einen Raum geben, in dem ein Bett steht, der soll mit dem Hochsicherheitstrakt nichts zu tun haben. Vielleicht ist er ja dort. Bestimmt weiß Max morgen früh mehr.

Bettina hat mir heute erzählt, dass sie nächste Woche ganz kurzfristig Urlaub genommen hat. Ihre Kollegin, eine Frau Zimmermann, wird sie dann vertreten. Musste sie mir das gleich am Anfang unseres Gesprächs erzählen? Ich war nach dieser Nachricht ziemlich down und hab mir Sorgen gemacht, dass ohne sie alles den Bach runtergehen könnte. Natürlich hat sie das gemerkt und versuchte mit allen Mitteln, mich wieder aufzurichten und zu beruhigen. Ich hänge sehr an ihr, sie ist für mich in diesem Bau so etwas wie ein Anker. Wird ganz schön hart werden, die kommende Woche, aber Frau Zimmermann soll auch sehr nett und richtig gut sein. Sie ist diejenige, die Ansgar betreut, also muss sie auf jeden Fall schon mal ein ziemlich geduldiger Mensch sein. Ich war trotzdem sauer und hab mich anschließend beim Zirkeltraining ausgetobt. Wir mussten drinnen bleiben, weil draußen ein Gewitter tobte und es in Strömen goss. Unser Knast wurde richtig überflutet, ziemlich viel Wasser auf einen Fleck. Auf dem Zimmer habe ich mich ans Fenster gesetzt und zugesehen. Ich habe noch nie Angst vor Gewitter gehabt. Ganz im Gegenteil: Ich finde das sogar richtig gemütlich. Draußen blitzt und donnert es und ich sitze drinnen, bekomme nichts davon ab und darf zusehen. Angst habe ich vor ganz anderen Sachen. Vor Spinnen oder Käfern zum Beispiel. Oder vor Löchern. Ja, das hört sich ziemlich bescheuert an, aber ich habe wirklich Angst vor Löchern. Vor Löchern in der Haut, in Pflanzen oder auch vor Oberflächen, in denen viele Löcher sind, zum Beispiel Bienenwaben. Im Fernsehen habe ich mal die abgestreifte Haut einer Schlange gesehen und mir lief es kalt über den Rücken. Alle Haare stellten sich auf und mir wurde sogar übel. Irre, oder? Aber genau deswegen bin ich ja hier. So, und jetzt gehe ich pennen. Bernd kommt wohl nicht mehr und ich habe schon wieder mehr als genug geschrieben.

 

Freitag, 9. Juni 2017

Heute Morgen kamen Amann und Thomas noch vor dem Frühstück rein und holten Bernds Sachen ab. Einfach so. Er würde in ein anderes Zimmer verlegt und ich solle mir keine Gedanken machen, es sei alles in Ordnung. Ihre Standardsätze, das übliche Blabla. Typisch Amann. Ich schätze, dass ich den guten Bernd ein bisschen zu sehr erschreckt habe und er sich jetzt immer an seinen Bruder erinnert, wenn er mich sieht. Da hat er wahrscheinlich so lange gejammert, der arme Wicht, bis er sie herumbekommen hatte. Mir egal, wirklich scheißegal! Wenn sie mit mir nicht vernünftig reden, rede ich mit ihnen auch nicht mehr. Das habe ich heute Morgen nach dieser Ausräumaktion beschlossen und daran habe ich mich auch gehalten. Schon bei der Tablettenausgabe habe ich mich auf nichts eingelassen. Wahrscheinlich hatten sie damit gerechnet, dass ich sie frage, wer denn nun auf mein Zimmer kommt, aber den Gefallen habe ich ihnen nicht getan. Um es gleich vorwegzunehmen: Es kam niemand. Ich bin wieder allein auf der Bude und genieße es total. Was sie mit Bernie angestellt und wo sie den jetzt untergebracht haben, interessiert mich nicht. Sollen sie doch machen, was sie wollen! Auf jeden Fall bekommt dieser kleine Scheißer hier alles in den Arsch geschoben!

Im Speisesaal hat sich auch was getan. An unserem Tisch sitzt jetzt der Dicke zusammen mit Max, Kefir und mir. Am Nebentisch sitzen Ansgar, der Schlächter und zwei aus der anderen Gruppe und Bernd sitzt am Fenster, ganz weit weg. Soll er doch.

Den Schlächter haben sie heute Morgen zurückgebracht, als wir Ergo hatten und wieder in das Einzelzimmer gesteckt. Gleich daneben hause ich. Ansgar hockt immer noch mit Kefir zusammen, die beiden scheinen sich ganz gut zu verstehen, und daneben wohnen Max und der Dicke. Ist immer was los hier, langweilig wird’s wirklich nicht!

Der Schlächter sieht übrigens gar nicht müde aus. Entweder haben sie ihn nicht abgeschossen (würde mich wundern) oder er kann einiges vertragen. Ziemlich blöd, dass er jetzt beim Essen genau hinter mir sitzt, das macht mich nervös. Na ja, wenigstens war er heute ruhig und hat nicht wieder seinen Nazischeiß abgelassen. Ich habe ihn mir in der Gruppe mal länger angesehen: An irgendwen erinnert mich der Typ, ich weiß nur noch nicht genau, an wen. Auf jeden Fall scheint jetzt erstmal wieder alles friedlich zu sein. Fragt sich nur, wie lange.

Mit mir können die aber nicht einfach machen, was sie wollen! Kommen morgens rein, reißen mich aus dem Schlaf und glauben, dass das alles so in Ordnung ist. Wahrscheinlich denken sie, dass ein Psycho wie ich es nicht wert sei, dass man die Wahrheit sagt und ihm alles erklärt. Einfach machen und fertig und nicht lange drum herum reden. Nein, nicht mit mir! Und erst recht nicht du, Amann! Und dann wird mir noch nicht einmal erklärt, warum Bernd mein Zimmer und unseren Tisch verlässt. Da haben wir uns gerade etwas angefreundet und dann ist er schon wieder weg und guckt mich nicht mal mit dem Arsch mehr an. Was kann ich denn dafür, wenn dieser Ochse sich mein Tagebuch schnappt, darin herumliest und dann die große Sinnkrise bekommt? Doch wohl überhaupt nichts! Genauso, wie Rina mir damals gesagt hat, dass ich kein Geld mehr von ihr bekomme. Dabei habe ich ihr immer wieder gesagt, dass ich ihr alles zurückzahle, jeden beschissenen Cent. Das habe ich ihr versprochen! Oder wie sie sich beschwert hat, dass ich ihre neue Freundin angemacht habe. Ist doch wohl klar, dass ich mit dieser Tanja nicht einverstanden war, oder? Schließlich habe ich Rina gesagt, dass wir beide zusammengehören und dass sie meine Frau wird, und da kann es schon mal vorkommen, dass ich sauer werde, wenn sich jemand dazwischendrängt! Aber wenn du zu deinem Wort stehst und es durchsetzen willst, dann wirst du für bekloppt erklärt und weggesperrt. Aus und vorbei. Dann bist du kein Problem mehr. Oh wie gern möchte ich mich mit dir, Tanja, noch mal unterhalten! Und auch, wenn mir alle versichern, dass nur ich allein den Inhalt dieses Buches kenne: Falls es doch heimlich jemand liest, dann kann er das alles hier ruhig für voll nehmen! Ich bin nicht euer Opfer, mich kriegt ihr nicht klein, mich nicht! Und meinen Dad will ich auch nicht sehen, der kann sich morgen gleich wieder verpissen!!

So, ich bin wieder da, hab gerade die Pillen eingeworfen. Die merken schon, dass was im Busch ist, die gucken so komisch … Wahrscheinlich haben die im Hochsicherheitstrakt schon einen Platz für mich reserviert.

Bei der Ergo habe ich heute nichts gemacht. Hab nur dagesessen und vor mich hin gestarrt. Das Stück Holz in die Hand genommen und wieder weggelegt. Ist eh viel zu kompliziert, den Scheiß zu schnitzen, das schaffe ich doch nie!

In der Gruppe waren wir heute zu sechst. Der Schlächter und der Dicke sind zu uns gestoßen, eine wunderbare Ergänzung unserer irren Truppe. Bernd war nicht da, irgendwie hatte ich das schon geahnt.

Der Dicke heißt Mario Rabenau, hat ’nen bisschen was von sich erzählt. Depressionen, Selbstmordversuch und so weiter, rauschte ziemlich an mir vorbei. Der Schlächter heißt in Wirklichkeit John Tompson. Sein Vater ist Engländer und hier in Deutschland beim Militär stationiert. Wusste gar nicht, dass die Engländer immer noch in Deutschland sind; ich dachte immer, die wären schon längst abgezogen. John hat den fiesesten Blick drauf, den ich je gesehen habe. Ein kleiner, glatzköpfiger und tätowierter Flachschädel im schwarzen T-Shirt, mit Militärhose und Springerstiefeln. Fürchterlich, wie ein scheiß Nazi! Ich kann mich daran erinnern, dass bei uns zuhause in Büren auch ein Nazi wohnte (in einem braunen Haus ☺), und dass sich bei dem am Wochenende immer die Glatzen trafen. Ich bin ein paar Mal mit meinem Fahrrad da hingefahren, habe mich versteckt und sie mir angesehen. Hätten die mich damals entdeckt, hätten die bestimmt Hackfleisch aus mir gemacht! Glaube ich zumindest … Dieser John sieht genauso aus. Saß da breitbeinig auf seinem Stuhl, angemalt von oben bis unten und gaffte mich an wie eine Ratte im Versuchslabor. Was wohl so vor sich geht hinter seinem flachen Schädel? Eine ganze Menge, glaube ich. Als wir uns das Mittagessen aus der Küche holten, stand er vor mir und drehte sich zu mir um Er wollte gerade ein Stück Fleisch abschneiden und hatte die große Gabel und das Messer in der Hand. ›Ich sehe dich‹, sagte er und zeigte dabei mit der Gabel auf mich. Beim Essenholen sind immer Pflegekräfte da und der große Thomas schoss sofort auf den Schlächter zu und fragte ihn, was er denn mit dem Besteck vorhabe. Da zwinkerte mir diese miese, kleine Bulldogge zu, drehte sich um und machte sich in aller Seelenruhe daran, ein Stück Fleisch vom Braten abzuschneiden. Zu Thomas hat er nichts gesagt, den hat er gar nicht zur Kenntnis genommen. Was soll der Scheiß? Ich meine: Was soll das heißen, ich sehe dich? Dass er mich sieht ist mir schon klar, schlimm genug. So ein verdammter Idiot! Ach, übrigens: Nächste Woche hat es mich erwischt, da habe ich zum ersten Mal Küchendienst. Das heißt in erster Linie: die Mahlzeiten in der Küche vorbereiten. Es wird alles von außen angeliefert, wir müssen es nur noch aufwärmen und hinstellen. Zum Frühstück Kaffee und Tee kochen, abends nur Tee. Ich werde am kommenden Montag von Max eingewiesen, den löse ich nämlich ab. Ist wohl ein recht lauer Job. An den Tischen draußen muss ich gar nichts machen, weil wir uns alles selbst holen und jeder sein Geschirr nach dem Essen in die Spülmaschine räumt. Die muss ich nur anstellen und fertig. Ich habe echt nicht vor, hier hart zu arbeiten, immerhin bin ich ein Gefangener. Ganz easy werde ich das angehen und wenn sich einer beschwert, dann kann er mich mal!

Auch das Gespräch mit Bettina lief heute ziemlich still ab. ›Ich bin beschissen worden‹, habe ich gesagt und als sie mich fragte, was ich damit meine, sagte ich: ›Darüber möchte ich nicht reden.‹ Sie können dich hier nämlich nicht zwingen, irgendetwas zu tun, sie können höchstens deine Dosis erhöhen. Und sie können dich erst recht nicht zum Reden zwingen. Bettina sagte dann, es würde ihr nichts ausmachen, wenn wir die Stunde schweigend verbringen würden. Wenn ich nichts sagen wolle, müsse ich das auch nicht tun, auch das könne Therapie sein. Ich weiß jetzt nicht, was so toll daran sein sollte, dass wir uns eine knappe Stunde lang angeschwiegen haben, aber irgendwie hatte sie es so eingerichtet, dass es kein unangenehmes Schweigen war. Es war ungewöhnlich, weil wir uns sonst immer viel mehr zu erzählen haben, aber nicht unangenehm, was langes Schweigen ja schon mal sein kann. Die ist schon ziemlich gut in ihrem Job, die Bettina, aber leider hat sie heute aus mir nichts herausbekommen.

Nach dem Sport habe ich mich zum Lesen auf mein Zimmer verkrochen und da bin ich jetzt immer noch und hoffe, dass alles so bleibt, wie es ist und sie nicht noch auf die Idee kommen, mir irgendeinen Idioten hier mit reinzusetzen. Mal sehen, was morgen passiert, wenn ich meinen Dad wieder wegschicke. Im Blick haben sie mich ja schon, das habe ich wohl gemerkt, aber wahrscheinlich wissen sie noch nicht, was sie mit mir anstellen sollen. Wahrscheinlich warten sie erstmal ab. Genau wie ich. Bis morgen.«

 

Zweites Kapitel

 

Vernehmungsprotokoll

 

des Beschuldigten Herrn Samuel Fischer, geboren am 19. Mai 1996 in Harfurth, wohnhaft Semmelweg 39 in Bendern, Ortsteil Spradau.

Datum: 3. Januar 2017

Ort: Kriminaldienststelle Harfurth

Vernehmer: KHK Stefan Ottingmeyer

KOK Carola Frehe-Gerlach

Der Zeuge wurde darauf hingewiesen, dass die Vernehmung aufgezeichnet wird. Es folgt die Niederschrift dieser Tonaufzeichnung.

»O« – KHK Ottingmeyer

»F« – KOK Frehe-Gerlach

»Fi« – Beschuldigter Fischer

 

Beginn: 08:15

 

O: Herr Fischer, unser gestriges Gespräch endete leider unter ungünstigen Umständen.

Fi: Ja, da habe ich dicht gemacht. Tut mir leid. Ich hab lange drüber nachgedacht, was Sie gesagt haben, und ich werde jetzt mitmachen, versprochen!

O: In Ordnung. Wir haben gestern in erster Linie über den Überfall und Ihre Freundschaft mit Herrn Petry gesprochen. Dabei erwähnten Sie die Unberechenbarkeit und die hohe Aggressivität Ihres Freundes, sowie dessen Rachedurst, den er ja offenbar schon in seiner Kindheit ausgelebt hat.

Fi: Die Geschichte mit dem Baum, ja.

O: Heute wollen wir mit Ihnen über die Beziehung zwischen Herrn Petry und Carina Schilling sprechen. Zunächst einmal bitte ich Sie, den Beginn dieser Beziehung aus Ihrer Sicht zu schildern.

Fi: Okay. Alles fing damit an, dass Stevies Oma so krank geworden ist. Hätte die damals nicht diesen Schlaganfall gehabt, dann hätten die beiden sich vielleicht niemals kennengelernt und dann wäre dieser ganze Scheiß auch nicht passiert. Stevie war ganz schön fertig, als seine Oma ins Krankenhaus musste. Sie hatte sich immer um ihn gekümmert, als er so allein war. Sein Opa ist an ’ner Herzkrankheit gestorben - glaube ich - und deswegen hatte er nur noch seine Oma und an der hing er total. Und dann kam die Oma wieder nach Hause und konnte so gut wie gar nichts mehr alleine machen. Völlig abgemagert war die und stand total ab, als ob die sich im Krankenhaus überhaupt nicht um sie gekümmert hätten. Ich glaube, Michael [Anm.: Michael Petry, der Vater von Steve Petry] hat sich damals sogar beschwert, weil seine Mutter so heruntergekommen war. Die brauchten dann ’nen Pflegedienst und da kam Rina mit ihrem Chef vorbei. Ich weiß noch, als Steve sie das erste Mal auf dem Hof getroffen hatte. Da haben wir uns nachmittags in der Werkstatt getroffen und wollten die Bremsen an seinem Mazda machen und der war so aufgeregt, der hat gar nichts auf die Reihe bekommen. Hat eine nach der anderen geraucht, ein paar Bier gekippt und mir von Rina erzählt.

F: Wie genau sah die erste Begegnung der beiden aus? Wissen Sie das?

Fi: Na klar, Stevie hat mir ja alles haarklein erzählt. Der ist ihr auf dem Hof über den Weg gelaufen und sie hat sich vorgestellt und die beiden haben kurz miteinander gesprochen.

F: Und was hat Herr Petry davon erzählt?

Fi: [lacht] Oh, der war total hin und weg! »Das ist sie! Das ist sie!«, hat er immer wieder gesagt. Meine Güte, der hat sich überhaupt nicht mehr eingekriegt! So richtig verknallt war er bis dahin ja noch nicht gewesen, hatte nur so ein paar Bekanntschaften, mehr aber auch nicht. Aber diesmal hatte es ihn voll erwischt. Ich wusste, dass er Rina unbedingt haben wollte, komme was da wolle.

O: Hat Herr Petry Ihnen erzählt, wie die beiden zusammenkamen?

Fi: Ja, er hat sie von ihrer Wohnung abgeholt und die beiden sind nach Petersfeld zum Shoppen gefahren, danach ins Kino und noch was essen. War ein teurer Tag für Stevie, aber zwischen den beiden hatte es gefunkt.

O: Wann war das genau?

Fi: Hm, so ungefähr eine Woche, nachdem Rina das erste Mal zu seiner Oma gekommen war.

O: Und wie würden Sie den Anfang der Beziehung beschreiben?

Fi: Tja, Stevie war total verknallt, der schwebte wie auf Wolken. Carina war auch happy, aber die ging nicht so ab wie er. Gut, ich konnte ihn verstehen. Carina war total hübsch, immer gut drauf und total clever, genauso wie Steve. Die beiden waren viel auf Achse und ich war alleine in der Werkstatt, aber das hat mich nicht gestört. Stevie hatte so lange auf die Richtige warten müssen; ich hab es ihm echt gegönnt. Einmal waren wir auch zu dritt in Obernbrück. Mann, ich hab die beiden echt beneidet! Tolles Pärchen, wirklich!

F: War wirklich alles in Ordnung?

Fi: Na ja, da war dieser eine Sonntag, da hat es Knatsch gegeben, da waren die beiden zwei Wochen zusammen oder so. Carina ist auf die Idee gekommen, mit Steve zu ihren Eltern zum Kaffee zu fahren. Oder die Eltern hatten die beiden eingeladen, das weiß ich nicht mehr so genau. Am nächsten Tag waren beide stinksauer. Rinas Vater hatte wohl gesagt, mit was für einem Typen sie sich da abgeben würde, das ginge ja wohl überhaupt nicht, von wegen Sohn von einem Schrotthändler und so. Und Stevie hatte jedes Wort mitbekommen. Die beiden haben sich in der Werkstatt ganz schön gezofft. Dann war es aber irgendwann wieder gut und wir haben mächtig einen gesoffen und auch was dazu geraucht. Wir haben alle bei Stevie geschlafen, der hatte ja oben eine ganze Etage für sich. Am nächsten Morgen konnte Rina kaum stehen, so fertig war die noch. Hat sich dann krank gemeldet. Ich hatte glücklicherweise Urlaub und Steve arbeitete ja damals bei seinem Vater, da konnte er auch mal später aufstehen. Na ja, eigentlich ist er immer erst so gegen Mittag aufgestanden und hat dann nachmittags und abends gearbeitet, manchmal auch in die Nacht hinein. Auf jeden Fall waren beide ziemlich angepisst wegen dem, was Rinas Vater gesagt hatte, und Stevie wollte auf einmal unbedingt bei Rina einziehen. Ob er das jetzt aus Liebe gemacht hat oder Rinas Vater eins auswischen wollte, das kann ich nicht so genau sagen.

F: War es vielleicht so, dass Ihr Freund mehr Kontrolle über Carina Schilling haben wollte?

Fi: Nein, so kam mir das damals nicht vor. Später wurde das anders, aber ich glaube, dass Stevie gedacht hat: ›Jetzt erst recht!‹, und dass er das wirklich aus Liebe machen wollte.

O: Eben waren Sie sich da noch nicht so sicher.

Fi: Na ja, wenn ich da jetzt nochmal so drüber nachdenke…

[Pause]

O: In Ordnung. Herr Petry zog also bei Frau Schilling ein. Wie entwickelten sich die Dinge weiter?

Fi: Ja, das war so Anfang November. Da hab ich Stevie immer seltener gesehen. Wir bauten mal wieder den Motor vom Audi um, neuer Turbo, anderer Krümmer, noch mehr Leistung und so. Aber ich hab fast alles alleine gemacht. Ich hab ihn oft angerufen, ob er nicht mal wieder mitmachen wollte, und ob wir nicht mal wieder ’ne Nachttour machen wollten, aber er konnte so gut wie nie. Es hieß immer nur: ›Rina kommt gleich‹, ›Rina ist zur Arbeit und ich muss auf sie warten‹, Rina hier, Rina da. In seinem Kopf schien für nichts anderes mehr Platz zu sein.

O: In positiver oder negativer Hinsicht?

Fi: Also, normal war das Ganze irgendwann nicht mehr! Man muss den Anderen doch auch mal losziehen lassen können, ohne dass man die ganze Zeit zuhause hockt und darauf wartet, dass er oder sie pünktlich wiederkommt.

F: Hat Steve das getan?

Fi: Ja, das hat Rina mir erzählt.

O: War das Anfang Dezember, als Frau Schilling zu Ihnen auf den Schrottplatz kam?

Fi: Richtig.

O: Bitte schildern Sie uns diese Begegnung noch einmal ganz genau!

Fi: Also, wie gesagt: Rina kam zu mir auf den Schrottplatz. Sie hatte nicht gewusst, dass ich da war, aber als sie mein Auto gesehen hatte und mich in der Werkstatt fand, da war sie irgendwie… [Pause] erleichtert, würde ich sagen. Ich sah ihr gleich an, dass irgendwas nicht stimmte, und fragte sie natürlich und dann zeigte sie mir die Stellen, an denen Steve sie erwischt hatte. Und dann platzte alles aus ihr raus, die ganze Geschichte.

O: Warum erzählte sie ausgerechnet Ihnen das alles?

Fi: Weiß nicht. [Pause] Ich glaube, sie hat mir vertraut und irgendwie gewusst, dass ich keine Tratschtante bin. Zur Polizei wollte sie auf keinen Fall.

O: Warum nicht?

Fi: Sie sagte, sie hätte Angst, dass Steve sich an ihr rächen würde.

O: Haben Sie ihr das alles geglaubt?

Fi: Ehrlich gesagt: nein. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass Steve ihr das angetan haben sollte. Nein, das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen!

O: Und warum nicht?

Fi: [lacht] Na, Sie bohren aber nach! Es gibt Dinge über Carina, die wissen nicht viele Leute, und auch ich habe es nur mitbekommen, weil ich Stevies Freund war, und er es mir erzählt hat. Rina musste Medikamente einnehmen, die war krank. Hat Magersucht gehabt und diese Krankheit, wo die sich selber mit dem Messer ritzen. Das hab ich mal an ihren Handgelenken gesehen, da waren ganz viele Narben, kreuz und quer.

F: Sie meinen das Borderline-Syndrom?

Fi: Ja, ich glaube so heißt das.

F: Können Sie sich vorstellen, dass Frau Schilling sie anlog und sich die Blutergüsse selbst beigebracht hatte?

Fi: Hm, weiß nicht. [Pause] Stevie prügelte sich schon, aber nur mit Jungs, verstehen Sie? Der hätte doch nie ’ne Frau zusammengeschlagen, nie! Und Carina hatte nun mal diese Erkrankung, da machen die doch sowas, oder?

F: Sie wissen aber auch, dass Herr Petry Wutausbrüche hatte, bei denen er sich nicht mehr unter Kontrolle hatte?

Fi: Ja, das weiß ich. [Pause] Trotzdem, als sein Freund weiß ich auch, dass er niemals eine Frau zusammengeschlagen hätte.

O: Gut, Herr Fischer. Wie ging es damals auf dem Schrottplatz weiter?

Fi: Carina fragte mich, was sie jetzt machen sollte. Die beiden hatten Streit gehabt, weil sie ihm kein Geld für seinen Mazda mehr pumpen wollte und weil sie sein Auto Kiste genannt hatte. [lacht]

F: Was finden Sie daran so witzig?

 Fi: Na ja, deswegen rastet man doch nicht gleich aus, oder? Ich glaube wirklich, die hat sich damals selbst vermöbelt und wollte Stevie alles in die Schuhe schieben. Und dann hat sie irgendeinen gesucht, dem sie die blauen Flecke zeigen konnte und da kam ich doch gerade recht. Wenn ich nicht dagewesen wäre, hätte sie sich wahrscheinlich vor Stevies Eltern ausgezogen. So wie sie sagte, hat sie es gerade noch so aus der Wohnung geschafft, ist nach unten gelaufen und weggefahren. In die Wohnung wollte sie übrigens erstmal nicht zurück.

O: Der Reihe nach, Herr Fischer. Frau Schilling floh also aus der Wohnung, kam zum Schrottplatz, zeigte Ihnen die Verletzungen und schrieb diese Herrn Petry zu. Was geschah dann? Worüber genau haben Sie beide gesprochen?

Fi: Sie fragte mich, was sie jetzt machen sollte. Ich konnte sie nicht unterbringen und Steves Eltern konnte sie auch nicht fragen, das war ja wohl klar. Blieben also nur ihre Eltern oder eine Freundin. Polizei wollte sie nicht, wie gesagt. Sie rief ihre Freundin an, doch die ging nicht ran. Dann hat sie es bei ihren Eltern versucht und die waren zuhause. Hat ihrem Vater irgendwas von ’nem Rohrbruch und Handwerkern erzählt und dass sie nicht wüsste, was sie machen solle, und ihr Vater meinte, sie könne natürlich so lange bei denen wohnen, sie würden sich sogar sehr darüber freuen. Ja, und dann haben wir noch eine geraucht und ganz allmählich ist sie runtergekommen. Dann ist sie losgefahren, zu ihren Eltern. Hat mir nochmal zugewinkt und dann war sie weg.

[Pause]

F: Ist Frau Schilling mit der Absicht, Sie zu treffen, zum Schrottplatz gefahren oder wollte sie ursprünglich mit Steves Eltern reden? Hat sie etwas in diese Richtung erwähnt?

Fi: Nein, überhaupt nicht.

O: Wir wissen, dass Steve Petry noch am selben Tag seine Sachen gepackt und die Wohnung von Frau Schilling verlassen hat. Er ist dann wieder bei seinen Eltern eingezogen. Wie haben Sie ihn in dieser Zeit bis zur Entführung erlebt?

Fi: Er war natürlich ziemlich fertig. Vielleicht ist ihm ja doch die Hand ausgerutscht und er hatte deswegen ein schlechtes Gewissen.

O: Am ganzen Körper grün und blau geschlagen würde ich nicht als ›Hand ausgerutscht‹ bezeichnen, Herr Fischer. Wir haben Spuren dieser Verletzungen noch bei der Obduktion von Frau Schilling feststellen können und da war es immerhin schon zwei Wochen her, dass Herrn Petry [betont] ›die Hand ausgerutscht war‹.

Fi: Okay, okay! Dem Stevie ging es auf jeden Fall nicht gut. Als der wieder bei seinen Eltern war, hat man ihn die erste Zeit gar nicht mehr gesehen. Dann rief er an und ich bin hin zu ihm, in die Werkstatt. Der Audi war komplett, der lief richtig gut, aber sein Mazda brauchte neue Reifen, die waren völlig hinüber. Carina konnte er nicht mehr anpumpen, ich war auch blank und sein Vater wollte ihm auch nichts mehr geben.

F: Kurze Zwischenfrage: Was haben Sie eigentlich für eine Berufsausbildung, Herr Fischer?

Fi: Ich wollte den KFZ-Mechatroniker machen, genau wie Stevie, hab aber nach einem Jahr abgebrochen, weil ich keinen Bock mehr hatte. Hab dann als Aushilfe in ’ner Küchenmöbelfabrik gearbeitet, hab auch mit ausgeliefert und sowas, gab aber nicht viel Kohle, deswegen war ich öfter mal blank. Lag vielleicht auch daran, dass ich damals ziemlich viel gesoffen hab [lacht].

F: Sie konnten also beide Geld gebrauchen?

Fi: Ja, stimmt. [Pause] Und dann haben wir halt das Ding mit dem alten Möcker durchgezogen.

O: Der durch dieses Erlebnis immer noch schwer traumatisiert ist und ärztliche Hilfe benötigt, Herr Fischer. Zu dumm nur, dass er den Audi wiedererkannt hat, nachdem wir ihn in der Werkstatt gefunden haben!

Fi: Ich leugne ja gar nicht, dass wir es getan haben!

O: In Ordnung. Bitte beschreiben Sie weiter, was Ihr Freund in der Zeit vom Überfall bis zur Entführung tat. Was haben Sie mitbekommen und an was können Sie sich erinnern?

Fi: Tja, wie gesagt, es ging ihm sehr schlecht. Er war irgendwie total… [Pause] angespannt. Ja, ich glaube, das ist das richtige Wort. Er war pausenlos irgendwelche Gedanken am Wälzen. Ich glaube, er überlegte, wie er Rina zurückgewinnen konnte. Es tat ihm bestimmt alles schrecklich leid, da bin ich mir sicher.

O: Hat er mit Ihnen über dieses Thema gesprochen?

Fi: Nö. Wir haben uns ja nur noch selten gesehen. Und wenn wir uns mal trafen, dann ging es nicht um Rina. Das hat er echt vermieden.

O: Haben Sie Frau Schilling in dieser Zeit getroffen?

Fi: Ja, habe ich. Zwei Mal. Aber nicht auf dem Schrottplatz. Die kam ja nicht mehr, um Steves Oma zu pflegen. Da war jetzt ’ne Neue, Tanja hieß die, so eine Große, Kräftige.

O: Bitte erzählen Sie uns von den Treffen mit Frau Schilling!

Fi: Na ja, das war eher zufällig, in der Stadt. Einmal war auch diese Tanja dabei, ihre Kollegin, die jetzt bei Steves Oma war. Als ich Rina alleine getroffen hab, hat sie mir erzählt, dass Stevie sie immer noch verfolgen würde. Er würde im Auto sitzen und sie beobachten und er würde auch hinter ihr herfahren. Und er hätte sie auch angerufen und ihr ständig Nachrichten geschickt, aber sie hätte jetzt eine neue Nummer und seitdem wäre Ruhe. Aber die hatte trotzdem Angst vor Steve. Von der Polizei wollte sie aber immer noch nichts wissen. Ich weiß nicht, vielleicht hatte sie ja auch was angestellt und wollte deswegen keine Anzeige machen. Ich meine… [Pause] Alle sind hier nur hinter Stevie her. Was ist denn mit Carina? Vielleicht war die ja auch nicht so ganz unschuldig?

O: Das wird sie uns leider nicht mehr sagen können. Was können Sie uns über den Tag erzählen, an dem die Entführung geschah?

Fi: Nicht viel. An diesem Tag war ich krank. Hatte Grippe und hohes Fieber. Hatte mich ganz plötzlich erwischt. War ’ne ziemlich lange Geschichte; auch nach Weihnachten, als ich verhaftet wurde, ging’s mir noch nicht so richtig gut.

F: Haben Sie gewusst, dass Tanja Stauss, die Arbeitskollegin von Frau Schilling, ihre neue Geliebte war?

Fi: [erschrocken] Wie bitte? Sie wollen doch wohl nicht sagen… [Pause]

F: Frau Schilling war bisexuell, Herr Fischer. Sie fühlte sich sowohl zu Männern als auch zu Frauen hingezogen. Nachdem sie die Beziehung zu Herrn Petry beendet hatte, ging sie eine neue mit Frau Stauss ein.

Fi: [leise] Ach du Scheiße! Das hätte Steve aber nicht wissen dürfen, der wäre ja total ausgeflippt!

F: Er wusste es aber, sie hatte ihm relativ früh von ihrer Bisexualität erzählt. Zunächst konnte er damit umgehen, aber als Carina Schilling eine Beziehung mit ihrer Kollegin einging, da war es mit seiner Toleranz vorbei. Und Sie haben bislang nichts davon gewusst?

Fi: Nein, davon habe ich wirklich nichts gewusst. Keiner der beiden hat mir irgendwas erzählt. Meine Güte… [Pause] Aber da sehen Sie doch, wie Carina war: Die Geschichte mit Stevie ist noch nicht mal kalt und sie angelt sich schon wieder jemand Neues und dann auch noch ein Mädchen! Die wollte ihn doch nur provozieren und nichts anderes! Sie wusste doch, wie Steve reagieren würde! Pure Absicht war das, pure Absicht!

F: Bitte beruhigen Sie sich, Herr Fischer.

[Pause, unverständlich]

F: Ich möchte Sie abschließend noch fragen, wie Sie zu dem stehen, was am Abend des 20. Dezembers 2016 geschehen ist.

Fi: Zu der Entführung?

F: Genau, zu der Entführung und dem Tod von Carina Schilling.

Fi: [Pause] Ich glaube einfach, dass Stevie völlig verzweifelt war. Er hat mir gesagt, wie leid ihm alles tut und wie sehr er sich wünscht, dass Carina zu ihm zurückkommt. Von Rinas neuer Freundin hat er mir nie was erzählt, sonst hätte ich ihm doch helfen können! Wir haben doch sonst immer über alles geredet, verdammt! [Pause] Sie können mir erzählen, was Sie wollen, das hat Rina mit Absicht getan!

O: Um sich an Steve Petry zu rächen?

Fi: Genau das. Er hatte sie vertrimmt und sie wollte sich an ihm rächen.

O: Das sind nur Vermutungen, Herr Fischer.

Fi: Richtig, aber Sie haben mich nach meiner Einschätzung gefragt und hier ist sie. Ich bin mir absolut sicher: An dem Abend, als Steve rausgefahren ist nach Meienhaupt, da hatte er bestimmt nichts Böses im Sinn. Der wollte sich wirklich bei Rina entschuldigen und sie um einen Neuanfang bitten.

O: Ja, etwas in der Richtung hat Herr Petry auch ausgesagt. Dagegen wäre ja auch nichts einzuwenden gewesen, Herr Fischer. Aber die Dinge haben sich nun mal etwas anders entwickelt.

Fi: Weil Carina mal wieder völlig zickig reagiert hat! Warum ist die denn auch weggerannt, als sie Stevie auf dem Hof sah?

O: Woher wollen Sie das wissen?

Fi: Stand in der Zeitung.

O: Ich meine: Woher wollen Sie wissen, dass Frau Schilling zickig reagiert hat? Könnte es nicht sein, dass sie Angst vor ihrem Ex-Freund hatte und deswegen vor ihm ins Haus geflüchtet ist? Sie wusste doch mittlerweile, wie unberechenbar dieser Mann ist. Da ist die Reaktion, vor einem solchen Menschen die Flucht zu ergreifen, doch nur allzu verständlich, finden Sie nicht?

Fi: [Pause, beginnt zu weinen] Mir wäre es am Liebsten gewesen, wenn diese Frau niemals aufgetaucht wäre. Wir hatten so eine geniale Freundschaft, Stevie und ich. Bis Carina kam. Die hat alles durcheinandergebracht. Die hat ihn völlig durcheinandergebracht. Stevie ist krank, ja, aber er hatte sich ganz gut im Griff, bis sie kam. Da ging alles irgendwie den Bach runter, da war er nicht mehr derselbe.

F: Aber dazu gehören immer zwei Menschen, Herr Fischer. Steve Petry ist die Beziehung zu Carina Schilling aus eigenem Willen eingegangen und sie ist wahrlich nicht an der Situation schuld, in der er sich jetzt befindet.

Fi: [laut, aufgebracht] Doch, sie hat Schuld! Sie ist an allem schuld! Sie hat ihm einfach so kein Geld mehr gegeben, sie hat sich eine neue Freundin genommen, sie hat ihn beschimpft und beleidigt, das alles hat sie getan, dieses verdammte Miststück! [Pause, weint]

F: Herr Fischer, ich glaube, es ist besser, wenn wir unser Gespräch an dieser Stelle beenden. Was meinen Sie, Herr Ottingmeyer?

O: Ja, ich denke auch. Möchten Sie abschließend noch etwas hinzufügen, Herr Fischer?

Fi: [leise] Ja, möchte ich. Ich weiß, dass Stevie und ich Mist gebaut haben, und für die Sache mit dem Möcker werde ich in den Knast gehen, das habe ich ja auch verdient, aber ich möchte auch, dass dieses Ding da aufnimmt, dass Rina auch nicht so ganz unschuldig ist an allem, was passiert ist, auch wenn sie jetzt tot ist und sich nicht mehr wehren kann. Es tut mir leid, was wir dem Möcker angetan haben, und ich weiß genau, dass es Stevie jetzt auch leid tut, genauso wie das, was er mit Rina gemacht hat, und dass sie bei dem Unfall gestorben ist. Bitte passen Sie gut auf ihn auf! Ich bin sein Freund, ich kenne ihn und ich weiß, dass er bis zum Äußersten gehen kann. Bitte passen Sie gut auf, dass er sich nichts antut. [weint]

O: Damit erkläre ich die heutige Vernehmung von Herrn Samuel Fischer für beendet.

 

Ende: 09:20

 

Drittes Kapitel

 

Vernehmungsprotokoll

 

des Beschuldigten Herrn Michael Petry, geboren am 6. Januar 1973 in Bendern, wohnhaft Starenweg 133 in Randringshausen, Ortsteil Büren.

Datum: 5. Januar 2017

Ort: Kriminaldienststelle Harfurth

Vernehmer: KHK Stefan Ottingmeyer

KK Daniela Richter

Der Beschuldigte wurde darauf hingewiesen, dass die Vernehmung aufgezeichnet wird. Es folgt die Niederschrift dieser Tonaufzeichnung.

»O« – KHK Ottingmeyer

»R« – KK Richter

»P« – Beschuldigter Petry

 

Beginn: 11:15

 

O: Es erfolgt die Fortsetzung der Vernehmung des Beschuldigten Michael Petry nach einer Pause auf Wunsch des Zeugen. Herr Petry, ich würde gern noch einmal auf das zurückkommen, was wir vor der Pause besprochen haben.

P: Sie meinen, ob ich mir keine Gedanken darüber gemacht habe, dass Steve und Samuel hinter dem Überfall stecken könnten?

O: Genau. Ich kann nachvollziehen, dass Sie Ihren Sohn aus Liebe schützen wollten, andererseits kannten Sie auch die Fakten, nämlich den goldfarbenen Audi und die Tatsache, dass Ihr Sohn zu Gewaltausbrüchen und unberechenbarem Verhalten neigt.

R: [gereizt] Ja, ja, und dass er eine manipulative und dissoziale Persönlichkeit ist, ja! All das weiß ich und ich sage Ihnen jetzt, dass ich mir natürlich fast sicher war, dass die beiden den Überfall durchgezogen hatten, und dass Steve der Drahtzieher des Ganzen war. Ich weiß auch, dass mein Sohn psychisch krank ist, genau wie seine Mutter, darüber habe ich mit unserer Hausärztin und einem Experten gesprochen. Ja, verdammt, ich wusste von dem ganzen Scheiß und ich habe auch mitbekommen, wie sie in jener Nacht vom Hof fuhren, weil ich gerade in dem Augenblick wach war, und außerdem war der Audi ja laut genug!

O: Na also! Wieso haben Sie uns das nicht eben schon gesagt?

R: Ich denke, das liegt auf der Hand, Herr Ottingmeyer. Natürlich ist es für Herrn Petry sehr aufwühlend, sich an diese Dinge zurückzuerinnern, und es ist nur menschlich, dass er gewisse Bereiche und Gedanken ausblendet und verneint. Es zeugt von großer Verantwortung, dass er sich uns gegenüber doch noch geöffnet hat, und die Geschehnisse jetzt so schildert, wie sie sich wirklich abgespielt haben.

O: Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Auch ich weiß das zu schätzen, aber wenn Sie, Herr Petry, damals Ihrem Verdacht nachgegangen wären und Ihren Sohn zur Rede gestellt hätten, dann hätten Sie vielleicht Schlimmeres verhindern können!

P: [erregt, laut] Aber das habe ich doch getan, mein Gott! Ich habe doch mit Steve gesprochen!

O: Ach? Dann erzählen Sie uns doch bitte davon!

P: Als der Überfall auf den alten Möcker in der Zeitung stand, da war mir irgendwie gleich klar, dass Steve und Samuel hinter der Sache steckten. Meine Frau wollte nichts damit zu tun haben, die war völlig mit den Nerven runter, seitdem mein Sohn wieder bei uns wohnte.

R: Warum?

P: Nun ja… [Pause] Steve hatte sich verändert. [Pause] Es schien ihm ziemlich schlecht zu gehen. Vorher war alles gut gewesen und unsere Ehe hatte wieder funktioniert, vor allem natürlich, weil Rita wieder trocken war. Und dann steht er mit einem Mal vor unserer Tür und will wieder einziehen. Und wir wussten gar nicht, warum er das wollte, weil er uns nichts erzählt hat. Weder das, was zwischen ihm und Carina vorgefallen war, noch wie schlecht es wirklich um ihn stand. Er huschte wie ein Geist durchs Haus, aß auf seinem Zimmer und verbrachte den Rest der Zeit in der Werkstatt oder auf der Straße. Wenn er Geld brauchte, ließ ich ihn im Geschäft mitarbeiten. Das machte er immer noch ziemlich gut. Miete musste er bei uns nicht zahlen, also konnte er die Kohle in sein Auto stecken. Ich habe ihn gefragt, ob er sich nicht in einem Betrieb in Bendern bewerben wolle, da hätte er doppelt so viel verdienen können wie bei mir, aber da hat er nur mit dem Kopf geschüttelt und ist gegangen. Rita hat sich gar nicht an ihn herangetraut, die hatte richtig Schiss vor ihm.

R: Und dann geschah der Überfall und Sie haben ihn damit konfrontiert.

P: Genau. Ich habe ihn auf ein Bierchen eingeladen und ihn einfach gefragt. Wohl war mir nicht dabei, aber ich bin auch kein Feigling, verstehen Sie? Er blieb ganz ruhig, keine Regung, kein Schreck. Damit hätte er nichts zu tun und Sammy auch nicht. Das war’s. Als ich nachbohrte, knallte er seine Flasche auf den Küchentisch und ging nach oben. Am nächsten Tag kam er zu mir ins Büro, sagte noch einmal, dass er es nicht gewesen sei, und dass ich bloß nicht auf die Idee kommen sollte, zur Polizei zu laufen. Er würde alles mitbekommen und dann wäre er sofort weg, diesmal auf Nimmerwiedersehen.

R: Das muss eine heikle Situation für Sie und Ihre Frau gewesen sein.

P: Oh ja, das war es! [Pause] Eine wirklich heikle Situation.

O: Herr Petry, wir wissen, dass Ihr Sohn Carina Schilling geschlagen hat, als sie ihm kein Geld mehr für seinen Wagen geben wollte. Hat er Ihnen davon erzählt?

P: Nein, davon weiß ich nichts. Hat er sie verletzt?

O: Ja. Herr und Frau Schilling haben uns berichtet, dass ihr ganzer Körper grün und blau war. Carina Schilling hatte eine derartige Angst vor Ihrem Sohn, dass sie es nicht gewagt hat, ihn anzuzeigen. Und dann war da ja auch noch die Geschichte mit Tanja Stauss, Carinas neuer Freundin.

P: Eine neue Freundin? Ich verstehe nicht. Sie müssen sich schon etwas genauer ausdrücken, Herr Ottingmeyer!

O: Das will ich gerne tun, Herr Petry: Carina Schilling war bisexuell. Sie fühlte sich sowohl zu Männern, wie auch zu Frauen hingezogen. Als die Beziehung mit Ihrem Sohn beendet war, begann Frau Schilling eine neue mit ihrer Kollegin Tanja Stauss. Steve hat Carina in jener Zeit nachgestellt. Er rief Sie mehrfach an, außerdem ist er zu ihrer Wohnung gefahren und hat sie von der Straße aus beobachtet. Als er herausgefunden hatte, dass Carina und Tanja zusammen waren, hat er sich an Tanjas Fersen geheftet. Er hat sie nach der Arbeit auf dem Nachhauseweg angehalten und ihr mit dem Tode gedroht, wenn Tanja die Beziehung zu Carina nicht beenden würde. Frau Stauss hat ausgesagt, dass Ihr Sohn ein Messer dabei hatte, und dass er sie angeschrien und in übelster Weise beschimpft hat. Sie hatte Todesangst, Herr Petry!

P: [leise] Mein Gott, das ist ja schrecklich, aber ich

O: [unterbricht] Sie wussten ja von nichts, nicht wahr? Sie ahnten auch nichts, als Carina Schilling zu Ihnen nach Hause kam und Ihren Sohn zur Rede stellte wegen dem, was er Frau Stauss angetan hatte? Carina hatte natürlich bemerkt, dass mit ihrer Freundin etwas nicht stimmte, und sie hatte so lange gebohrt, bis Tanja ihr alles erzählte. Und dann ist sie sofort ins Auto gesprungen, mit der Absicht, zum Schrottplatz zu fahren und ihren Ex-Freund dort damit zu konfrontieren.

P: Ja gut, das habe ich mitbekommen, Carina war ja schließlich laut genug. Die hat getobt und war außer sich vor Wut, so hatte ich die noch nicht erlebt. Ich glaube, wenn ich nicht dazwischen gegangen wäre, dann wäre sie Steve glatt an die Gurgel gegangen.

R: Bitte schildern Sie das noch einmal ganz genau, Herr Petry!

P: Also: Ich saß im Büro über einem Stapel Rechnungen für Altmetall, als ich die Schreierei draußen hörte. Ich kann vom Büro aus nicht auf den Hof gucken, also bin ich rausgegangen. Wo Rita zu der Zeit war, wusste ich nicht. Wahrscheinlich hat sie geschlafen, die nimmt ja so starke Medikamente. Ich ging um die Ecke und da sah ich die beiden. Carina stand vor ihrem Wagen, der Motor lief und sie schrie Steve an: »Wenn du ihr etwas antust, dann bist du dran, dann fliegt alles auf, das schwöre ich dir!« So etwas Ähnliches hat sie zu ihm gesagt. Und dass sie auch wüsste, wer hinter dem Überfall steckt und dass sie das alles der Polizei erzählen würde. Und dass Steve dann endlich dran sei. Sie hat sich immer weiter reingesteigert, immer lauter ist die geworden. Steve stand ganz ruhig vor ihr, aber in Wirklichkeit war der kurz vorm Ausbruch, das habe ich ihm angesehen.

O: Und dann hätte er ihr wieder etwas angetan?

R: Bitte, Herr Ottingmeyer, Mutmaßungen helfen uns doch nicht weiter! Herr Petry, fahren Sie bitte fort!

P: Gut. Ich hatte Schwierigkeiten, Carina zu beruhigen. Erst hatte ich die Befürchtung, dass sie auf mich losgeht, aber dann ist sie in ihr Auto gestiegen und gefahren. Aber die hat die ganze Zeit noch weiter gewettert, durch das offene Fenster. Als sie weg war, ist Steve reingegangen und hat sich nach oben verzogen. Erst zum Abendbrot ist er wieder runtergekommen und da war er auf einmal ganz anders.

O: Wie, anders?

P: [aufgebracht] Glauben Sie etwa, dass es mir leichtfällt, über diese Dinge zu reden?

O: Sicherlich nicht.

P: [aufgebracht] Gut, dann unterbrechen Sie mich auch nicht immer wieder! [Pause] Also: Stevie kam zum Abendbrot runter und er hockte am Küchentisch wie ein Häufchen Elend. Er sagte, er habe Scheiße gebaut und müsse eine Menge wiedergutmachen. Meine Frau und ich kannten ihn gar nicht wieder. Er war fast am Heulen. Auf jeden Fall sagte er, dass er heute Abend bei Carina anfangen wolle.

O: Womit?

P: [gereizt] Na womit wohl? Sich entschuldigen für das, was er ihr angetan hatte! Was das genau war, wussten wir damals allerdings nicht. Meine Frau fragte ihn danach, aber er hat es an jenem Abend nicht preisgegeben.

O: Und wenn er es Ihnen erzählt hätte, was hätten Sie dann unternommen?

P: Weiß ich nicht.

O: Vielleicht hätten Sie ja etwas unternehmen können, als Ihr Sohn sich auf den Weg nach Meienhaupt machte. Es war Ihnen doch auch damals schon bewusst, wie unberechenbar er ist, das wissen Sie doch nicht erst seit dem heutigen Tag!

P: [leise] Was hätte ich denn Ihrer Meinung nach tun sollen?

O: Hinterherfahren, schauen, was er macht! Meine Güte, irgendeine Ahnung müssen Sie doch gehabt haben!

P: [Pause] Ja, Sie haben Recht. [Pause] Vielleicht hätte ich etwas unternehmen sollen. Aber Steve war so am Boden zerstört… [Pause] Wir haben wirklich damit gerechnet, dass er sich entschuldigen und alles wieder gutmachen wollte.

O: Nur leider hatte er schon zu viel angerichtet. Da hätte er sich schon mächtig anstrengen müssen, um das wieder gutzumachen.

R: Okay, ich fasse noch einmal zusammen: Nach dem Streit auf dem Schrottplatz ging Steve nach oben und kam erst zum Abendbrot wieder herunter. Da schien es ihm sehr schlecht zu gehen und er sagte, dass er etwas angestellt habe, für das er sich nun entschuldigen müsse.

P: Ja, genauso war es.

R: Und dann ist er gefahren, mit der Absicht, sich bei Frau Schilling zu entschuldigen.

P: Genau. Obwohl mich da etwas gewundert hat.

O: Was hat Sie gewundert, Herr Petry?

P: Na ja, als Carina nach dem Streit gefahren ist, da hat sie sowas gesagt wie, sie müsse jetzt auch endlich mal los, schließlich müsse sie heute Nachmittag noch arbeiten und sie könne es sich nicht leisten, ihre ganze Zeit bei uns zu vertrödeln. Da hätte Steve eigentlich wissen müssen, dass sie Spätschicht hatte, und dass es überhaupt keinen Sinn machte, sich nach dem Abendbrot auf den Weg zu ihr zu machen. War ja so zwischen sieben und halb acht und die arbeitete doch immer bis zehn, halb elf. Hat sie uns zumindest mal erzählt, als sie noch bei meiner Mutter war. Da hätte Stevie ja noch ewig vor ihrer Haustür warten müssen.

O: Und das ist Ihnen bisher noch nicht eingefallen?

P: Nein, ist es nicht. Es war ja so viel los in letzter Zeit… [Pause] Das ist mir wirklich erst jetzt wieder eingefallen, wo wir darüber reden.

R: Das mag gut sein, Herr Petry. Sie haben es uns ja noch erzählt. Nach allem, was wir bis jetzt wissen, ist ihr Sohn direkt nach Meienhaupt gefahren. Dort hat er sich in der Nähe eines Bauernhofs versteckt, der einem Gerhard Ahlemeier gehört, den Frau Schilling als Patient betreute. Er hat auf einem Waldweg in seinem Auto auf sie gewartet. Was mich in diesem Zusammenhang interessieren würde, ist, woher er wusste, dass Carina Schilling dort gegen acht Uhr auftauchen würde? Können Sie sich das erklären?

P: