für

Gerhild und Marlon

»Da passt einer auf uns auf!«

Ich liebe euch beide.

 

 

Thomas Kampeter

Abendstern - Zum Dritten

eine Geschichtensammlung

 

 

Erster Teil: Märchen

 

 

Im Zirkus

 

Es war einmal ein Junge mit Namen Theodor. Er lebte in einem kleinen Dorf auf dem Land. Im Sommer grasten die Kühe auf den Wiesen, und die Mähdrescher brummten über die Felder. 

Eines Tages ging Theodor in den Zirkus. Er kaufte sich eine Karte und setzte sich ganz nach oben auf die Tribüne.

Dann ging die Vorstellung los. Erst traten die Akrobaten auf, dann die Clowns, die Elefanten und schließlich die Löwen. Nach einer kleinen Pause kam der Zirkusdirektor hereinstolziert und kündigte eine ganz besondere Truppe an: „Und jetzt, meine sehr verehrten Damen und Herren: Manege frei für die Alloholis !“ Er verschwand, und zwei Männer und zwei Frauen torkelten herein. Sie waren sehr nachlässig gekleidet; die Hemden hingen aus den Hosen. Dazu verbreitete sich ein unangenehmer Gestank in der Manege nach wochenlang nicht mehr gewaschenen Füßen und altem, abgelagertem Schweiß. Theodor wurde übel, doch die Truppe war recht witzig, wie sie da so lallend umherwankte. Einer lief gegen einen der Pfosten, die das Zirkuszelt stützten, während ein anderer erst einmal lustig ins Publikum pinkelte. Man amüsierte sich köstlich über diese possierliche Truppe, doch irgendwann fingen die Alloholis an, böse zu werden. Sie beschimpften und bedrohten das Publikum, bezeichneten einige Männer als „Hunde“ oder gaben ihnen noch viel schlimmere Namen. Es kam zu ersten Handgreiflichkeiten, und der Zirkusdirektor kam angelaufen, um die Streitigkeiten zu schlichten. Schließlich wurden die Alloholis  von vier starken Männern aus der Manege geschleift, was gar nicht mal so einfach war, da sie sich mit Händen und Füßen dagegen wehrten. Im letzten Moment konnte einer von ihnen dem Publikum noch zurufen: „Ich würden mich sich dafür sähmen!“ Und ein anderer rief: „Bitte organisiert noch eine Masseurin für den Sportverein, bitte, bitte!! Ruft die Therapeutin an, bitte, bitte!!“ Dann waren die Alloholis  verschwunden.

Theodor war ratlos. Er konnte nicht begreifen, was diese Leute damit meinten. Zuhause fragte er nach, aber seine Eltern konnten ihm auch nicht weiterhelfen. Solche seltsamen Aussprüche schien es nur bei den Alloholis  zu geben.

So ging ein jeder seiner Wege, und niemand sprach je wieder davon. Das Leben im Dorf ging weiter.

 

 

Ein böser Bär ?

 

Es war einmal ein Junge mit Namen Theodor. Er lebte in einem kleinen Dorf auf dem Land. Im Sommer grasten die Kühe auf den Wiesen, und die Mähdrescher brummten über die Felder.

An einem wunderschönen Tag im Herbst entdeckte Theodor auf einer einsamen Wiese einen hohlen Baum. Er stand in der Nähe eines Bächleins, das friedlich in der Sonne glitzerte. Warum der Baum hohl war, wusste Theo nicht. Vielleicht war einmal ein Blitz hineingefahren und hatte sein Inneres für alle Zeiten verbrannt.

Durch ein großes Loch konnte Theo in den Baum hineinkriechen. Über ihm bildeten die Äste ein Dach, durch das er den Himmel sehen konnte, an dem die Wolken wie riesige Watteberge majestätisch entlangzogen.

Plötzlich hörte Theo durch das sanfte Rauschen des Windes und das liebliche Zwitschern der Vögel laute und aufgeregte Kinderstimmen. Er kannte diese Stimmen, sie hatten schon viele böse Dinge zu ihm gesagt. Es waren die Jungen aus der Nachbarschaft. Schon waren sie bei ihm, versperrten das Loch, durch das er hineingeklettert war, und sagten wieder diese bösen Dinge zu ihm. Theo blieb ganz ruhig und still. Dann hörte er die Jungen tuscheln. Dirk, der Größte von ihnen, blieb vor dem Loch stehen, und die anderen verschwanden. Es dauerte nicht lange, da tauchten sie wieder auf, und zwar über Theos Kopf. Sie standen im Wipfel des hohlen Baumes und zogen ihre Hosen herunter. „So, mein liebes Theoleinchen“, sagte Dirk, „jetzt pass mal auf, jetzt gibt’s ‘ne schöne warme Dusche für dich, die hast du doch bestimmt mal wieder nötig, oder?“ Theo sah Dirk an, der ihn hämisch angrinste, und dann sah er nach oben. Dort sah er die Pillermänner der fünf anderen Jungen über sich hängen. Und dann pinkelten sie auf ihn herunter, einer nach dem anderen. Theo konnte nichts machen. Dirk stand vor dem Eingang und drehte grinsend sein Taschenmesser in der Hand, an dem kam er nicht vorbei. Also hockte er sich auf den Boden, hielt die Arme schützend über den Kopf und harrte aus, bis es vorbei war. Es dauerte eine Ewigkeit. Als endlich der letzte Tropfen auf ihm gelandet war, sah Theo nach oben, und ein Schauer des Entsetzens durchlief seinen Körper. Einer der Jungen hatte sich umgedreht und hielt jetzt seinen Hintern über die Öffnung. Und dann sah Theo, wie aus dem Hintern etwas herausspritzte. „Hier hast du noch ein bisschen Seife!“, rief der Junge, dem der Hintern gehörte, während Theo ganz starr wurde. Der Kot des Jungen landete auf ihm, und der Gestank stieg ihm augenblicklich in die Nase. Theo wurde übel und er spürte, wie ihm die Tränen in die Augen traten. Wie konnten sie ihm nur so etwas antun?

Die Jungen sahen aus dem Wipfel auf ihn herunter und lachten. Sie lachten und lachten. Theo hielt sich die Ohren zu. Er wollte das Gelächter nicht hören. Er wollte nur noch abwarten, bis der Albtraum vorbei war. Bis die Jungen gegangen waren. Dann würde er - so schnell er konnte - mit seinem Fahrrad nach Hause fahren und sich waschen. Und er würde versuchen zu vergessen, was sie mit ihm gemacht hatten.

In diesem Augenblick wurde es auf einmal ganz still. Theo hatte das brüllende Lachen der Jungs sogar noch durch seine Hände gehört, die er fest auf die Ohren gepresst hatte, doch jetzt war es vorbei. Dafür hörte er ein tiefes, grollendes Knurren. Ein schauriges Knurren. Ein böses Knurren. Die Jungen fingen fürchterlich an zu schreien. Einer nach dem anderen verschwanden sie aus Theos Blickfeld; irgendjemand oder irgendetwas zog sie aus dem Wipfel des Baumes. Sie schrien und schrien, immer lauter und lauter. Theo hörte seltsame Geräusche: ein Ratschen, Reißen und Knacken. Dirk stand ganz starr vor dem Loch und sah entsetzt nach oben. Urplötzlich verschwand auch er, als habe ihn ein starker Wind zur Seite geblasen. Und wieder hörte Theo das Ratschen, Reißen und Knacken.

Dann war es vorbei. Theo vernahm das sanfte Rauschen des Windes und das liebliche Zwitschern der Vögel, sonst nichts mehr. Er hockte im Inneren des Baumes und starrte auf das Loch. Er zitterte vor Angst. Was würde jetzt mit ihm passieren? Da hörte er plötzlich eine tiefe Stimme: „Komm heraus, mein lieber Theo, es ist vorbei! Sie werden dir nichts mehr antun!“ Und eine riesige Tatze streckte sich ihm entgegen. „Hab keine Angst, kleiner Theo! Komm, nimm meine Pfote, ich helfe dir hinaus!“ Theo fasste die Pfote und wurde sanft nach draußen gezogen. Er stand vor einem Bären. Einem riesigen Bären, so hoch wie der Baum. Auf der Wiese vor dem Baum lagen die Körperteile der Jungen: Arme, Beine, Köpfe und blutige Fleischstücke. Das Gras war rot von ihrem Blut. Und mittendrin stand der riesige, mächtige Bär, der Theo gerade so sanft aus dem Baum herausgezogen hatte. „Was hast du getan?“, fragte Theo den Riesen.

„Ich bin ein mächtiges Wesen, Theo. Ich habe mehr Kraft als alle Männer dieser Erde zusammen, und ich bin allwissend. Daher weiß ich, was diese Jungen dir schon angetan haben, und ich wusste auch, was sie heute mit dir vorhatten. Sie haben dich bis hierher verfolgt, und du hast es nicht bemerkt. Sie sahen, wie du in den Baum hineingeklettert bist, und dann haben sie entschlossen, dich ein weiteres Mal zu demütigen. Da bin ich aus dem Zauberwald hierhergeeilt und habe noch gesehen, wie der dicke Junge seinen Darm über dir entleert hat. Und da habe ich beschlossen, sie zu bestrafen und ein für alle Mal dafür zu sorgen, dass sie dir nie wieder etwas antun können. Du bist jetzt frei, mein lieber Theo! Geh nach Hause und wasch dich und dann leg dich in dein Bett und schlaf ein wenig. Ich werde dafür sorgen, dass du alles vergisst. Außerdem werde ich die Überreste der Jungen beseitigen und dafür sorgen, dass sich niemand an sie erinnern wird. Niemand wird sie vermissen und niemand wird jemals wissen, was mit ihnen geschehen ist. Du bist jetzt frei, mein lieber Theo, frei!“

Und Theo tat, wie ihm geheißen, und er lebte fortan glücklich und in Frieden.

So ging ein jeder seiner Wege, und niemand sprach je wieder davon. Das Leben im Dorf ging weiter.

 

 

Zweiter Teil: Kurzgeschichten

 

 

Die Spießer und die Kuckucksuhr

 

Ich war acht Jahre alt, als meine Mutter mit dem Trinken anfing. Unsere Wohnung war ein einziger Saustall; überall lagen Flaschen herum, die Blumen auf den Fensterbänken ließen die Köpfe hängen und über allem hing eine Dunstwolke aus Tabakqualm und Erbrochenem.

Nebenan wohnten Boisenbergs, Franz und Marianne. Ein kurz geschnittener Rasen wandte sich in sanften Schwüngen um ihr sauberes, weiß gestrichenes Haus. Jedes Jahr im Sommer stellten sie zwei Liegestühle auf, direkt nebeneinander und immer an derselben Stelle. Von meinem Zimmer aus konnte ich beobachten, wie sie in der Sonne lagen und Zeitung lasen. Manchmal stellte ich mir vor, wie es wäre, sie als Eltern zu haben.

Mein Vater ignorierte die beiden, für ihn waren sie nichts weiter als „hochnäsige Spießer“. Es gab Tage, da war er so reizbar wie eine Klapperschlange, also hielt ich meinen Mund und widersprach ihm nicht.

Eines Nachts wachte ich von einem lauten Gepolter im Wohnzimmer auf. Ich stieg aus dem Bett, schlich über den Flur und spähte durch die angelehnte Wohnzimmertür. Meine Mutter lag auf dem Boden. Ihre linke Augenbraue war aufgeplatzt, das Blut lief in einem breiten Strom über ihr Gesicht und tropfte vom Kinn auf den Teppich.

„Ich kann’s nicht mehr ab!“, schrie mein Vater. Er stand mit dem Rücken zu mir. „Ich kann dein scheiß Gesaufe nicht mehr ab! Bring dich doch endlich um, verdammt noch mal, dann sind wir dieses Elend los!“

Seine Hände waren zu Fäusten geballt, sein Atem ging stoßweise. Meine Mutter wimmerte nur. So leise ich konnte, schlich ich zur Haustür und öffnete sie. Ich musste Hilfe holen. Barfuß rannte ich zu unseren Nachbarn herüber und klingelte. Frau Boisenberg öffnete die Tür, sie trug einen roten Bademantel.

„Mein Gott, Tim! Was ist denn los? Weißt du, wie spät es ist?“

Ich wusste es nicht, es war mir auch völlig egal. Ein Schluchzen erfasste meinen Körper; ich schüttelte mich wie unter Krämpfen und begann hemmungslos zu weinen. Frau Boisenberg nahm mich hoch und trug mich in ihr Wohnzimmer. Sie legte mich auf das Sofa und verschwand. Wenig später kehrte sie mit ihrem Mann zurück.

„Marianne, was ist mit dem Jungen los?“

Frau Boisenberg setzte sich zu mir aufs Sofa. Ich legte meinen Kopf in ihren Schoß, es fühlte sich warm und sicher an. Mit stockender Stimme erzählte ich den beiden, was ich gesehen hatte.

„Meine Güte, was machen wir denn jetzt?“ Franz Boisenberg hatte sich zu uns gesetzt. Seine Konturen verschwammen vor meinen Augen.

„Franz, ich weiß es doch auch nicht. Willst du die Polizei rufen?“

„Nein, bitte nicht! Nicht die Polizei!“ Erschrocken setzte ich mich auf.

„Ich hole dir jetzt erstmal eine Decke und mache dir einen Kakao, in Ordnung?“ Frau Boisenberg nickte ihrem Mann zu.

Sie verschwanden in der Küche, und ich hörte, wie sie leise miteinander redeten. Allmählich wurde ich ruhiger. Marianne kehrte zurück, wickelte mich in eine Decke und drückte mir eine dampfende Tasse Kakao in die Hand. Sie nahm mich in den Arm, und ich legte meinen Kopf an ihre Schulter. So geborgen hatte ich mich seit einer Ewigkeit nicht mehr gefühlt. Eine halbe Stunde lang saßen wir einfach nur da, niemand sagte ein Wort. Nur das Ticken einer alten Kuckucksuhr erfüllte den Raum. Als die Tasse leer war, wollte ich zurückgehen.

„Wir lassen dich nur sehr ungerne gehen, Tim. Meinst du, dein Vater hat sich wieder beruhigt? Sollen wir nicht doch...“

„Nein, nein, Frau Boisenberg. Ich muss wieder rüber. Meine Eltern machen sich sonst Sorgen.“

Herr Boisenberg zog mir ein Paar Hausschuhe an, die viel zu groß für mich waren. Die Decke sollte ich auch mitnehmen. Sie brachten mich zur Tür und schauten mir so lange nach, bis ich mein Elternhaus erreicht hatte.

Unsere Haustür stand immer noch offen. Leise schlüpfte ich hinein und drückte sie ins Schloss. Ich hörte Stimmen aus dem Wohnzimmer. Meine Eltern schienen sich wieder vertragen zu haben. Als ich in mein Zimmer schlich, hörte ich meinen Vater etwas von einer Kur sagen. Ich legte die Decke unter mein Bett, versteckte die Pantoffeln im Schrank und legte mich ins Bett.

Am nächsten Tag lagen Franz und Marianne wieder auf ihren Liegestühlen und lasen Zeitung. Mein Vater hatte sie gesehen, als er von der Arbeit kam.

„Meine Güte, diese Spießer da drüben! Haben auch nichts Besseres zu tun, als ihr Haus zu schrubben und in der Sonne zu liegen!“

Ich schwieg. Ich dachte an die letzte Nacht. An Marianne, in deren Armen ich mich so wohl gefühlt hatte und an das leise Ticken der Kuckucksuhr.

 

 

Tom und Kira (2. Teil)

 

Der folgende Text besteht aus SMS-Nachrichten, die Tom (T) und Kira (K) sich über zwei Tage geschrieben haben:

 

Freitag, 1. Juli 2011, 14:30

 

K: Hi Tommi! Hab dich heute Morgen gesehen! **gg**

T: Wo denn?

K: Beim Volleyball, hab oben durchs Fenster geguckt. Hast ja ganz schön reingehauen!

T: Musste mich irgendwie abreagieren…

K: Frust?

T: Kesselmeier hat mir n Referat aufgebrummt. Übers Wochenende natürlich. Zum Kotzen!!

K: Was sollst du denn machen?

T: Was über Azteken.

K: Klingt öde. Vielleicht kann ich dir helfen!

T: Das wär cool!! Heute geht aber nicht. Dad hat mich zum Rasenschnippeln verdonnert.

K: Na dann viel Spaß! Ich geh mit Tina in die City und hol mir n Eis. Bis später!

T: Ihr habts gut... Bis später!

 

Freitag, 1 Juli 2011, 17:00

 

K: Hey, noch fleißig?

T: Ich schwitze wie ein Bär. Bin gleich fertig. Wenigstens gibts Kohle.

K: Reich wirst du aber nicht, oder?

T: Nee, wird aber für ne DVD reichen…

K: Was guckst du denn so?

T: Horror natürlich!

K: Diesen Düsterkram?

T: Genau den. Gibt echt killer Sachen dabei!

K: Nichts für mich. Mag dies Geschlachte nicht!! :-o

T: Kein Geschlachte. Ich steh auf Psycho, die guten Sachen!

K: Gefällt mir schon eher.

T: Ich mach hier gerade noch fertig, melde mich gleich, okay?

K: Okay, bis gleich!! :-)))

 

Freitag, 1. Juli, 18:15

 

T: Hi Ki, bin spät dran, sorry...

K: Spät ist gut. War was?

T: Ja, gab trouble mit meiner Sis.

K: Was is n los mit der?

T: Ihr Macker ist hier aufgekreuzt, und Dad hat ihn weggejagt. Jetzt hat sie ihre Klamotten gepackt und den Abflug gemacht.

K: Hä? Versteh‘ gar nix!!?? Weggejagt? Warum das denn??

T: Weil der Türke ist, darum.

K: Ach nee, is dein Dad etwa auch so ein Nazi?? :-(

T: Nein, der hat halt was gegen Türken.

K: Und warum?

T: Der is mal von ein paar Türken angegriffen worden. Haben ihm sein Geld abgenommen. Seitdem kann der die nicht mehr ab.

K: Schlimm… Wann war das?

T: Vor zehn Jahren. Hat er mir mal erzählt.

K: Und deine Schwester hat sich ausgerechnet in einen Türken verknallt...

T: Ja. Die stehen voll aufeinander, mit Zusammenziehen, Heiraten und son Kram.

K: Ob dein Dad auch was gegen mich hätte?

T: Warum?

K: Meine Ma kommt aus Rumänien…

T: Nee, dem gehts nur um die Türken. Der kommt nicht drüber weg, dass die ihn damals beklaut haben.

K: Klingt ja nach ner Menge Stress.

T: Jo, kannst du laut sagen. Solln wir uns morgen wegen der Hausarbeit treffen?

K: Klar, fänd ich genial. Würde dich gerne sehen!!

T: Ich dich auch! Lass uns morgen noch mal quatschen, wegen Zeit und so.

K: Okay, bis morgen. Schlaf gut!!

T: Ich versuchs! Bis morgen!

 

Samstag, 2. Juli 2011, 00:15

 

K: Hey Tommi, noch wach?

T: Na klar, bin noch am Daddeln. Family pennt schon.

K: Was macht deine Schwester?

T: Is nicht mehr aufgekreuzt.

K: Ich konnte noch nicht pennen, hoffe, ich hab dich nicht gestört… :-o

T: Nee, absolut nicht. Hab gerade an dich gedacht… ;-)

K: Echt? **gg**

T: Jo, echt!

K: Das is ja knuffig!! (freu)

T: Wann kommst du morgen?

K: Um zwei?

T: Okay, um zwei! Freu mich schon total!

K: Ich mich auch!!!!!! (doppelt freu!!)

T: Aber nur zum Arbeiten, oder?

K: Klar, nur zum Arbeiten!! ;-)

T: Also, schlaf gut!!

K: Jetzt bestimmt!! Bis morgen!!!!

T: :-))

 

Samstag, 2. Juli 2011, 13:30

 

K: Hi Tommi, kann nicht kommen.

T: Warum nicht?

K: Meine Ma hats mir verboten. Die dreht mal wieder völlig ab…

T: ???

K: Na, wenn die drauf ist, dann geht gar nichts bei der.

T: Wie, drauf? Was hat die denn?

K: Gesoffen hat die wieder. Ich sollte ihr sagen, wo ich hingehe. Als ich was von dir erzählte, hat sie gleich nein gesagt.

T: Versteh ich nicht. Denkt die, ich bin n Killer, oder was?

K: Nee, wahrscheinlich glaubt die, dass wir gleich ins Bett gehen, oder so. Jetzt hat sie meine Zimmertür abgeschlossen, und ich kann nicht weg.

T: Shit, is ja echt psycho, die Geschichte. Soll ich dir helfen?

K: Wie denn? An meiner Ma kommst du nicht vorbei. Seit mein Dad abgehauen ist, dreht die immer mehr ab…

T: Dein Dad ist abgehauen??

K: Ja… der hats bei uns nicht mehr aushalten. Unsere Bude steht total ab, weil Ma nichts mehr geschissen kriegt. Kochen muss ich selber, sonst wär ich schon verhungert. :-((

T: Meine Fresse… Warum trinkt deine Mutter?

K: Heimweh, glaub ich... Die hälts hier nicht aus, möchte zurück nach Rumänien, zu ihrer Familiy.

T: Wann ist sie denn hierhergekommen?

K: Vor 15 Jahren. Hat meinen Pa kennengelernt und - bums - war ich da!!

T: Und jetzt ist alles nur noch Scheiße.

K: Du sagst es. Ich halts so langsam nicht mehr aus… Sie ist meine Mutter, weißt du? Und macht sich kaputt… Was soll ich bloß machen?

T: Warum willst du ihr helfen? Sie nimmt auf dich doch auch keine Rücksicht!

K: Ja, stimmt auch irgendwie…

T: Ihr wohnt doch in diesem kleinen gelben Haus hinter der Turnhalle, oder?

K: Ja, stimmt. Was hast du vor?

T: Kannst du aus dem Fenster springen?

K: Ja klar, das geht, is nicht so hoch. Und dann?

T: Ich hol dich ab und nehm dich mit zu mir. Vielleicht können wir ja mit meiner Family reden.

K: Weiß nicht. Meine Ma flippt aus, wenn die davon Wind bekommt.

T: Scheiß drauf. Ich komm jetzt zu dir. Wo ist dein Zimmer?

K: Nach links raus, zum Garten hin. Ich steh am Fenster. Pass aber bloß auf, dass Ma dich nicht sieht!!

T: Die kennt mich doch gar nicht.

K: Nee, aber wenn da ein Junge in unserem Garten steht, das kriegt die schon mit.

T: Müssen wir halt schnell machen.

K: Okay, fährst du jetzt los?

T: Jo, muss nur schnell mein Bike aus dem Keller holen, dann gehts ab. Ich meld mich, wenn ich bei dir bin.

K: Okay. Weißt du was?

T: Nö.

K: Bist ein ganz Süßer… Hab dich ziemlich lieb…

T: Ich dich auch, freu mich schon auf dich!!

K: Und pass bloß auf!

T: Mach ich schon. Bis gleich!

K: Bis gleich, Süßer!!!! (ganz doll freu)

 

 

Mutter meint es gut

 

Es war einmal ein kleiner Mann, der lebte in einem kleinen Haus am Rand einer kleinen Stadt. Seine Mutter war vor einem Jahr gestorben, er vermisste sie sehr. Sie hatte ihn von Kindesbeinen an vor den bösen Menschen beschützt.

„Hör gut zu, mein Junge: Du kannst keinem trauen, sei bloß immer vorsichtig! Ich meine es ja nur gut mit dir!“ Das hatte sie gesagt und dabei drohend den Zeigefinger gehoben. Nach wie vor beherzigte der Mann ihren Rat und verließ sein Haus nur, wenn es unbedingt sein musste. Er liebte die Einsamkeit. Seine Einsamkeit.

In der Woche arbeitete der Mann im Finanzamt, dort hatte er ein Büro ganz für sich allein. Jedes Mal bevor er es betrat, betrachtete er stolz sein Türschild:

 

Zimmer 102

- Detlef Bossel -

Finanzbeamter

Keine öffentlichen Sprechstunden!

 

Als er eines Morgens die Tür öffnete, erschrak der Mann fürchterlich: An seinem Schreibtisch saß eine Frau! Gesehen hatte er sie schon, sie musste auch irgendwo hier arbeiten. Die Frau stand auf, ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

„Hallo, Herr Bossel! Ich bin Kerstin Wagner aus der vierten Etage. Bei uns wird im Augenblick umgebaut, und da hat man mich für die nächsten drei Wochen bei Ihnen einquartiert. Kommt sicher ein bisschen plötzlich für Sie, aber ich denke, wir werden uns schon vertragen, oder?“

Der Mann musste erst einmal schlucken. „Ja, ich denke doch“, sagte er, nachdem er sich etwas gefangen hatte. Seine neue Kollegin hielt ihm die Hand hin, und er schüttelte sie. Sie mochte in seinem Alter sein, also Anfang vierzig. „Gut sieht sie aus“, dachte der Mann. Er wusste nicht wieso, aber er fühlte sich auf einmal sehr wohl, irgendwie befreit.

In den nächsten Tagen bemerkte der Mann eine Veränderung. Er dachte oft an seine neue Kollegin, eigentlich immer. Er brachte Kaffee und Kuchen mit zur Arbeit. Sie saßen dann in der Pause zusammen und redeten über Gott und die Welt. Nach ein paar Tagen duzten sie sich. Der Mann hatte gar nicht gewusst, dass er so viel erzählen und so viel lachen konnte. Oft blieb sein Blick länger an seiner Kollegin hängen, als er es eigentlich gewollt hatte.

Eines Abends, es war kurz vor Feierabend, fragte sie ihn:

„Was hältst du davon, wenn wir mal zusammen essen gehen? Ich könnte für morgen Abend einen Tisch bestellen, beim Chinesen um die Ecke. Na, was sagst du?“

Der Mann erstarrte. Eine seltsame Mischung aus Angst und Freude durchfuhr ihn wie ein Stromschlag. Was sollte schon passieren? Bei Kerstin fühlte er sich wohl. Er sagte ja.

hör zu, mein Junge, du kannst keinem trauen

Am nächsten Abend zog der Mann seinen besten Anzug an, setzte sich in seinen dunkelbraunen Audi und fuhr los. Als er an einer Ampel warten musste, blickte er in den Rückspiegel und sah das Gesicht seiner Mutter darin. Sie hob warnend ihren dürren Zeigefinger: „Du kannst ihr nicht trauen! Lass die Finger von ihr!“ Erschrocken drehte er sich um: Der Rücksitz war leer.

Nach einigen Minuten tauchten die Lichter des Restaurants vor ihm auf. Er stellte den Wagen auf dem Parkplatz ab und stieg aus. Seine Hände zitterten, als er die Autotür abschloss. Er atmete ein paar Mal tief durch und ging dann auf das Restaurant zu. Ein buntes Plakat an der Tür kündigte das Konzert einer Jazzpianistin an. Der Mann blieb stehen und betrachtete ihr Foto. Plötzlich verschwammen die Konturen vor seinen Augen und wieder erschien das Gesicht seiner Mutter. Sie rollte wild mit den Augen und krächzte: „Lass es sein, lass es sein, lass es sein ...“

„Halt den Mund!“ schrie der Mann das Plakat an, die Züge seiner Mutter verschwanden, und er konnte wieder die junge Frau erkennen, die am Klavier saß und ihn anlächelte.

sei bloß immer vorsichtig

Er hörte Stimmen in seinem Kopf: „Was ist, wenn sie es nicht ernst meint? Wenn sie dich nur veräppeln will? Alle werden über dich lachen, alle! Vergiss nicht, die Menschen sind böse, bööse, böööse...“

Der Mann hielt es nicht mehr aus. Er lief zum Parkplatz und fuhr nach Hause. Auf der Fahrt liefen Tränen über sein Gesicht.

Am nächsten Morgen war er wieder allein im Büro. Er überlegte, ob er zu Kerstin gehen sollte, doch er brachte es nicht fertig. Er schämte sich so sehr. Sie würde ihm nie verzeihen, dass er sie versetzt hatte, da war er sicher. Er sah sie noch einmal kurz im Treppenhaus und danach nie wieder. Sie musste wohl die Stelle gewechselt haben.

Von diesem Tag an war alles anders. Der Mann war sehr traurig. Wenn er abends in seinem kleinen Haus am Stadtrand saß, fühlte er sich einsam.

ich hab es ja nur gut mit dir gemeint, mein Lieber...

 

 

Nachtfahrt

 

Mit 19 Jahren war ich stolzer Besitzer eines alten Opel Kadett. Sein Blechkleid trug die Narben eines langen Straßenlebens und sein Getriebe heulte wie ein Düsenjäger. Die hintere Stoßstange stand in einem abenteuerlichen Winkel ab, dort war mir eine alte Dame mit ihrem Mercedes reingefahren. Ich hatte bislang Wichtigeres zu tun gehabt, als mich um die Reparatur zu kümmern.

Da war zum Beispiel meine damalige Freundin. So oft ich konnte, fuhr ich zu ihr. An einem stürmischen Herbstabend hatte ich mich mal wieder auf den Weg gemacht. Es war dunkel, und im Scheinwerferlicht wirbelten die Blätter in abenteuerlichen Formationen über die Straße. Ein paar Mal trat ich instinktiv auf die Bremse, da es so aussah, als wollten diese kleinen Kampfflieger mich angreifen.

Ute hatte schlechte Laune. Sie saß im Schneidersitz auf ihrem Bett und erzählte mir von einem Streit mit ihren Eltern. Ich kannte ihr Temperament und konnte mir vorstellen, dass die Fetzen ordentlich geflogen waren. Jetzt war sie sauer und entsprechend öde gestaltete sich unser gemeinsamer Abend. Schließlich wurde es mir zu dumm. Gegen Mitternacht verabschiedete ich mich und machte mich auf den Heimweg.

Ich war erst ein paar Minuten unterwegs, als die Scheinwerfer im Rückspiegel auftauchten. Zuerst waren es nur zwei kleine gelbe Punkte, doch sie wurden rasch größer. Der Fahrer des anderen Autos war ziemlich schnell unterwegs. Ich rechnete damit, dass er mich überholen würde, denn die Straße lag frei und übersichtlich vor mir, doch nichts dergleichen geschah. Er bremste ab, blieb hinter mir und klebte förmlich an meiner Stoßstange. Seine Scheinwerfer, die eben noch so klein gewesen waren, erschienen mir nun riesengroß. Sie leuchteten den kompletten Innenraum meines Kadetts aus. Eine Weile blieb das so, dann bog ich in Richtung Bünde ab. Der andere Wagen folgte mir, blieb aber erst einmal zurück. Wie ein schwarzes Insekt mit schillernden Augen lauerte er in meinem Rücken und sammelte Kräfte. Schließlich schoss er wieder heran und kroch fast in meinen Kofferraum hinein. Ich begann zu schwitzen, zitternd umklammerten meine Hände das schmale Lenkrad. Angestrengt schaute ich in die Dunkelheit hinaus. Ziemlich einsame Gegend hier, Hilfe würde ich wohl nicht erwarten können. Ich überlegte, was ich tun sollte. In diesem Moment scherte mein Hintermann aus und setzte sich neben mich. Ich staunte nicht schlecht: Es war ein Polizeiwagen, der mich überholte. „Bitte folgen!“ las ich in roter Leuchtdiodenschrift auf dem Heck. Ich fuhr an den Straßenrand und hielt an. Für einen Moment schloss ich die Augen und spürte den Herzschlag bis hinauf in meinen Hals.

Ein Klopfen links von mir brachte mich in die Realität zurück. Ich kurbelte die Scheibe herunter und ein junges Gesicht mit Polizeimütze erschien in meinem Blickfeld. „Guten Abend, Verkehrskontrolle.“ Mit einer Taschenlampe leuchtete er mir ins Gesicht. „Können Sie mir sagen, was mit ihrem Auto passiert ist?“

Ich konnte nicht antworten. In mir kochte eine Wut hoch, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Ruckartig riss ich die Tür auf und flog dem Mann förmlich entgegen. Erschrocken wich er zurück. Sein Kollege, der meinen Opel untersuchte, sprang auf und eilte herbei. „Was soll schon mit meinem Auto sein?“, blaffte ich die beiden an. „Mich würde viel mehr interessieren, warum Sie so dicht aufgefahren sind! Es soll Menschen geben, die bei so etwas Angst bekommen, verstehen Sie?“

„Wir sind auf Ihre Stoßstange aufmerksam geworden. Sie steht zu weit vom Fahrzeug ab und gefährdet den Verkehr.“ Dem Polizisten stand die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Dennoch sprach er mit ruhiger Stimme weiter. „Eigentlich dürfen Sie so nicht mehr weiterfahren.“

„Und was jetzt? Soll ich nach Hause laufen?“

„Sie können selbstverständlich noch nach Hause fahren. Morgen früh müssen Sie den Schaden aber reparieren lassen, sonst riskieren Sie ein Bußgeld.“ Die beiden wollten meine Papiere sehen, dann stiegen sie in ihr Auto und verschwanden.

Ich sah den Rücklichtern nach, die allmählich in der Dunkelheit verschwanden. Mein Herzschlag beruhigte sich wieder, und ich ließ die letzten Minuten noch einmal Revue passieren. Die Polizisten waren ruhig geblieben und hatten meinen Wutanfall nicht an die große Glocke gehängt. Wie leicht hätte ich auf der Rückbank des Polizeiwagens landen können! Ich hatte verdammt viel Glück gehabt!

 

 

Nur ein Teil von ihr

 

Die Anzeige in der Daily News war unscheinbar.

„Wir suchen Menschen für ein Experiment. Hohe Belohnung! Telefon: 609 607 601“

Raymond Wilson überlegte kurz, dann griff er zum Telefon. Eine junge Stimme meldete sich.

„Institut für besondere Angelegenheiten, mein Name ist Sandy Sweetheart. Was kann ich für Sie tun?“

„Hallo, mein Name ist Raymond Wilson. Ich möchte gern an Ihrem Experiment teilnehmen.“

„Oh ja, Mister Wilson. Ich könnte Ihnen morgen früh einen unserer Mitarbeiter vorbeischicken. Wäre Ihnen elf Uhr recht?“

„Ja, elf Uhr ist in Ordnung.“

„Gut, Mister Wilson, ich regele das für Sie. Bis dann!“

Raymond zündete sich eine Pall Mall an. Er stutzte. Das Mädchen hatte nicht nach seiner Adresse gefragt...

 

„Guten Morgen, Mister Wilson. Ich bin Aaron Baal vom IBA.“

Der Mann, der Raymond am nächsten Morgen gegenüberstand, war von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet und trug eine Aktentasche bei sich. Raymond schüttelte seine Hand. Sie fühlte sich seltsam an, irgendwie... staubig.

„Kommen Sie rein.“

Raymond führte den Mann, der sich mit der steifen Würde eines englischen Butlers bewegte, in das Wohnzimmer. Baal nahm auf dem Sofa Platz.

„Mister Wilson, wie Sie bereits wissen, führen wir ein Experiment durch. Es geht um Geld, um viel Geld. Was würden Sie für Geld tun?“

„Hmmm... eine Menge, nehme ich an.“

„Nun, mit unserer Hilfe können Sie es herausfinden.“

„Okay, was muss ich tun?“

„Sie erhalten einen Brief, in dem wir Ihnen eine Aufgabe stellen. Wenn Sie diese Aufgabe erfüllen, bekommen Sie eine halbe Million Dollar von uns.“

„Eine halbe Million? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“

„Bitte vertrauen Sie mir. Geld ist völlig nebensächlich. Unser Interesse gilt den Menschen, Mister Wilson, und nur denen.“

„Und was geschieht, wenn ich die Aufgabe nicht erfülle?“

„Dann nehmen wir Ihnen einen Teil vom Liebsten, das Sie besitzen. Nun, wie sieht es aus, Mister Wilson?“

Der Mann entnahm seiner Aktentasche ein Blatt Papier und schob es über den Tisch. „Vertrag“ stand ganz oben darauf, in alten, verschnörkelten Buchstaben. Raymond war verwirrt. Er überflog den Text, dachte kurz nach und setzte schließlich seine Unterschrift unter das Dokument.

„Sehr gut. Ich darf Sie herzlich bei uns begrüßen und Ihnen viel Erfolg wünschen, Mister Wilson.“

„Ja, ja, vielen Dank.“

Der Mann erhob sich, und Raymond begleitete ihn zur Tür. Aaron Baal verabschiedete sich mit einer leichten Verbeugung.

 

Am nächsten Morgen kam der Brief:

 

„Lieber Mister Wilson,

 

wir begrüßen Sie als Teilnehmer unseres Experiments! Hier ist Ihre Aufgabe: Sie sollen Ihre Freundin Shawn Lovell drei Tage lang in Todesangst versetzen. Beginnen Sie heute Abend mit einer Morddrohung per Telefon. Morgen Abend werden Sie in Shawns Wohnung eindringen und ihre Katze umbringen. Wie Sie das tun, überlassen wir Ihnen. Am dritten Tag werden Sie die Radmuttern an Shawns Auto lösen. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass Sie für die Zeit des Experiments unter unserer Beobachtung stehen.

 

Viel Erfolg und viel Vergnügen wünscht Ihnen

 

Sandy Sweetheart vom IBA.“

 

Raymond ließ die Jalousien herunter und verbrachte die nächsten Stunden in absoluter Dunkelheit. Er hatte weder Shawn noch Chrissie, ihre Katze, erwähnt. Woher wussten die davon? Worauf hatte er sich eingelassen?

Als er sich einen Whisky einschenkte, klingelte das Telefon.

„Guten Abend, Mister Wilson! Es wird bald dunkel, denken Sie an Ihre erste Aufgabe! Unsere Leute werden langsam ungeduldig!“

„Hören Sie, ich...“

Das Freizeichen ertönte. Raymond kippte den Whisky hinunter, die Flüssigkeit explodierte in seinem Magen. Er wählte Shawns Nummer.

„Shawn Lovell, hallo?“

„Du bist dran, du Miststück!“ Raymond sprach mit hoher, singender Stimme. Es klang unmenschlich und bedrohlich.

„Ich... ich verstehe nicht. Was wollen Sie von mir?“

„Ich kriege dich, du Schlampe! Du bist tot, verstehst du? Tot!“

Raymond legte auf. Tränen schossen ihm in die Augen. Es brach ihm das Herz, sie so verzweifelt und ängstlich zu hören. Wieder klingelte das Telefon.

„Gut gemacht. Die erste Aufgabe haben Sie bestanden. Ruhen Sie sich jetzt etwas aus. Gute Nacht, mein Lieber!“

Raymond legte den Hörer neben das Telefon. Er vergrub das Gesicht in den Händen. Irgendwann wirkte der Alkohol, und er schlief in seinem Sessel ein.

Als Raymond am nächsten Morgen aufwachte, legte er den Hörer auf und ging in die Küche. Nach kurzer Zeit klingelte das Telefon. Er hatte es erwartet.

„Ich habe die ganze Nacht versucht, dich zu erreichen, es war immer besetzt. Was ist denn nur los bei dir?“

„Entschuldige Shawney, eine Störung. Tut mir leid.“

„Irgendso ein Irrer hat gestern Abend bei mir angerufen und mich bedroht. Er will mich umbringen, Ray!“

„Ach was, da wollte jemand witzig sein, nichts weiter.“

„Nein Ray, ich habe Angst! Er hat gesprochen wie ein Wahnsinniger aus einem Film.“

„Mach dir keine Sorgen Schatz, ich komme nach der Arbeit vorbei und wir reden über alles, okay?“

Am Abend besuchte Ray seine Freundin. Es kostete ihn einige Mühe, sie zu beruhigen. Die beiden aßen zusammen, danach verabschiedete er sich. Er setzte sich in seinen alten Camaro, fuhr einmal um den Block und parkte dann wieder vor dem roten Backsteinhaus, in dem Shawn wohnte. Nachdem das Licht in ihrem Schlafzimmer erloschen war, wartete er noch eine halbe Stunde und stieg dann aus. Mit einem leisen Klicken öffnete sich die Haustür. Den Schlüssel hatte Shawn ihm vor einiger Zeit anvertraut. Raymond wandte sich nach links und schob die Küchentür auf. Da lag Chrissie, sie schlief friedlich in ihrem Körbchen. Vorsichtig öffnete er die Besteckschublade und nahm ein großes Messer heraus. Er würde es schnell erledigen, ganz schnell. Plötzlich fuhr die Katze herum, sprang mit einem Satz auf und lief quer durch die Küche davon. Raymond sah, wie sie die Treppe heraufflitzte. Dort oben war Shawns Schlafzimmer. Panik ergriff ihn. Er ließ das Messer fallen und flüchtete.

Am nächsten Morgen weckte ihn das Telefon.

„Hallo?“

„Guten Morgen, hier spricht Doktor Stansfield vom Medical Center Brooklyn. Sind Sie Mister Wilson?“

„Ja, der bin ich. Was gibt es denn?“

„Eine Shawn Lovell ist heute Morgen bei uns eingeliefert worden. In ihrer Handtasche fanden wir Ihre Telefonnummer. Kennen Sie die Patientin?“

„Ja natürlich, sie ist meine Freundin. Was...“

„Mister Wilson, können Sie vorbeikommen?“

„Was ist denn geschehen, Doktor? Können Sie nicht...“

„Nein, nicht am Telefon, Mister Wilson.“

Eine halbe Stunde später saß Raymond an Shawns Bett und blickte in ihr ausdrucksloses Gesicht.

„Sie ist heute Morgen vor ihrer Haustür zusammengebrochen. Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass sie einen Schlaganfall erlitten hat. Ihr Gehirn ist stark geschädigt. Sie lebt, aber sie wird nie wieder die Frau sein, die Sie gekannt haben. Tut mir wirklich leid für Sie.“

Doktor Stansfield räusperte sich und verließ das Zimmer.

„Mister Wilson?“

Ray fuhr herum. Eine Schwester stand in der Tür.

„Sie werden am Telefon verlangt. Der Apparat steht am Ende des Flurs.“

Ray ging den Flur entlang, setzte sich auf einen Stuhl und nahm den Hörer von der Glasplatte des Tisches.

„Hallo?“

„Hallo, Mister Wilson. Hier spricht Aaron Baal vom IBA. Sie haben Ihren Vertrag leider nicht erfüllt. Ein Teil Ihrer Freundin ist jetzt bei uns. Keine Sorge, wir passen gut darauf auf. Und bedenken Sie bitte: Shawns ansprechender Körper ist Ihnen immerhin geblieben, nicht wahr?“ 

 

 

Sindras Strafe

 

Als Judy van Zandts Sohn Robert an einem Sonntagnachmittag zu ihr kam und sagte, er habe Blitze gesehen, war er vier Jahre alt. Damals machte sie sich noch keine Gedanken. Der Junge hatte wahrscheinlich zu lange in der Sonne gespielt.

Dann kamen die Mücken.

„Mami, hier sind ganz viele Mücken im Zimmer!“, rief Robbie und schlug nach den kleinen Biestern, die nur er sehen konnte.

Als er schließlich vor eine offen stehende Schranktür lief,

die habe ich nicht gesehen, da war so ein schwarzer Vorhang vor meinen Augen

brachte Judy ihn zu einem Augenarzt.

Doktor Ferguson untersuchte Robbie eine Stunde lang, dann bat er Judy in sein Sprechzimmer.

„Ihr Sohn leidet an einer Ablösung der Netzhaut“, erklärte er ihr. „Ich habe noch keinen Fall erlebt, bei dem die Erkrankung so schnell voranschreitet wie bei ihm. Wir müssen ihn schnellstens operieren!“

Judy fühlte sich, als wäre ein Sprengsatz in ihrem Kopf explodiert.

„Wie viel wird eine solche Operation denn kosten?“, fragte sie.

„Sie müssen mit mindestens fünftausend Pfund rechnen. Ein solcher Eingriff ist mit einem hohen technischen Aufwand verbunden. Das kostet viel Geld, verstehen Sie?“

Judy verstand. Als sie wieder zu Hause war, setzte sie Robbie vor den Fernseher und machte sich daran, ihre Ersparnisse zusammenzurechnen. Sie kam auf etwa eintausend Pfund.

Damals, als Judy noch als Krankenschwester gearbeitet hatte, hatte sie mehr Geld gehabt. Dann kam Steve, und nach zwei Wochen war sie schwanger. Als Steve von seinem Glück erfuhr, warf er sich in sein Auto und machte sich blitzschnell aus dem Staub.

Die Schwangerschaft war von Anfang an eine Tortur. Judy und ihre Kloschüssel verbrachten Stunden in inniger Umarmung. Im dritten Monat hatte sie Blutungen und ihre Ärztin verordnete ihr absolute Bettruhe. Das machte das Krankenhaus, in dem sie arbeitete, nicht lange mit. Einen Monat, nachdem ihre Gynäkologin sie aus dem Verkehr gezogen hatte, kam ein Brief von der Personalabteilung, in dem sie gefragt wurde, ob sie sich in der Lage sehe, in absehbarer Zeit ihr Beschäftigungsverhältnis weiterführen zu können. Falls nicht, so hieß es weiter, sehe man sich gezwungen, die Stelle vorübergehend mit einer anderen Kraft zu besetzen. Judy hatte nichts dagegen, ihren Job vorübergehend abzugeben.

Sie bekam ein „Übergangsgeld“, mit dem sie sich über Wasser halten konnte. Als sie ihr Kind bekommen hatte, klopfte sie beim Krankenhaus an und fragte, ob sie wieder arbeiten könnte. Man sagte ihr, dass im Augenblick alle Stellen besetzt seien. „So viel zur vorübergehenden Vertretung“, dachte Judy. Die nächsten zwei Jahre verbrachte sie damit, sich und ihren Sohn mit Gelegenheitsjobs durchzubringen.

In der Wohnung über ihr wohnte Miss Libbys, eine alte Dame, mit der sie sich im Laufe der Zeit angefreundet hatte. Eines Abends rief Miss Libbys bei Judy an und bat sie, zu ihr zu kommen.

„Ich habe Sie hergebeten, weil ich Sie um etwas bitten möchte“, sagte die alte Frau. „Sie müssen wissen, ich habe Diabetes. Seit meiner Jugend jage ich mir das Insulin in den Körper, morgens und abends. Mein Bauch ist von den verdammten Nadeln so hart geworden wie die Fußmatte vor meiner Wohnungstür. Und jetzt kommt noch ein Problem dazu.“

„Welches?“

„Meine Augen werden immer schlechter. Diabetische Retinopathie, so hat es mein Hausarzt genannt. Ihnen als Krankenschwester wird das bestimmt etwas sagen.“

Judy nickte.

„Nun, ich möchte, dass Sie sich um mich kümmern, Judy. Sie sind Krankenschwester und ganz nebenbei erscheinen Sie mir sehr vertrauenswürdig. Sie können meinen Blutzucker messen und mir das Insulin spritzen. Wie steht’s, würden Sie das für mich tun?“ Und noch bevor Judy antworten konnte, sagte die alte Dame: „Über die Bezahlung brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Ich habe Geld genug.“

Judy musste nicht lange überlegen. Als Miss Libbys ihr die Hand hinhielt, schlug sie ein.

Nun kam Judy jeden Tag, und sie erfuhr eine ganze Menge über ihre „Patientin“. Die alte Dame hatte als Schriftstellerin gearbeitet und sich mit den Riten von Menschen beschäftigt, die noch genauso lebten wie ihre Vorfahren. In ihrem Wohnzimmer stand eine große schwarze Vitrine, darin befanden sich Dinge, die sie von Medizinmännern und Schamanen geschenkt bekommen hatte. Am meisten faszinierte Judy die Figur einer indischen Gottheit. Es war eine fantastische Arbeit, jedes Detail war klar zu erkennen. Die Göttin saß mit gekreuzten Beinen auf einem roten Kissen, ein geheimnisvolles Lächeln umspielte ihre Lippen. Ihre sechs Arme waren im rechten Winkel vom Körper abgespreizt, die Handflächen wiesen nach oben. Es sah aus, als wolle sie sechs Suppenteller gleichzeitig auf ihren Händen balancieren.

„Das ist Sindra“, sagte Miss Libbys, als Judy die Figur betrachtete, „Sie kann die Zukunft voraussagen und das Schicksal der Menschen beeinflussen. Zumindest hat das der Inder behauptet, der sie mir überreicht hat.“

Eine Woche nachdem Judy in der Küche ihre Sparbücher gewälzt hatte, verdichtete sich der schwarze Vorhang vor Robbies Augen.

„Es eilt, Miss van Zandt“, sagte Doktor Ferguson, „wir müssen schnellstens operieren. Wenn wir nicht bald handeln, ist es endgültig zu spät!“

Judy war verzweifelt. Eintausend Pfund, mehr hatte sie nicht. Sie dachte an Miss Libbys, die so viel Geld hatte, dass sie es in diesem Leben nicht mehr ausgeben konnte. Die alte Miss Libbys, die nicht einmal mehr erkennen konnte, wie viele Einheiten Insulin Judy ihr in den Bauch spritzte.

„Judy, Sie sind der einzige Mensch, dem ich voll und ganz vertraue“, hatte sie vor kurzem gesagt. „Sie hatten verdammt viel Mühe mit mir. Wenn ich einmal nicht mehr bin, sollen Sie dafür belohnt werden, das verspreche ich Ihnen!“

Judy dachte lange über diese Worte nach, eine ganze Woche lang. Dann fasste sie einen Entschluss.

Am nächsten Morgen stand sie in Miss Libbys‘ Küche und zog Insulin auf, eine ganze Spritze voll. Normalerweise bekam die alte Dame morgens zwölf Einheiten Insulin, heute würden es über hundert sein. Miss Libbys entblößte ihren Bauch, und Judy jagte ihr die Dosis hinein. Sie stellte der alten Dame das Frühstückstablett hin, dann ging sie runter.

Es dauerte nicht lange, da klingelte das Telefon.

„Bitte kommen Sie schnell, Judy“, keuchte Miss Libbys, „mit mir stimmt etwas nicht!“

Judy rannte hoch. Die alte Dame war leichenblass, kleine Schweißperlen standen auf ihrer Stirn.

Der Notarzt brachte sie ins Krankenhaus. Nach fünf Tagen auf der Intensivstation machte ihr Körper nicht mehr mit. Erst bekam sie eine Lungenentzündung, dann versagten die Nieren. Die Ärzte waren mit ihrem Latein am Ende. Sie brachen die Intensivtherapie ab und verlegten Miss Libbys auf eine normale Station, in ein ruhiges Zimmer mit Blick in den Park. Judy war bei ihr und hielt ihre Hand, als sie starb.

Es war alles so einfach gewesen. Niemand hatte sie verdächtigt, der alten Dame etwas angetan zu haben. Natürlich wussten die Ärzte, dass sie Miss Libbys regelmäßig Insulin gespritzt hatte.

„Können Sie sich erklären, warum die Patientin so stark unterzuckert war?“, hatte ein junger Arzt sie gefragt.

„Nun ja, ich habe Miss Libbys das Frühstück hingestellt, nachdem ich ihr das Insulin gespritzt hatte und sie gebeten, sofort etwas zu essen, doch sie hat nichts angerührt. Sie konnte sehr eigenwillig sein.“

„Ich verstehe“, sagte der junge Arzt.

Judy erbte zehntausend Pfund als Dank für „die treue und selbstlose Pflege“.

Als sie das Geld auf dem Konto hatte, rief sie in der Augenklinik an. Robbie wurde sofort aufgenommen, das Geld der alten Dame machte es möglich. An einem Donnerstagmorgen um acht Uhr wurde er in den OP geschoben. Judy wartete draußen auf dem Flur. Die Zeiger der Krankenhausuhr standen auf viertel nach zwei, als sich die Glastür öffnete und einer der Ärzte erschien, der Robbie operiert hatte.

„Miss van Zandt“, sagte Doktor Langerhans, „ich …“

Judy wusste sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Ihr Körper wurde ganz taub, die Stimme des Arztes drang wie durch Watte an ihre Ohren.

Sie hatten Robbie erfolgreich operiert, alles war wie geplant verlaufen. Das einzige Problem war, dass er nicht aus der Narkose erwachte.

„Wir haben ihn auf die Intensivstation gebracht, Miss van Zandt“, sagte Doktor Langerhans. Leider haben wir noch keine Erklärung für seinen Zustand, doch wir werden eine Computertomographie durchführen, danach wissen wir bestimmt mehr.“

Wieder musste Judy warten. Als Robbie vom CT zurück war, setzte sie sich zwischen die Geräte und Schläuche an sein Bett. Ihr Sohn lag wie tot vor ihr.

„Bitte Robbie“, flüsterte sie, „werd doch endlich wach, bitte…“

Aber Robbie wurde nicht mehr richtig wach. Während der Operation hatte sich ein kleiner Blutpfropf aus seinem Unterschenkel gelöst. Robbie hatte ihn nicht bemerkt, er hatte ihm keine Beschwerden gemacht. Mit dem Blutstrom war der fiese Kerl hochgewandert bis ins Gehirn und hatte dort eine Schlagader verstopft. Als die Diagnose feststand, war es für eine Therapie bereits zu spät.

„Ihr Sohn hat während der Operation einen Schlaganfall erlitten“, sagte Doktor Langerhans. Höchst ungewöhnlich bei einem so jungen Patienten, aber leider nicht unmöglich. Es tut mir sehr leid, aber daran ist jetzt nichts mehr zu ändern.“

Robbie kehrte als Pflegefall nach Hause zurück. Seine rechte Seite war komplett gelähmt. Er hatte eine Plastikkanüle im Hals, die über einen langen, blauen Schlauch mit einem Beatmungsgerät verbunden war, das immer in seiner Nähe stand. Das gleichmäßige Schnaufen der Maschine wurde zur neuen Hintergrundmusik in Judys Leben.

Eines Nachts erschien ihr die alte Miss Libbys in einem Traum.

„Hallo Judy“, sagte sie, „Sie erinnern sich doch bestimmt noch an Sindra, meine indische Freundin?“

Judy erinnerte sich.

„Sindra sagte mir im Krankenhaus meinen Tod voraus. Sie sagte auch, dass mir nach meinem Ableben Gerechtigkeit widerfahren werde. Ich glaube zu wissen, was sie mit ihren Worten gemeint hat.“

Judy ahnte es.

„Glauben Sie mir, es tut mir sehr leid, was mit Ihrem Sohn geschehen ist. Aber das, was Sie mit mir angestellt haben, war auch nicht sehr nett, das müssen Sie zugeben. Strafe muss sein, finden Sie nicht auch?“

 

 

Der Verrat

 

Als ich ein Kind war, wohnten wir in einem kleinen Dorf auf dem Land. Mein Vater, ein großer, kräftiger Mann mit dunklen Haaren, pflegte unsere Heimat des Öfteren als die Karpaten  zu bezeichnen. Ich konnte damit nichts anfangen. Er hatte uns ein Haus gekauft und arbeitete von morgens bis abends in der Fabrik, um es bezahlen zu können. Wir hatten wenig Geld, und doch schenkten meine Eltern mir an meinem zwölften Geburtstag ein neues Fahrrad.

In der Mitte unseres Dorfes gab es einen großen Platz. Jeden Samstag kamen dort die Händler zusammen und boten ihre Waren an. Viele Einheimische kamen zum Einkaufen; die meisten von ihnen grüßten uns nicht.  Zugezogene  wie wir schienen nicht willkommen zu sein. Ich hatte es mit den Kindern einfacher gehabt und schon einige Freundschaften geschlossen. Oft spielten wir Fußball auf dem Rasen hinter unserem Haus, wobei wir sorgfältig darauf achteten, dass der Ball nicht auf das Nachbargrundstück fiel.

Dieser Nachbar, der in einem großen, weiß gestrichenen Haus wohnte, war ein seltsamer Kauz. „Der ist noch vom Krieg übrig geblieben", hatte mein Vater einmal gesagt. Ein Metallzaun umgab sein Grundstück, und vorne am Gehweg stand eine niedrige Mauer. Das prächtige Grün des Rasens wurde jede Woche von einem knatternden Rasenmäher gestutzt. In der Nähe des Gehwegs standen zwei Apfelbäume. Ihre schwer beladenen Zweige hingen so tief herab, dass man bequem einen Apfel hätte pflücken können.

Dies hätte ich jedoch niemals gewagt, denn unser Nachbar sah so aus, als ob mit ihm nicht zu spaßen wäre. Er war ein kleiner, alter Mann mit weißen Haaren, die stets ordentlich gekämmt an seinem Kopf klebten. Man konnte bei näherem Hinsehen sogar die Rillen erkennen, die der Kamm hinterlassen hatte. Aus einem schmalen, zerfurchten Gesicht blitzten kleine Augen hervor. Die Mundwinkel waren stets nach unten gezogen, was ihn nicht unbedingt sympathischer machte. Mir war aufgefallen, dass er kleine rote Adern auf der Nase hatte. Als ich meine Mutter darauf ansprach, sagte sie trocken: „Das kommt bestimmt vom Saufen.“ Mein Vater wäre vor Lachen beinahe vom Stuhl gefallen.

An einem sonnigen Nachmittag beschloss ich, mich mal wieder mit dem Rad abzusetzen. Bevor ich losfuhr, gab meine Mutter mir einen geschälten Apfel in die Hand. „Und der wird gegessen!“, ermahnte sie mich. Ich stellte mein Fahrrad auf dem Gehweg ab, setzte mich auf die Mauer unseres Nachbarn und aß den Apfel. Plötzlich wurde hinter mir die Haustür aufgerissen, erschrocken fuhr ich herum. Dort stand er, unser Nachbar, mit hochrotem Kopf und vor Wut schnaubend. In der rechten Hand hielt er einen Gehstock, den er drohend auf mich richtete.

„Wo hast du den Apfel her? Wohl von meinem Baum, was ?“, meckerte er.

„Nein, den hat mir meine Mutter gegeben.“, erwiderte ich.

„Lüg mich doch nicht an, du Bengel! Der ist von meinem Baum, das weiß ich genau!“ Der alte Mann stieg die Treppe herunter und ging auf mich zu. Ich stand auf und wich langsam vor ihm zurück. Er sah mich böse an und fauchte: „Du wirst dich jetzt sofort entschuldigen!“

Ich konnte nicht sprechen. Ein dicker Kloß hatte sich in meinem Hals breitgemacht und hinderte mich daran.

„Na gut, mein Lieber! Wenn du nichts sagst, werde ich dir zeigen, was mit Dieben passiert!“ Er schnappte sich mein Fahrrad und ging damit zu seinem Haus. „Du bekommst es erst zurück, wenn du dich entschuldigt hast!“, rief er, und die Haustür fiel mit einem lauten Krachen hinter ihm ins Schloss.

Ich war fassungslos und den Tränen nahe. Wie konnte dieser Kerl einfach mein Fahrrad mitnehmen? Das war Diebstahl! Langsam stieg eine ungeheure Wut in mir auf. Ich schleuderte den angebissenen Apfel gegen die Haustür, von der er mit einem dumpfen Geräusch abprallte und einen breiten, feuchten Fleck hinterließ.

Als mein Vater abends nach Hause kam, hörte er sich meine Geschichte an und beschloss, die Sache gleich zu klären. Kurze Zeit später standen wir vor der Haustür, an der ich vor ein paar Stunden meine Wut ausgelassen hatte. Der alte Mann öffnete, ein wissendes Lächeln lag auf seinem Gesicht. Hinter ihm stand mein Fahrrad, gegen die Wand gelehnt.

„Na mein Junge, hast du es dir überlegt?“ Er sah mich gespannt an.

„Gar nichts habe ich mir überlegt! Es gibt nichts zu entschuldigen!“ Ich war im Recht, das wusste ich.

Mein Vater beugte sich zu mir herunter. Er sah mich ernst an und flüsterte: „Hör‘ zu, um des lieben Friedens willen: Entschuldige dich jetzt und du bekommst dein Fahrrad zurück. Ich will hier keinen Ärger haben, in Ordnung?“.

Im Hintergrund stand der Alte. Seine kleinen Augen blickten uns erwartungsvoll an. Einer solchen Übermacht war ich nicht gewachsen. Ich entschuldigte mich, und er überließ mir das Rad. Mein Vater versprach, die Verschmutzung an der Haustür zu beseitigen, die mein Apfelwurf hinterlassen hatte.

Als wir auf dem Gehweg angekommen waren, fuhr ich einfach davon. Ich drehte mich kurz um und konnte meinen Vater sehen, der auf der Straße stand und mir nachblickte. Er hätte auf meiner Seite stehen und für mich kämpfen müssen. Immerhin hatte der alte Mann einen Diebstahl begangen. Doch nichts dergleichen war geschehen. Ich musste mich fügen, um des lieben Friedens willen. Eine unbändige Wut hatte mich gepackt, und ich trat wie wild in die Pedale. Tränen liefen aus meinen Augenwinkeln und wurden durch den Fahrtwind nach hinten gedrückt. Ich konnte ihre Spuren auf meinen Wangen fühlen. Meinen Vater wollte ich nie mehr wiedersehen.

 

 

 

 

 WICHTIGER HINWEIS:

Die Personen, Schauplätze und die Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden und der Fantasie des Autors entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen sowie realen Schauplätzen und Handlungen ist rein zufällig und vom Autor ausdrücklich nicht beabsichtigt!

© 2020 Thomas Kampeter

Covergestaltung: Thomas Kampeter