für

Gerhild und Marlon

»Da passt einer auf uns auf!«

Ich liebe euch beide.

 

 

Thomas Kampeter

Abendstern

eine Geschichtensammlung

 

 

Erster Teil: Märchen

 

 

Das Teetrinkerland

 

Es war einmal ein Junge mit Namen Theodor. Er lebte in einem kleinen Dorf auf dem Land. Im Sommer grasten die Kühe auf den Wiesen und die Mähdrescher brummten über die Felder.

Theodor fuhr oft mit seinem Fahrrad zu einem Baum, der in der Nähe eines friedlichen kleinen Baches stand. Die Äste sahen wie ausgebreitete Arme aus und eines Tages konnte Theodor nicht anders: Er musste einfach an ihnen emporklettern. Er stieg höher und höher, bis er ganz oben im Wipfel des Baumes saß. Nun fing dieser gehörig zu schwanken an; er konnte die Last nicht tragen und brach entzwei, genau unterhalb der Stelle, an der Theodor saß. Doch Theo hatte keine Angst: Er breitete die Arme aus, genau so, wie der Baum seine Äste ausgebreitet hatte, und flog davon. Er flog in ein fernes Land, in dem nur Teetrinker lebten. Es waren nette und friedliche Menschen, die sich gegenseitig respektierten. Die Männer trugen Zöpfe; sie wurden deswegen nicht gehänselt, sondern man achtete sie und ihre enorme Weisheit. Die Frauen und Mädchen wuschen sich nur mit kaltem Wasser, das war so üblich hier und eigentlich ja auch nichts Verwerfliches. Theodor lernte ein nettes Mädchen kennen. Er konnte sie jedoch leider nicht mit nach Hause bringen, denn dort galten Menschen, die sich nur mit kaltem Wasser wuschen, als unrein. Sie wurden verbannt und die Häuser, in denen sie gelebt hatten, wurden zwei Tage ohne Unterlass geschrubbt, bis den Putzfrauen die Haut von den Händen wich und die blanken Fingerknochen hervortraten. Theodor war sehr traurig. Er musste in seine Welt zurück, denn Kinder durften nicht in der Teetrinkerwelt bleiben. Sein Teetrinkermädchen musste er leider zurücklassen. Drei Tage lang sprach er kein Wort. Die Leute sagten, er sei „in sich gekehrt“, und niemand half ihm. Ein „in sich gekehrter“ Mensch wurde gemieden, man wollte nichts mit ihm zu tun haben.

So ging ein jeder seiner Wege und niemand sprach je wieder davon. Das Leben im Dorf ging weiter.

 

 

Fahrrad und Taschenmesser

 

Es war einmal ein Junge mit Namen Theodor. Er lebte in einem kleinen Dorf auf dem Land. Im Sommer grasten die Kühe auf den Wiesen und die Mähdrescher brummten über die Felder.

Theodor besaß ein Fahrrad, er liebte es über alles. Er hatte ihm sogar einen Namen gegeben, es hieß „Fahri“. Den ganzen Tag lang fuhr er damit, seine Mutter bekam ihn kaum zu Gesicht.

Eines Tages wurde Theodor verfolgt. Ein anderer Junge, ebenfalls auf einem Fahrrad, blieb immer hinter ihm. Wenn Theodor schneller fuhr, fuhr er auch schneller. Wenn Theodor anhielt, hielt er auch an, holte sein Taschenmesser heraus und schnitzte an einem kleinen Stück Holz herum. Theodor kannte diesen Jungen. Sein Name war Dietrich, er wohnte in der Nachbarschaft und suchte immer nur Streit.

Irgendwann hatte Theodor genug. An einem kleinen Hügel bremste er ruckartig ab und blieb stehen. Dietrich tat genau dasselbe. Jetzt holte Theodor sein Taschenmesser heraus, das ihm sein Opa geschenkt hatte, und hielt es in Dietrichs Richtung.

„Lass‘ mich in Ruhe!“, rief er Dietrich zu, „sonst wirst du’s bereuen!“

Dietrich blickte etwas irritiert drein, dann begann er zu lachen. Er drehte um und fuhr davon, immer noch lauthals lachend.

Als Theodor später mit seinem Eltern im Auto fuhr, sahen sie Dietrich wieder. Er fuhr auf seinem Fahrrad. Theodors Vater stoppte den Wagen und sprach Dietrich an. Er wollte wissen, warum Dietrich seinen Sohn verfolgt und ihm mit dem Taschenmesser Angst eingejagt habe. Dietrich wies alle Schuld von sich. Er sagte, Theodor sei es gewesen, der ein Messer gezogen und ihn bedroht habe.

„Ihr könnt alle von Glück reden, dass meine Eltern nicht die Polizei gerufen haben!“, sagte er, stieg wieder auf sein Rad und fuhr weiter.

So ging ein jeder seiner Wege und niemand sprach je wieder davon. Das Leben im Dorf ging weiter.

 

 

Zweiter Teil: Kurzgeschichten

 

 

Fahrt ins Blaue

 

Es war eine düstere Novembernacht und ich war allein zuhause. Der Hund hatte schon ein paar Mal angeschlagen, als er gegen Mitternacht endlich Ruhe gab. Ich wälzte mich noch eine Weile hin und her, hörte das alte Haus ächzen und knarren und war gerade eingeschlafen, als ich spürte, dass es ganz hell im Zimmer geworden war. Ich öffnete die Augen und sah einen hellen Lichtschein, der von außen in mein Schlafzimmer fiel. Noch etwas schlaftrunken ging ich zum Fenster und schaute hinaus. In meiner Einfahrt stand ein Auto, die Scheinwerfer leuchteten mir direkt ins Gesicht. Plötzlich hörte ich eine Stimme in meinem Kopf. Leise, fast flüsternd sprach sie zu mir.

Lust auf eine Spritztour? Na komm schon, wir werden ‘ne Menge Spaß haben!

Verdammt, was war das? Vielleicht hätte ich den Whisky gestern Abend doch im Regal stehen lassen sollen. Das Auto stand immer noch da. Mittlerweile hatten sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt und ich konnte zwei Rauchsäulen erkennen, die hinter dem Wagen in die kalte Novembernacht aufstiegen.

Ein Doppelauspuff, mein Freund, jede Menge Power! Los, komm endlich!

Wieder die Stimme in meinem Kopf. Ich musste nachsehen. Schnell zog ich mich an und ging hinaus. Jetzt sah ich den Wagen direkt vor mir, der Motor grummelte im Leerlauf leise vor sich hin. Eine flache, langgestreckte Silhouette, kaum einen Meter hoch. Die Fenster waren pechschwarz, vom Innenraum war nichts zu erkennen. Mit einem leisen Klacken öffnete sich die Fahrertür, ganz von allein.

Steig ein! Let’s ride, baby!

Ich ging um den Wagen herum zur Fahrertür und zog sie ganz auf. Niemand saß auf dem Fahrersitz. Ich sah mich um. Der Innenraum war komplett in Schwarz gehalten, alles war an seinem normalen Platz. Zwei Ledersitze, ein ebenfalls mit Leder bespanntes Armaturenbrett und ein Sportlenkrad mit Löchern in den Speichen. Ich stieg ein, die Fahrertür fiel ins Schloss. Vor mir ein grün beleuchtetes Armaturenbrett, der Tacho reichte bis 320.

Ja, mein Freund, dies Teil ist eine wahre Granate!

Ich legte die Hände auf das Lenkrad. Eine Welle abgrundtiefer Boshaftigkeit durchflutete mich, ich hörte leises Kichern, viele wispernde Stimmen, die plötzlich den Innenraum des Wagens erfüllten. Doch es war gut, ich fühlte, dass es gut war.

-Hass ist gut, Tod ist gut-

Ich schob den silbernen Wählhebel des Automatikgetriebes in die Position „R“. Im Augenwinkel glaubte ich, eine Gestalt auf dem Beifahrersitz zu sehen, doch als ich hinsah, saß niemand dort. Ich gab etwas Gas und der Wagen rollte rückwärts die Einfahrt herunter. Als ich schließlich auf der Straße in Fahrtrichtung stand, schob ich den Hebel auf „D“.

Okay, ab geht’s! Lass uns Spaß haben! Drück drauf, Mann!

Der Wagen war unglaublich schnell. Ein leichter Druck auf das Gaspedal ließ ihn davonschießen wie eine Rakete. Der Motor war kaum zu hören, dennoch fühlte ich seine enorme Kraft, wenn ich beim Beschleunigen tief in den Ledersitz gedrückt wurde. Als ich mit 160 über den Innenstadtring raste, spürte ich zum ersten Mal, dass mich eine eigenartige Schwäche überfiel.

Keine Bange, mein Freund! Fahr einfach weiter, alles okay! Wir wollen doch Spaß haben, oder?

Ja, ich wollte Spaß haben.

-Spaß ist gut, Tod ist gut-

Meine Kräfte kehrten zurück. Ein Blick auf den Beifahrersitz. Niemand da. Merkwürdig, ich hätte schwören können, dass...

Mach sie platt! Los, mach schon! Mach die Ärsche platt! Dies sind die Schweine, die dich dein ganzes Leben lang nur angeschissen haben! Mach schon, mäh sie um!!!

Die Stimme flüsterte jetzt nicht mehr, sie schrie. Und dann verstand ich, oh ja, ich verstand. Rechts vor mir sah ich sie auf dem Bürgersteig. Vier Typen, sie taumelten sturzbesoffen herum. Einer von ihnen lehnte mit dem Kopf an einem Laternenpfahl und kotzte. Ein anderer hatte mich bemerkt, zog die Hose runter und präsentierte mir sein nacktes Hinterteil. Sie lachten über mich, ja, sie lachten sich halbtot über mich. Nicht mehr lange, ihr Schweine, nicht mehr lange.

-Hass ist gut, Tod ist gut-

Ich zog den Wagen nach rechts und drückte den Gashebel durch. Ein Kichern in meinem Kopf, ein bösartiges Fauchen unter der Motorhaube. Als ich die Typen erwischte, flogen sie in alle Richtungen davon wie Billardkugeln. Ich sah, wie einem von ihnen der Arm abgerissen wurde. Er flog in ein Schaufenster und blieb in dem Loch stecken, die Finger zuckten noch. Ich trat auf die Bremse und kam auf dem Bürgersteig zum Stehen.

Bring es zu Ende, Mann! Der Job ist noch nicht erledigt!

Wieder schob ich den Wählhebel auf „R“. Ich blickte in den Rückspiegel. Die vier Gestalten lagen auf dem Boden, zwei von ihnen bewegten sich noch. Ich gab Gas. Ich wollte nichts von ihnen übrig lassen.

Die Fahrt ging weiter, raus aus der Stadt und hinein in die Dunkelheit der Landstraße. Ich war eins mit dem Wagen geworden, beherrschte die Technik. Die Tachonadel kletterte bis auf 250, die Umgebung wurde zu einer schwarzen Wand. Und wieder bemerkte ich, dass ich immer schwächer wurde. Ich blickte auf den Beifahrersitz und - diesmal saß jemand dort. Es war die gehörnte Fratze des Teufels, die mir aus der Dunkelheit entgegenleuchtete, als sei sie von innen beleuchtet.

„Ja, dies ist eine wunderbare Maschine, nicht wahr?“, klang es mir bösartig entgegen. „Und weißt du, was das Beste ist? Sie läuft nicht mit Benzin, sondern mit deiner Lebensenergie! Das nenne ich umweltfreundlich, oder?“ Ein donnerndes, unheilvolles Lachen erfüllte den Wagen, mir schwanden die Sinne, ich fuhr in eine unendliche Schwärze hinein. Mit Vollgas fuhr ich in meinen Tod.

-Hass ist gut, Tod ist gut, lasst uns alle Spaß haben-

„Grausamer Tod auf dem Bürgersteig“ lautete die Schlagzeile am nächsten Tag in der Zeitung. Nachdem er den Artikel kopfschüttelnd gelesen hatte, legte Rolf Schütte die Zeitung beiseite. Welcher Wahnsinnige konnte so etwas getan haben? Von den vier Typen war so gut wie nichts übriggeblieben, als hätte man sie durch einen Schredder gejagt. Ganz in der Nähe hatten sie einen abgerissenen Arm gefunden, der in einer Schaufensterscheibe steckte. Was für ein Wahnsinn! Und das in dieser Stadt, in der alles seinen friedlichen und geordneten Gang nahm, in der die Menschen sich morgens freundlich grüßten und ab und zu ein Schwätzchen mit dem Nachbarn hielten. So ein perverses Schwein, aufhängen sollte man ihn, mit dem Kopf nach unten. Rolf Schütte gähnte, er ging ins Bad, putzte sich die Zähne und legte sich ins Bett. Mitten in der Nacht, so gegen halb zwei, wurde er geweckt, weil sein Schlafzimmer hell erleuchtet war.

-Spaß haben. Lasst uns einfach alle Spaß haben-

Mit Vollgas in den Tod.

 

 

Wie Feddersen lernte, das Leben zu lieben

 

Harald Feddersen zog die Wohnungstür hinter sich zu und schloss zweimal ab. Er stellte den Koffer neben die Tür, hing den Mantel an die Garderobe und ging in die Küche. Aus einem weißen Kasten holte er zwei Scheiben Brot hervor und belegte sie mit jeweils zwei Scheiben Salami. Beim Essen las er die Tageszeitung. Es war Frühling und wie jeden Tag wimmelte es von Urlaubsangeboten. Feddersen verzog das Gesicht. Er war noch nie in Urlaub gefahren, zuhause war es doch auch schön. Auf der letzten Seite standen die Kontaktanzeigen: „Nette Mittvierzigerin sucht jung gebliebenes Pendant für gemeinsame Unternehmungen und vielleicht auch mehr.“ Feddersen grunzte verächtlich und faltete die Zeitung zusammen. Um halb elf ging er ins Bett, wie jeden Abend.

Am nächsten Morgen stand er pünktlich um sieben Uhr an der Bushaltestelle. Als die Tür sich zischend vor ihm öffnete, fiel sein Blick auf Karl Otremba, den Busfahrer.

„Moin, Herr Feddersen! Ob das mit der Sonne wohl heute noch was wird? Gesagt ham‘ sie’s ja gestern Abend!“

„Morgen, Herr Otremba! Na ja, warten wir’s mal ab!“

Feddersen setzte sich und der Bus fuhr an. Doch was war das? Ein plötzlicher Ruck ging durch das Fahrzeug und es beschleunigte wie von einem Katapult abgeschossen. Feddersen wurde in den Sitz gepresst. Er fühlte, wie der Bus vom Boden abhob und sich in die Luft erhob, genauso wie ein startendendes Flugzeug. Es wurde hell um ihn herum, immer heller und irgendwann verlor er das Bewusstsein.

Als er wieder erwachte, lag er auf dem Boden. Vor sich sah er einen riesigen Tisch, an dem eine Gestalt in einer schwarzen Kutte saß. Das Gesicht konnte er nicht erkennen, es lag im Schatten einer gewaltigen Kapuze.

„Harald Feddersen“, dröhnte es ihm entgegen, „ich habe mit dir zu reden!“

Feddersen blickte das Wesen an. „Mit mir? Warum? Wo bin ich überhaupt? Bin ich...tot?“

„Noch nicht, Feddersen! Ich habe dich aus einem anderen Grund hierhergeholt. Ich beobachte dich seit mittlerweile vierundvierzig Jahren und ich muss sagen: Du langweilst mich zu Tode. Keine Frau, kein Vergnügen, kein Hobby. Meine Güte, Feddersen! Meinst du etwa, dass ich dich dafür ins Leben gerufen habe?“

„Aber...ich bin völlig zufrieden! Es ist doch gut, so wie es ist.“

„Nichts ist gut, Feddersen! Wenn du so weiterleben willst wie bisher, kann ich dich auch gleich zu mir holen! Ich will dir eine Chance geben: Bis heute Abend unternimmst du etwas, um dein langweiliges Dasein zu ändern. Tust du das nicht, dann schicke ich dir einen Herzinfarkt, der sich gewaschen hat, da kann auch der beste Notarzt nicht mehr helfen! Los, Feddersen, du hast nicht mehr viel Zeit!“

Ein kurzes Flimmern, dann war die Gestalt verschwunden und Feddersen saß wieder im Bus. Verwirrt blickte er sich um. Die anderen Fahrgäste saßen ganz ruhig auf ihren Sitzen, unterhielten sich oder lasen Zeitung. Alles war wie immer. Hatte er geträumt? War er nicht mehr ganz richtig im Kopf? Feddersen hatte Angst.

Im Büro dachte er über das nach, was er erlebt hatte. Wenn es nun kein Traum gewesen war? Er sollte sein Leben ändern, sonst würde er sterben, das hatte die Gestalt gesagt. Sterben wollte er nicht, andererseits hasste er jegliche Veränderung. Die tägliche Monotonie war sein Lebenselixier, sie gab ihm Sicherheit. Was sollte er tun? Sein Blick fiel auf die Tageszeitung, die auf seinem Schreibtisch lag, und langsam breitete sich ein wohliges Prickeln, ein eigenartiges, lustvolles Gefühl in ihm aus. Warum eigentlich nicht? Sollte dieser schwarze Kerl doch seinen Willen bekommen! Immerhin besser, als vorzeitig zu krepieren! Er schlug die Seite mit den Urlaubsangeboten auf, wählte die Nummer eines Reisebüros und ließ sich einen Termin geben. Zwei Wochen Mallorca, das wär‘ doch mal was! Aufgeregt blätterte er weiter, bis zu den Kontaktanzeigen. Wieder einmal suchte eine Mittvierzigerin einen Partner für einen Neuanfang. Er rief die Partnervermittlung an und eine charmante Frauenstimme versprach ihm, schon bald ein Treffen mit der besagten Dame zu arrangieren. Feddersen legte den Hörer auf und lehnte sich zurück. Er fühlte sich wie ein Forscher, der eine Expedition in unbekanntes Terrain unternimmt. Ob der schwarze Mann jetzt mit ihm zufrieden sein würde?

„Aber ganz bestimmt, Feddersen, der Anfang ist gemacht! War doch gar nicht so schwer, oder?“

Die Stimme kam von draußen. Feddersens Kopf flog herum. Vor seinem Fenster schwebte die schwarze Gestalt mit der riesigen Kapuze. Sie winkte ihm zu und löste sich dann langsam in Luft auf. Feddersen winkte zurück, er lächelte.

 

 

Jacqueline träumt den Tod

 

Mein Name ist Ashley Simmons, ich bin Allgemeinmediziner. Zwanzig Jahre lang habe ich eine Praxis in Boston betrieben, bis mein schwächer werdendes Herz mich zwang, meinen geliebten Beruf aufzugeben. Ich habe eine Menge Patienten gesehen, das können Sie mir glauben, doch ein Fall wird mir immer im Gedächtnis bleiben.

Es war an einem Augusttag des Jahres 1970. Über der Stadt hing eine Glocke aus schwülwarmer Luft, die die Abgase am Boden hielt und das Öffnen der Fenster unmöglich machte. Der Ventilator auf meinem Schreibtisch mühte sich redlich ab, doch gegen die Gluthitze konnte er nichts ausrichten.

Am frühen Nachmittag betrat eine junge Frau mein Arztzimmer. Sie war groß, sehr schlank, fast schon ein bisschen mager. Ein einfaches Kleid aus blassblauem Leinen umflatterte ihre Figur. Aus ihrem schmalen, fein geschnittenen Gesicht leuchteten mir zwei blaue Augen entgegen. Ich warf einen Blick auf die Patientenkarte, die mir meine Assistentin Stephanie vorher hereingebracht hatte:

Miss Jacqueline Besson, geboren am 23.05.1947, neue Patientin, keine Vorerkrankungen, gibt Schlafstörungen an.

Ich reichte Miss Besson die Hand, bat sie Platz zu nehmen und setzte mich ihr gegenüber an den Schreibtisch. Wie immer gab mein abgewetzter Bürostuhl ein beleidigtes Quietschen von sich, als ich mich zurücklehnte.

„Nun, Miss Besson, was kann ich für Sie tun?“

„Herr Doktor, ich habe gehört, dass starke Schlafmittel das Träumen verhindern können, stimmt das?“

„Nein, das stimmt nicht. Wir träumen jede Nacht, auf diese Art und Weise verarbeiten wir unsere Erlebnisse. Ein Schlafmittel, und sei es noch so stark, kann das Träumen nicht verhindern, Miss Besson.“

„Aber Sie müssen mir helfen, Herr Doktor. Meine Träume...“

Sie schloss die Augen und holte tief Luft, ihre schmalen Hände krampften sich in ihrem Schoß zusammen.

„Ja, Miss Besson?“

„Meine Träume werden Wirklichkeit, Herr Doktor.“

„Wirklichkeit? Wie meinen Sie das?“

„Ich weiß, Sie werden mich für verrückt halten, aber einiges von dem, was ich träume, wird wahr.“

„Bitte, Miss Besson, erzählen Sie mir mehr davon.“

„Also gut. Ich habe mich vor einer Woche mächtig über eine Arbeitskollegin geärgert. In der Nacht träumte ich, dass ich ihr einen Schlag ins Gesicht verpasste. Sie werden es nicht glauben, aber am nächsten Morgen kam sie mit einem blauen Auge ins Büro. Es sei im Schlaf passiert, sagte sie, sie konnte es sich nicht erklären. Zwei Tage später hatte mich ein Friseur in der Newmark Street völlig verunstaltet. Zottig und strähnig hingen meine Haare vom Kopf herab, er nannte das ‚modern‘ und verlangte ein Heidengeld dafür. Ich schäumte vor Wut. In der Nacht träumte ich, wie ihm sämtliche Haare ausfielen und ich mich diebisch darüber freute. Als ich am nächsten Morgen an seinem Laden vorüberging, sah ich ihn mit einer Glatze an der Kasse stehen, der Schrecken stand ihm ins Gesicht geschrieben. Von seiner wallenden Haarpracht war nichts übrig geblieben, es war alles über Nacht verschwunden. Verstehen Sie, was ich meine, Herr Doktor?“

Nein, ich verstand die Welt nicht mehr. Entweder hatte die Frau Halluzinationen oder sie war mit übersinnlichen Kräften ausgestattet. Ich verordnete ihr wie gewünscht ein starkes Schlafmittel, mehr konnte ich vorerst nicht für sie tun.

Eine Woche später war sie wieder da, sie sah erbärmlich aus. Um ihre glanzlosen Augen hatten sich dunkle Schatten eingegraben, ein furchtsamer, beinahe panischer Ausdruck lag auf ihrem Gesicht.

„Herr Doktor, das Schlafmittel wirkt nicht mehr. Etwas ganz Schreckliches ist passiert!“

„Haben Sie wieder geträumt, Miss Besson?“ Ich stellte die Frage mit aufrichtigem Interesse. Angesichts ihres Zustandes erschien mir ein ironischer Unterton nicht angebracht.

„Ja, so ist es. Stellen Sie sich vor: Mein Freund hat mich betrogen, er hat es mir gestern gestanden. Er meint, ich sei nicht mehr dieselbe, in die er sich verliebt hat. Muss er denn deswegen gleich mit einer anderen ins Bett steigen? In der Nacht habe ich geträumt, wie er mit seinem Auto auf einer Brücke ins Schleudern gerät und in den Fluss stürzt.“ Sie senkte den Kopf und begann zu weinen. „Es ist tatsächlich passiert, Herr Doktor. Mein Traum ist schon wieder wahr geworden! Großer Gott, er hätte tot sein können!“

Ich erstarrte. Miss Besson hatte Recht, der Unfall war letzte Nacht geschehen, ich hatte in der Morgenzeitung davon gelesen. Der Fahrer war wohlauf, er hatte sich rechtzeitig aus dem sinkenden Auto befreien können. Langsam wurde mir diese Frau unheimlich und ich beschloss meinen Freund, den Neurologen James Astor, hinzuzuziehen. James ist ein gemütlicher Kerl, man triff ihn nie ohne seine Pfeife an. Er strahlt eine Ruhe und Gelassenheit aus, die man bei Großstadtmenschen nur noch selten antrifft.

„Wir sollten ein EEG machen“, schlug er vor, „und zwar dann, wenn sie schläft.“

Eine ausgezeichnete Idee. Ein Elektroenzephalogramm (so lautet die volle Bezeichnung) war schon damals eine anerkannte Untersuchungsmethode. Am Kopf des Patienten werden Elektroden angebracht, über die sich die Hirnströme messen und aufzeichnen lassen. Wir konnten Miss Besson dazu überreden, sich im Schlaf einer solchen Untersuchung zu unterziehen.

Als wir an einem Sonntagabend unser Instrumentarium in ihrem Schlafzimmer aufbauten, zog draußen ein Gewitter auf. Es wurde immer dunkler, und in der Ferne war bereits der erste Donner zu hören. Miss Besson war sehr aufgebracht. Sie hatte sich ein paar Stunden zuvor über ihre Haushälterin geärgert.

„Diese Daniels, ständig beschwert sie sich über mich“, knurrte sie, und ihre großen Augen funkelten böse. „Heute war es die Treppe, die ihr nicht sauber genug war, morgen ist es etwas anderes. Die Frau überwacht mich, sie lässt mir einfach keine Ruhe. Dabei habe ich im Augenblick wahrlich andere Probleme!“

Ich verabreichte ihr ein starkes Beruhigungsmittel, sie entspannte sich und legte sich auf ihr Bett. James befestigte die Elektroden an ihrem Kopf und schaltete den Schreiber ein. Obwohl es draußen jetzt immer heftiger rumorte und ein kräftiger Wind um das Haus pfiff, war Miss Besson nach kurzer Zeit eingeschlafen. Der Raum war dunkel, mit einem leisen Kratzen bewegte sich der Schreiber des EEG-Gerätes über das Papier. Alles sah normal aus, keine Auffälligkeiten, unsere Patientin schnarchte leise vor sich hin. Ich erschrak, als ein Blitz das Zimmer beinahe taghell erleuchtete. James legte die Hand auf meine Schulter. „Nur ruhig, alter Junge“, sagte er.

Im selben Augenblick, als ein krachender Donnerschlag das Haus erzittern ließ, spielte der Schreiber des EEGs verrückt. Riesige Zacken erschienen auf dem Papier, das Blatt reichte kaum aus. Miss Besson begann im Schlaf zu stöhnen, heftig schlug sie den Kopf hin und her. Nach ungefähr einer Minute wurde sie ganz ruhig und lächelte, ein gemeines, beinahe satanisches Lächeln. Die Kontrollleuchte unseres Gerätes tauchte ihr Gesicht in einen blutroten Schimmer, ein Anblick, den ich nie vergessen werde. In diesem Moment hörten wir einen entsetzlichen Schrei, er kam aus der Wohnung unter uns. James und ich blickten uns an. Jemand brauchte dringend unsere Hilfe. So schnell wir konnten, rannten wir die Treppe hinunter. A. und K. Daniels stand auf dem Türschild, es war die Wohnung der Haushälterin und ihres Mannes. Ohne lange zu überlegen, brachen wir die Tür auf. Wieder ein Schrei. Wir liefen in die Richtung, aus der er gekommen war und stürzten in das Schlafzimmer. Miss Daniels kauerte auf dem Boden, sie drängte sich zitternd an die Wand. Vor ihr stand ihr Mann im Pyjama. In seiner hoch erhobenen Hand hielt er ein Küchenmesser. Als er uns bemerkte, wirbelte er herum, in seinen Augen flackerte ein irrsinniges Feuer.

„Ich halte ihn auf“, rief ich James zu, „weck du Miss Besson auf, schnell!“

James hatte sofort verstanden und jagte davon. Ich stürzte auf Mister Daniels zu und stieß ihn zur Seite. Ein Blitz zuckte vom Himmel und beleuchtete sein bösartig verzerrtes Gesicht. Die Klinge des Messers blitzte auf. Er sprang auf mich zu. Aus seiner Kehle kam ein Knurren wie das eines wilden Tieres. Plötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper und er stand da, als habe ihn jemand mit einem Lasso eingefangen. Ungläubig betrachtete er das Messer in seiner Hand. Dann fiel sein Blick auf seine Frau, die immer noch auf dem Boden hockte und leise vor sich hin wimmerte. Er ließ das Messer fallen, eilte zu ihr und nahm sie behutsam in die Arme. Ich wusste: Die Gefahr war gebannt. So schnell ich konnte, lief ich wieder nach oben. Miss Simmons saß auf der Bettkante, sie zitterte, Tränen liefen über ihr Gesicht. Die Elektrodenkabel hingen wie kleine Schlangen von ihrem Kopf herab. Sie tat mir unendlich leid.

„Meine Herren“, sagte sie, „ich habe schon wieder einen Traum gehabt, es war schrecklich. Gut, dass Sie mich geweckt haben, sonst wäre es schlimm ausgegangen.“

Wir klärten sie über das auf, was wir während ihres Schlafes beobachtet hatten und was sich in der Wohnung unter uns ereignet hatte. Miss Besson nickte, es deckte sich haarscharf mit ihrem Traum, bis hin zu dem Moment, in dem mein Freund sie weckte. Verzweifelt blickte sie mich an und sagte: „Was soll nun aus mir werden, Doktor? Ich bin besessen, eine Bedrohung für die Menschheit! Soll ich für den Rest meines Lebens wach bleiben?“

Nun, lieber Leser, sie musste es nicht. Das Phänomen verschwand von einem Tag auf den anderen. Ich verordnete Miss Besson die stärksten Schlafmittel, die der Arzneischrank hergab, damit sie zur Ruhe kam. Und wie jeder andere Mensch begann sie wieder zu träumen, ohne dabei Schaden anzurichten. Das Leben kehrte in ihren Körper zurück und ihre schönen blauen Augen strahlten wieder.

Natürlich wollten James und ich wissen, warum dies alles geschehen war. Wir untersuchten Miss Bessons EEG, das wir in der Gewitternacht aufgezeichnet hatten und entdeckten ein grausiges Detail: Zwischen den wirren, zittrigen Linien entdeckten wir ein Gesicht. Böse, mordlüstern und grausam starrte es uns an, ein dämonisches Antlitz, ein Wesen, das geradewegs aus den Tiefen der Hölle zu kommen schien. James stöhnte auf. „Weißt du, was in dem Moment geschah, als ich Miss Besson weckte?“ Er sah mich ernst an. „Es wurde kalt, mein Lieber, so kalt, dass ich meinen Atem sehen konnte, und dann hing für einen kurzen Moment eine Art Rauch oder Nebel in der Luft. Ein Wispern und Kichern war zu hören, wie von tausend kleinen Gnomen. Es tut mir leid, dass ich dir noch nicht davon berichtet habe, es waren einfach zu viele Aufregungen in jener Nacht.“

Wir starrten das EEG an, die grausame Fratze starrte zurück. Eingebrannt in Papier, ein bleibendes Andenken an einen absolut unglaublichen und einzigartigen Fall. Bis heute liegt der Ausdruck in meinem Aktenschrank, von Zeit zu Zeit hole ich ihn hervor. Ich kann das dämonische Gesicht immer noch deutlich erkennen.

 

 

Ein großartiger Zeitvertreib

 

Es kam mit der Morgenpost: ein ganz normal aussehendes Paket in braunem Packpapier und verschnürt mit derber Doppelschnur. Es unterschied sich in nichts von den Tausenden anderer Pakete, wie sie die Postboten tagtäglich austragen. Mit diesem aber hatte es eine besondere Bewandtnis - eine ganz besondere...

Ich lächelte. Der Alte hatte Wort gehalten und pünktlich geliefert. Vor drei Tagen war ich zufällig in seinem Laden gelandet. Ich hatte den Gnom hinter der Theke nicht wahrgenommen, bis er mich ansprach.

„Benötigen Sie Hilfe, mein feiner Herr?“ Seine dunklen Augen musterten mich. „Auf der Suche nach etwas Besonderem?“

„Etwas Besonderes? Oh ja, das wäre interessant.“

Er verschwand hinter einem Vorhang. Es rumorte, und irgendetwas ging zu Bruch. Ich hörte ihn fluchen. Dann kam er zurück.

„Bitte sehr, der Herr.“ Er stellte ein kleines, völlig unscheinbares Kästchen aus dunklem Holz auf die Theke. Die Oberfläche war poliert, das Licht der Lampe über mir spiegelte sich darin. Als ich es in die Hand nehmen wollte, zog er es blitzschnell zurück. „Erst bezahlen, mein feiner Herr. Vorher dürfen Sie es nicht berühren, oh nein!“ Seine Augen weiteten sich.

„Ich würde doch zu gerne wissen, was dieses Kästchen darstellt, bevor ich dafür bezahle.“

„Das müssen Sie selbst herausfinden, mein Herr. Ich darf es Ihnen nicht verraten.“

„Na wunderbar! Und wie viel soll es kosten?“

„Eintausend Pfund, wenn ich bitten darf. Ein kleiner Preis für einen so großartigen Zeitvertreib. Meinen Sie nicht?“

Der Alte sah mich durchdringend an und mir schwanden die Sinne. Mit mechanischen Bewegungen schrieb ich einen Scheck aus und schob ihn über die Ladentheke. Er grinste mich an.

„Ich liefere in drei Tagen, mein Lieber. Und nun, Adieu!“

In den nächsten Tagen plagten mich grässliche Alpträume. Immer wieder sah ich die Augen des Alten vor mir, tief und unergründlich wie schwarze Bergseen.

Jetzt war es endlich soweit. Mit meinem Taschenmesser durchtrennte ich die Schnur und entfernte das Packpapier. In langen Fetzen fiel es zu Boden. Nun musste ich noch einen Pappkarton öffnen, der innen mit Holzwolle ausgelegt war. Da sah ich das kleine Kästchen. Ein Gefühl prickelnder Spannung breitete sich in mir aus. Ich zögerte einen Moment, dann nahm ich es behutsam in die Hände und betrachtete es von allen Seiten. Ein lautes Klopfen und die schrille Stimme meiner Haushälterin holten mich in die Realität zurück.

„Mittagessen, Sir! Kommen Sie, bevor wieder alles kalt wird!“

Eine plötzliche, mir völlig unbekannte Wut überkam mich. „Verdammt, ausgerechnet jetzt“, dachte ich. „Hol’ dich der Teufel!“

Im selben Augenblick hörte ich einen lauten Knall und ein scheußliches, wieherndes Gelächter auf der anderen Seite der Tür. Schwarzer Rauch quoll unter der Schwelle hervor. Ich riss die Tür auf, der ganze Flur roch nach Schwefel. Von Clara, meiner Haushälterin, war nichts zu sehen.

„Da laus mich doch der Affe“, sagte ich leise zu mir. Plötzlich spürte ich ein Gewicht auf meiner Schulter. Kleine, flinke Hände wanderten über meinen Kopf. Als ich vor den Spiegel trat, sah ich ein kleines Äffchen auf meiner Schulter sitzen, das sich emsig an meinen Haaren zu schaffen machte.

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich die ganze Zeit das neu erworbene Kästchen in meiner rechten Hand gehalten hatte. War das sein Geheimnis? Sollte es all jene Belanglosigkeiten und Floskeln, die wir Tag für Tag von uns geben, Wirklichkeit werden lassen?

Abends war ich zum Essen bei Smitty eingeladen. Er staunte nicht schlecht über meinen neuen Begleiter. Das Kästchen hatte ich mitgenommen, es befand sich in meiner Jackentasche. Wer weiß, was noch alles in ihm steckte, niemand sollte es mir stehlen können.

Wir waren beim Dessert angekommen und der gute Smitty wollte mir in seiner großen Güte einen zweiten Pudding andrehen.

„Nehmen Sie doch noch einen, mein lieber Clarence!“

„Oh nein, Smitty, ich kann nichts mehr essen, ich platze gleich!“

Kaum waren die Worte heraus, wurde mir bewusst, was ich soeben gesagt hatte. Ich griff in die Jackentasche, wollte das Kästchen noch fortschleudern - zu spät.

 

 

Die beiden Ulis

 

Mein Name ist Ulrich Baranowski, aber das interessiert hier niemanden. Es ist nicht mehr wichtig.

Gerade habe ich unseren Besuchsraum betreten. Er ist fast quadratisch. Ich habe hier noch keine Lampen gefunden, trotzdem umgibt mich gleißende Helligkeit. An den Wänden hängen in regelmäßigen Abständen große Spiegel mit schlichten, weißen Rahmen. Vor ihnen sind einfache Holzstühle aufgestellt. Zwei Kollegen sind da, sie schauen gebannt in die Spiegel. Auf der mir gegenüberliegenden Seite befindet sich eine rote Tür mit der Aufschrift „EXIT“. Ich nehme vor einem Spiegel Platz.

Hallo Ulrich! Gut siehst du aus! Genauso wie vor zwei Monaten...

Mein Spiegelbild flackert, dann verschwindet es, und ich kann Ulrike erkennen, meine Sandkastenliebe. Sie sitzt an ihrem Küchentisch

...oh Mann, wie oft haben wir zwei dort gesessen...

und weint. Vor ihr liegt ein aufgeschlagenes Fotoalbum, daneben steht eine Tasse Kaffee. Wir waren unzertrennlich, verliebt ohne Ende. „Die beiden Ulis“ - so haben unsere Freunde uns genannt.

Dann kam jener Samstag im Juli, ein herrlicher Sommertag. Wir fuhren mit Ulrikes altem Käfer an den See und machten ein Picknick. Sie trug ihr neues Kleid, die blonden Haare wehten im warmen Wind.

„Wird Zeit, dass wir bald heiraten, was meinst du?“ Ich versuchte, meine Frage möglichst beiläufig klingen zu lassen. Ulrike lachte nur. In ihren Augen konnte ich die Antwort bereits lesen.

Auf der Rückfahrt saß sie am Steuer. Wir hatten die Fenster geöffnet und der Duft der Kornfelder wehte ins Auto. Ulrike schaute kurz herüber und lächelte - dann schob sich vor uns etwas auf die Straße. Zwischen den Bäumen am rechten Fahrbahnrand tauchte eine grüne Motorhaube auf.

Oh nein oh nein der kann doch nicht...oh mein Gott NEIN!!!

Ein lautes Quietschen, ganz kurz konnte ich den Traktorfahrer sehen, schreckgeweitete Augen, er hob den Arm vor sein Gesicht - Schwarz.

Aus.

Ja, ich bin tot. Seit zwei Monaten schon. Im Spiegel habe ich mir die Unfallstelle angesehen. Der Käfer sah aus wie zerknülltes Papier, nur die linke Seite war noch einigermaßen intakt. Motor und Getriebe des Traktors lagen auf der Straße; er wurde in zwei Hälften zerteilt. Überall Trümmerteile und schwarze Lachen, in denen sich das Sonnenlicht spiegelte. Ulrike wurde nur leicht verletzt. Auch das hat mir der Spiegel gezeigt. Ein paar Hautabschürfungen und ein gebrochenes Handgelenk. Instinktiv hatte sie den Wagen nach links gezogen und mich damit in die Todeszone gebracht.

Jetzt kennen Sie meine Geschichte und sicher interessiert es Sie, wie mein neues Zuhause aussieht.

Ich muss Sie leider enttäuschen! Wir dürfen nur vom Besuchsraum erzählen, alles andere ist tabu - Anordnung von oben! Der Boss ist ziemlich streng, doch er hat auch Mitleid mit uns armen Seelen. Wenn er sein Okay gibt, können wir durch die „EXIT“ - Tür gehen und unsere Lieben noch einmal besuchen. Allerdings nur ein einziges Mal und nur für zwölf Stunden, dann geht’s zurück. Viele meiner jetzigen Kollegen tauchten als unerklärliche Phänomene in der Zeitung oder im Fernsehen auf, nachdem sie sich dazu entschlossen hatten, der Erde einen Besuch abzustatten.

Ich persönlich weiß nicht, ob ich Ulrike noch einmal wiedersehen möchte. Bin ich dann glücklicher? Ist Ulrike dann glücklicher? Was meinen Sie?

Wir sehen uns...

 

 

Nelligans Haus

 

„Lassen Sie Nelligan in Ruhe!“

Der alte Mann mit der zerknautschten, fleckigen Schiffermütze, auf der vorne ein goldener Anker prangte, sah mich eindringlich an. Die Wirtin hatte ihm gerade ein neues Glas Bier vor die Nase gestellt. Er setzte es an die Lippen und trank es mit einem Zug aus. Ein langgezogener Rülpser folgte, der sich anhörte, als ob er aus den tiefsten Windungen seiner abgenutzten Gedärme kam.

Ich hatte nicht vor, seinem Rat zu folgen. Seit einer halben Ewigkeit hatte ich keine gute Geschichte mehr abgeliefert. Mein Verlag hatte bereits damit gedroht, den Geldhahn zuzudrehen und mich über kurz oder lang fallenzulassen. Ich brauchte dringend eine Inspiration.

Sie kam in Form eines Buches über Spukhäuser in Südengland, das mir in einer Bibliothek in die Hände fiel. Es enthielt einen Bericht über eine Ruine in der Nähe von Blackpool, in der der Geist eines gewissen Archibald Nelligan umherspazieren sollte. Das Haus war vor einem Jahr ausgebrannt, in den Überresten hatte man seine verkohlte Leiche gefunden. Die Polizei hatte den Fall damals nicht aufklären können. Um nicht mit leeren Händen dazustehen, hatte man behauptet, Nelligan sei mit einer brennenden Zigarette in der Hand in seinem Bett eingeschlafen, und damit hatten sich alle zufriedengegeben. Ein Foto der düsteren Ruine, das dem Artikel beigefügt war, überzeugte mich. Ich stieg in meinen alten Ford und fuhr drei Stunden von London nach Blackpool, einem kleinen Kaff, das an der Küste in der Nähe von Brighton lag. Dort nahm ich mir ein Zimmer in einer heruntergekommenen Pension. Der Putz bröckelte von den Wänden und im Bad hauste Ungeziefer, doch es war billig. Das war das Wichtigste. Und natürlich die Story, die ich hier zu finden hoffte.

Beim Abendbrot im völlig überfüllten Pub gegenüber hatte sich der alte Mann zu mir an den Tisch gesetzt. Es war kein anderer Platz mehr frei, außerdem war er neugierig. Ich erzählte ihm, dass ich Schriftsteller und auf der Suche nach einer Story war. Als ich ihm von meiner Absicht erzählte, der Ruine einen Besuch abzustatten, machte er ein Gesicht, als ob er soeben eine tote Fliege in seinem Bierglas entdeckt hätte.

„Warum soll ich mir das Haus nicht ansehen“, fragte ich ihn, „glauben Sie etwa, der Geist könnte mich erwischen?“

„Ja, das glaube ich“, antwortete er. „Jeder hier weiß, dass Archibald Nelligan nicht wirklich tot ist. Sein Körper mag verbrannt sein, aber sein Geist ist immer noch lebendig. Er war ein böser Mensch und das Böse stirbt nie, Mister!“ Drohend wedelte er mit seinem knochigen Zeigefinger vor meiner Nase herum.

„Was hat er denn Schlimmes verbrochen?“

Aus den Untiefen des Pubs erschien die Wirtin und tauschte das leere Bierglas meines Gegenübers gegen ein volles aus. Er nahm es erfreut zu Kenntnis und sein Gesicht hellte sich für einen kurzen Moment auf. Nach einem tiefen Schluck fuhr er mit krächzender Stimme fort.

„Archibald Nelligan gehörte eine Näherei etwas außerhalb von Blackpool. Steht heute noch, ist aber nichts mehr los. Fällt langsam in sich zusammen, genau wie seine Villa oben auf dem Shepherd Hill. Die Mädels haben von morgens bis abends für ihn geschuftet, für ‘nen Hungerlohn und er hat sich ständig an sie herangemacht. Wenn ihm eine besonders gefiel, hat er sie sich einfach genommen. Hat ihnen Geld gegeben, damit sie den Mund hielten.“

„Woher wissen Sie das?“

„Von Sally Macdonald. Die hat bei ihm im Lager geschuftet. Hat den ganzen Tag Stoffballen durch die Gegend geschleppt. Sie hat’s ihrem Bruder erzählt und der hat’s hier am Tresen erzählt. Alles, was das Schwein verbrochen hat. Wir konnten ‘s nicht glauben, Mister!“

„Hatte Sally denn keine Angst vor Nelligan?“

„Natürlich hatte sie Angst. Aber ihr Bauch wurde immer dicker und das kam nicht davon, weil sie zu viel aß. Irgendwann musste sie wohl oder übel erzählen, was Sache war.“

„Soll das heißen, das…“

„Ganz genau, Mister“, fiel mir der Alte ins Wort, „Nelligan hatte sie geschwängert. Gerade sechzehn Jahre alt geworden, das arme Ding.“

„Und dann?“

Der Alte schüttete den Rest des Bieres in sich hinein und knallte das Glas auf den Tisch.

„In der Nacht, nachdem Sally ihrer Familie alles erzählt hatte, brannte Nelligans Haus. Blieb nicht viel von übrig. Von ihm selbst übrigens auch nicht. Sie haben ihn in seinem Park begraben. Sie waren viel zu nett zu dem Schwein. Ich hätte ihn einfach über die Klippen ins Meer geworfen, Mister. Zack und weg!“

„Warum wurde das Haus nicht abgerissen?“

„Kostet viel zu viel Geld, Sie verstehen? Wir warten einfach ab, bis alles irgendwann von selbst in sich zusammenfällt.“

„Und jetzt lebt sein Geist dort?“

„Genau. Ein paar Jungs aus dem Dorf waren da oben. Waren neugierig und wollten sich ein bisschen umsehen. Und dann stand er da. Auf der Treppe. Sind natürlich sofort abgehauen. Die waren völlig fertig, als sie hier unten ankamen. Ein paar Wochen später wollten Tramper in der Villa schlafen, die haben den Geist auch gesehen. Haben sofort die Biege gemacht und sind hier im Dorf abgestiegen. Hier im Pub haben sie uns alles haarklein erzählt. Ich sage Ihnen, die haben gezittert wie Espenlaub! Hören Sie auf mich und bleiben Sie von dem Haus weg, Mister! Ihre Geschichte können Sie doch auch hier unten schreiben, oder?“

Ich stimmte zu, allerdings nur, um ihn zu beruhigen. Er belohnte meine angebliche Klugheit, indem er mir ein Bier ausgab. Wir redeten noch eine Weile, dann stand er auf und ging. Ich bezahlte, ging rüber in die Pension und packte meinen Rucksack. Kurz vor Mitternacht machte ich mich auf den Weg zum Shepherd Hill. Es war Vollmond und die Ruine war deutlich zu sehen. Ich konnte sie nicht verfehlen.

Kurze Zeit später bog ich von der Straße, die mich aus Blackpool herausgeführt hatte, auf die Zufahrt zu Nelligans Haus ein. Es ging ein paar hundert Meter bergauf über einen Schotterweg, dann hatte ich mein Ziel erreicht. Ich stieg aus und holte meinen Rucksack aus dem Kofferraum. Es war still hier oben. Sehr still. Das schwarze Skelett des Hauses ragte vor mir auf. Mit dunklen Augen starrte es mich an. Ich knipste meine Taschenlampe an und ging die breite Treppe zum Eingang hoch. Bei jedem Schritt knirschten Glassplitter unter meinen Füßen. Es gab keine Tür mehr, nur ein schwarzes Loch, das in eine undurchdringliche Schwärze führte. Ich ging hinein. Dies musste einmal die Eingangshalle gewesen sein. Die Wände waren verkohlt und überall lag Schutt herum. Ein leichter Luftzug strich über mein Gesicht und meine Arme. Ich bekam eine Gänsehaut.

Und dann sah ich den Geist, keine drei Meter von mir entfernt. Eine milchig-weiße, durchsichtige Gestalt, die einen eleganten Anzug trug. Die Haare waren in der Mitte gescheitelt und streng nach hinten gekämmt. Das Gesicht war im Vergleich zur Körperfülle eher schmal und knochig. Die dunklen Augen, die unter zwei buschigen Brauen lagen, fixierten mich. Ich hörte seine tiefe Stimme in meinem Kopf.

„Herzlich Willkommen in meinem Haus, Mister Caine. Ich freue mich außerordentlich, dass Sie da sind. Wir werden eine Menge Spaß zusammen haben. Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist Archibald Nelligan.“

Nachdem der Geist seinen Namen ausgesprochen hatte, verlor ich das Bewusstsein und fiel in eine bodenlose Finsternis.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Bett. Grelles Neonlicht blendete mich. Allmählich verzogen sich die Schleier vor meinen Augen und ich sah einen Mann in Uniform neben der Tür. Als er bemerkt hatte, dass ich aufgewacht war, verließ er das Zimmer. Ein paar Minuten später kam er mit einem anderen Mann zurück, der einen dunklen Mantel trug.

„Danke Freeley“, sagte der Mantelträger, „Sie können jetzt gehen.“

Nachdem Freeley das Zimmer verlassen hatte, setzte sich der Mantelträger zu mir an das Bett.

„Guten Morgen, Mister Caine. Wie fühlen Sie sich?“

Ich wollte mich aufrichten, doch ein pochender Schmerz fuhr durch meinen Schädel, der mich sofort auf das Kopfkissen zurücksinken ließ.

„Wo bin ich hier? Und wer sind Sie?“

„Ich bin Inspektor Durbridge von der Polizei in Barnstowe. Wir haben Sie letzte Nacht in der Nähe von Blackpool bewusstlos auf einer Wiese gefunden und hierher ins Krankenhaus bringen lassen. Was ist passiert, Mister Caine?“

Durbridge sah mich erwartungsvoll an.

„Was ist wo passiert? Wovon reden Sie überhaupt?“

„Ich rede von dem, was in der vergangenen Nacht in Blackpool geschehen ist.“

Ich versuchte noch einmal, mich aufzurichten. Diesmal war der Schmerz in meinem Kopf nicht so stark, so dass ich es schaffte, mich auf den Ellenbogen aufzustützen.

„Hören Sie, Inspektor, ich habe keine Ahnung, worum es geht. Würden Sie bitte die Güte haben, mich aufzuklären?“

Durbridge sah mich mit großen Augen an.

„Sie wollen mir also erzählen, dass Sie sich nicht daran erinnern können, was letzte Nacht in Blackpool geschehen ist, Mister Caine?“

Die Stimme des Inspektors hatte einen scharfen Unterton bekommen. Er schien langsam aber sicher wütend zu werden. Wütend auf mich? Was hatte ich denn angestellt?

„Genauso ist es, Inspektor“, antwortete ich ihm, „ich habe keine Ahnung, was letzte Nacht in Blackpool los war.“

„Die Hölle war los, Mister Caine. Ein Mann ist mit einem Gewehr in der einen und einem Benzinkanister in der anderen Hand in das Dorf marschiert, ins Haus der Macdonalds eingestiegen und hat Lester Macdonald in seinem Bett erschossen. Eine Kugel zwischen die Beine, eine Kugel in den Kopf. Lesters Schwester Sally ist von dem Lärm wach geworden. Sie kam genau in dem Augenblick ins Schlafzimmer, als der Mann die Leiche ihres Bruders mit einem Streichholz in Brand setzte. Sally konnte gerade noch ihren Sohn aus dem Bett holen und mit ihm ins Freie flüchten. Das sind fast alles Fachwerkhäuser in Blackpool, die brennen wie Zunder. Es dauerte nicht lange, da stand das halbe Dorf in Flammen. Und in diesem Feuer sind zwanzig Menschen verbrannt. Sechs Frauen, sechs Männer und acht Kinder. Und wissen Sie, wer das alles angestellt hat?“

„Nein.“

„Sie, Mister Caine!“

Seine Worte trafen mich wie ein Faustschlag.

„Woher wissen Sie das?“, fragte ich mit rauer Stimme.

„Sally hat Sie im Krankenwagen eindeutig wiedererkannt, Mister Caine. Sie ist völlig ausgeflippt und wir konnten sie nur mit Mühe davon abhalten, Ihnen an die Gurgel zu gehen. Sie haben von alledem nichts mitbekommen, Sie waren ja noch bewusstlos. Ehrlich gesagt war ich froh, als die Sanitäter endlich mit Ihnen davonfuhren, sonst hätten wir vielleicht noch einen Toten zu beklagen gehabt.“

Er machte eine kleine Kunstpause, bevor er zum letzten verbalen Schwinger ausholte, der mich endgültig niederstrecken sollte.

„Ach ja, bevor ich es vergesse: Neben Ihnen auf der Wiese fand man das Gewehr, mit dem Lester erschossen wurde. Und auf diesem Gewehr sind Ihre Fingerabdrücke, Mister Caine!“

Alles sprach gegen mich. Die Geschworenen hielten mich für schuldig. Ich sollte den Rest meines Lebens auf ein paar Quadratmetern verbringen, zusammen mit einer stinkenden Toilette und einem versifften Waschbecken. Ich war ein Mörder. Hatte einundzwanzig Menschen auf dem Gewissen. Männer, Frauen und Kinder. Und konnte mich an nichts erinnern.

Die Situation wurde unerträglich. Ich verlor den Verstand. Der Gedanke an den Tod, an ewige Ruhe und ewigen Frieden wurde übermächtig. Eines Nachts kletterte ich auf meinen wackligen Holzstuhl, um den Hals eine Schlinge, die ich aus meinem Bettlaken angefertigt hatte. Das andere Ende hatte ich an einem Metallrohr befestigt, das oberhalb des Fensters verlief. Plötzlich war die Stimme wieder da. Dieselbe Stimme, die ich in Nelligans Haus gehört hatte.

„So verzweifelt?“

„Verzweifelt ist gar kein Ausdruck“, murmelte ich leise vor mich hin.

„Sorry, dass ich Ihnen so übel mitspielen musste, aber Sie waren das Beste, was mir passieren konnte. Ein Schriftsteller, ein Mensch mit Fantasie, leicht zu beeinflussen, einfach ideal! Ich bin Ihnen wirklich zu Dank verpflichtet!“

„Also haben Sie das in Blackpool angerichtet?“

„In gewisser Weise ja. Wir feinstofflichen Wesen sind zu grober Arbeit nicht in der Lage, daher habe ich mir Ihren Körper ausgeliehen. Sie haben das Gewehr und den Kanister aus meinem Keller geholt und nach Blackpool geschleppt. Und dort haben Sie genau das mit Lester Macdonald gemacht, was er vor einem Jahr mit mir gemacht hat. Haben es ihm heimgezahlt. Oh, ich habe es genossen, Mister Caine. Jede einzelne Sekunde habe ich genossen. Jetzt werde ich endlich Ruhe haben. Wie ich sehe, sind Sie auch kurz davor, Ihren Frieden zu finden. Kommen Sie nur! Wir werden eine Menge Spaß zusammen haben!“

Das Gesicht von Archibald Nelligan tauchte vor mir in der Dunkelheit auf. Er grinste. Seine dunklen, heimtückischen Augen fixierten mich. Er drang in mich ein, übernahm die Kontrolle. Ich schloss die Augen…

ein Schriftsteller, ein Mensch mit Fantasie, leicht zu beeinflussen

…und machte einen Schritt nach vorne.

 

 

Ungelöst

 

Es muss ungefähr Ende der Siebziger gewesen sein, als ich acht oder neun Jahre alt war und die Welt noch mit Kinderaugen betrachtete. In dieser Zeit machte ich mich auf die Suche nach einem Mörder. Vielleicht werden Sie jetzt lächeln und das Ganze als Ausgeburt einer überschießenden Fantasie bezeichnen. Für mich stand damals fest, dass sich in unserer kleinen Gemeinde ein Mord ereignet hatte.

Alles begann mit einem Schrei, der mich mitten in der Nacht weckte. Er klang unheimlich, ein hohes, hysterisches Kreischen, das die Dunkelheit wie ein Messer durchschnitt. Ich eilte ans Fenster und zog den Rollladen hoch, bis ein kleiner Spalt entstand, durch den ich hindurchschauen konnte. Nichts. Nur der Hof, beleuchtet vom weißen Licht der Straßenlaterne. Auch in der dunklen Ecke, wo die Tannen standen, bewegte sich nichts.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Fahrrad zu meinem Freund Michael. Ich erzählte ihm von meinem nächtlichen Erlebnis und er witterte genau wie ich ein Abenteuer. Wir beschlossen, uns zu einer Besprechung zurückzuziehen und fuhren zu unserem Geheimversteck in der Senke bei Damanns Hof.

Das Versteck lag am zugewachsenen Ufer eines kleinen Baches, der träge und stinkend durch die Landschaft plätscherte. Weiß der Teufel, was die Bauern alles in ihn hineinkippten, etwas Lebendiges hatte ich jedenfalls noch nicht darin gesehen. Einmal hatte ich leichtsinnigerweise von der Brühe getrunken und postwendend eine Woche mit Durchfall und Erbrechen auf der Toilette verbracht.

Wir versteckten unsere Fahrräder und gingen einen schmalen Trampelpfad entlang, der uns zu zwei Bäumen führte, die auf einer Lichtung inmitten des wuchernden Grüns standen. Hier kam außer uns niemand hin, nur ein paar Tiere verirrten sich hin und wieder hierher, so war es bislang jedenfalls gewesen. Als wir an jenem Tag die Lichtung erreichten, prallten wir zurück, als habe jemand einen unsichtbaren Elektrozaun um die Bäume gespannt. Auf dem Boden lagen Kleidungsstücke verstreut: ein Pullover, eine Jeanshose, Strümpfe, ein Unterhemd und ein weißer Slip. An der Seite, dort wo das Schilf wuchs, lag ein Paar Turnschuhe. Erschrocken blickten Micha und ich uns an. Wir dachten an den Schrei, den ich gehört hatte und waren uns einig: In der letzten Nacht war ein Mord geschehen. Dies waren die Kleider des Opfers und die Leiche war hier irgendwo versteckt. Vielleicht im Schilf oder in der Betonröhre, in die der Bach hineinfloss, keine hundert Meter entfernt. Oft hatten wir vor dem Eingang der Röhre gestanden wie vor einem offenen Rachen und hatten dem Plätschern des Wassers gelauscht, das von den Wänden widerhallte. Ein gutes Versteck für eine Leiche. Nachsehen wollte keiner von uns beiden, außerdem hätten wir dafür Taschenlampen gebraucht. Micha ging zwischen den Kleidungsstücken hin und her und betrachtete sie. Mit spitzen Fingern nahm er jedes Teil hoch. Es waren keine Blutspuren zu sehen. Langsam wurde uns die ganze Geschichte unheimlich und wir beschlossen, den Rückzug anzutreten.

Am nächsten Tag führten wir Ermittlungen in der Nachbarschaft durch. Wir fühlten uns wie echte Detektive. Es galt, einen Mord aufzuklären und genau das wollten wir auch tun.

Unsere Nachbarn allerdings waren keine große Hilfe. Der alte Friedrichsen öffnete mit seinem typisch arroganten Gesichtsausdruck die Tür. Nein, er hatte neulich nachts keinen Schrei gehört und aufgefallen war ihm auch nichts. Er vergaß nicht hinzuzufügen, dass er nachts zu schlafen pflege und nicht irgendwelchen Hirngespinsten hinterherjage. Der Pastor, der gegenüber mit seiner Familie im Gemeindehaus wohnte, war wie immer sehr freundlich, konnte uns aber auch nicht weiterhelfen. Es war also mal wieder Kriegsrat angesagt. Micha und ich beschlossen, noch einmal zur Lichtung zu gehen und alles abzusuchen. Wir wollten auch in die Röhre leuchten, deswegen nahmen wir zwei starke Taschenlampen mit. Auf der Lichtung hatte sich nichts verändert. Die Kleidungsstücke lagen noch am selben Platz. Vorsichtig durchstreiften wir die Umgebung. Ich zitterte bei dem Gedanken, im Schilf oder im hohen Gras auf einen toten Körper zu stoßen. Doch wir fanden nichts, keine Fußspuren und auch keine Leiche. Schließlich gingen wir zur Öffnung der Betonröhre hinunter. Dunkel lag sie vor uns, übermächtig und alles verschlingend, das Plätschern des Wassers klang wie ein höhnisches „Na los, traut euch doch!“. Und wir trauten uns. Wir knipsten die Taschenlampen an und leuchteten hinein. Zitternde Lichtkegel tasteten die moosbewachsenen Wände ab, reichten aber nicht aus, um die Röhre bis zum Ende auszuleuchten. Ein kleiner Teil blieb im Dunkeln, unheimlich und bedrohlich. Fast schon glaubten wir, Verwesungsgeruch in unseren Nasen zu haben. Es wurde Zeit, von hier abzuhauen. Bevor wir gingen, nahm ich noch eines der Kleidungsstücke mit, als Beweisstück. Ich stopfte die Jeanshose in eine große Plastiktüte, die ich meiner Mutter geklaut hatte.

Als wir mein Elternhaus erreicht hatten, löste sich die Furcht, die uns im Nacken gesessen hatte. Es war an der Zeit, meine Eltern einzuweihen und um Hilfe zu bitten. Also erzählten wir unsere Geschichte, angefangen vom Schrei in der Nacht über den Fund der Kleider, bis hin zum Gestank, der uns aus der Betonröhre entgegenschlug. Als ich die Jeanshose aus der Plastiktasche zog, wandte sich mein Vater angewidert ab.

„Tu‘ das wieder in die Tüte und dann weg damit!“, sagte er. „Weiß der Himmel, wer seine gebrauchten Klamotten da abgeworfen hat!“

„Aber der Schrei und der furchtbare Gestank...“, warf ich ein.

Vater verdrehte die Augen und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Da hat irgendein Tier geschrien. Ist dir schon mal aufgefallen, dass Katzengeschrei richtig menschlich klingen kann?“ Er dachte einen Augenblick nach. „Und dass es da unten stinkt, wissen wir doch alle, oder? Kein Wunder bei dem, was der Damann in diesen Bach kippt. Treibt euch da in Zukunft nicht mehr rum, hört ihr?“

Mein Vater verschwand wieder hinter der Tageszeitung, der Fall war für ihn erledigt. Michael und mich hatte der Mut verlassen. Wir wollten uns ein neues Geheimversteck suchen und die ganze Geschichte vergessen. Zunächst aber mussten wir unser Corpus Delicti loswerden. Wir beschlossen, die Jeanshose dahin zurückzubringen, wo wir sie gefunden hatten.

Am späten Nachmittag gingen wir noch einmal den schmalen Pfad entlang, der uns zur Lichtung brachte. Als wir dort ankamen, glaubten wir unseren Augen nicht zu trauen: Die Kleidungsstücke waren verschwunden! Einen Augenblick lang waren wir wie versteinert, dann ließ ich die Tasche einfach fallen und wir rannten los, so schnell wir konnten. Die Lichtung haben wir nie wieder betreten.

 

 

 

 

 WICHTIGER HINWEIS:

Die Personen, Schauplätze und die Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden und der Fantasie des Autors entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen sowie realen Schauplätzen und Handlungen ist rein zufällig und vom Autor ausdrücklich nicht beabsichtigt!

© 2020 Thomas Kampeter

Covergestaltung: Thomas Kampeter