für

Gerhild und Marlon

»Da passt einer auf uns auf!«

Ich liebe euch beide.

 

 

Thomas Kampeter

Abendstern - die Fortsetzung

eine Geschichtensammlung

 

 

Erster Teil: Märchen

 

 

Mann, Fuchs und Eule

 

Es war einmal ein Junge mit Namen Theodor. Er lebte in einem kleinen Dorf auf dem Land. Im Sommer grasten die Kühe auf den Wiesen, und die Mähdrescher brummten über die Felder.

Eines Tages fuhr Theodor mal wieder mit seinem Fahrrad herum, da sah er einen Mann am Straßenrand, der auf einem Stein saß und gar bitterlich weinte. Er fragte den Mann, was geschehen sei und dieser antwortete ihm: „Mein Vater ist nicht einverstanden mit der Frau, die ich heiraten möchte. Sie ist frech und schmutzig, sagt er. Ich widersprach ihm, wir haben uns fürchterlich gestritten, und schließlich hat er mich enterbt. Wehe mir, was soll nun bloß aus mir werden?“ Und er vergrub sein Gesicht in den Händen und weinte aufs Neue.

Theodor konnte ihm nicht helfen, er hatte den Ausdruck „enterbt“ noch niemals gehört und wusste nicht, was der Mann so schlimm daran fand. Als er weiterfuhr, sah er seinen Freund, den sprechenden Fuchs am Straßenrand und beschloss, ihn um Rat zu fragen. Der Fuchs war schlau, aber auch listig und verschlagen. Er sagte: „Das Erbe ist das, was die Eltern ihren Kindern nach dem Tode hinterlassen. Das kann ein Haus sein, oder auch sehr viel Geld, das kommt ganz auf die Eltern an. Wenn man enterbt wird, so heißt das, dass man von diesem Vermächtnis nichts abbekommt, man geht also leer aus. Ich kann dem Mann nur eins raten: Er soll sich mit seinem Vater versöhnen und das Mädchen zur Frau nehmen, das sein Vater für richtig hält. Dann kann er wenigstens das Erbe einstreichen und lebt glücklich und zufrieden bis an das Ende seiner Tage.“

Theodor blickte in das grinsende Gesicht des Fuchses. Er traute dem Tier nicht, es musste noch eine andere Lösung geben. Theo beschloss, zum Wald zu fahren und die alte Eule zu befragen. Er fand sie sofort, sie saß wie immer auf ihrem Baum am Waldrand. Die Eule war alt und weise; sie hatte schon viel gesehen und kannte die Menschen, die Redlichen ebenso wie die Niederträchtigen.

„Dieser Mann kann sich glücklich schätzen“, sagte sie zu Theo. „Er ist gesund und hat die Frau auserwählt, die er liebt. Ein solcher Mensch wird auch ohne das Geld seines Vaters auskommen, sei gewiss. Sag ihm nur, dass er recht handelt und sich von den Drohungen seines Vaters nicht beeindrucken lassen soll. Er wird ein glückliches Leben führen, gesund und zufrieden und auf seinen eigenen Füßen stehen.“

Theodor fuhr zu der Stelle zurück, an der der weinende Mann gesessen hatte, um ihm die Botschaft der Eule zu überbringen, doch der Mann war verschwunden. Einige Tage später erfuhr Theo, dass der Mann sich vor lauter Gram und Entsetzen in seinem Hause am Treppengeländer erhängt hatte.

Theodor war erschüttert. Er verstand nicht, dass Geld eine so große Rolle im Leben der Menschen spielen konnte, dass sie bereit waren, dafür ihre Würde und sogar ihr Leben hinzugeben. Er beschloss, später weiser zu sein.

So ging ein jeder seiner Wege, und niemand sprach je wieder davon. Das Leben im Dorf ging weiter.

 

 

Schilfhalm und Schwan

 

Es war einmal ein Junge mit Namen Theodor. Er lebte in einem kleinen Dorf auf dem Land. Im Sommer grasten die Kühe auf den Wiesen, und die Mähdrescher brummten über die Felder.

Eines Tages beschloss Theodor, mit seinem Fahrrad zu dem kleinen See hinauszufahren, der etwas außerhalb des Dorfes in der Nähe eines Rittergutes lag. An diesem See lebten zwei stolze weiße Schwäne. Um zu ihnen zu kommen, musste man sich einen Weg durch die Schilfhalme bahnen, die in dichten Reihen am Ufer wuchsen. Theo hatte sich einen starken Ast besorgt, damit hieb er das Schilf entzwei, doch dann geschah es: Er rutschte ab und schnitt sich an einem Halm in den Finger. Die Wunde war so tief, dass das Blut hervorquoll und auf den Boden tropfte. Als Theodor den Finger mit seinem Taschentuch verband, kam ihm plötzlich eine Idee. Er war oft einsam und traurig, doch nun wusste er, wie er die Erwachsenen dazu bringen konnte, ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Aufgeregt radelte er nach Hause und erzählte seiner Mutter, dass ihn einer der beiden Schwäne gebissen habe. Dabei hielt er den verletzten Finger in die Höhe, der immer noch blutete. Von dem Halm, an dem er sich geschnitten hatte, erzählte er nichts. Seine Mutter war sehr aufgeregt und rief seinen Vater auf der Arbeit an. Etwas später fuhren sie mit ihm zu einem Arzt in der Stadt. Er bekam eine Spritze und einen dicken, weißen Verband. Seine Eltern kauften ihm ein schönes Buch und Süßigkeiten, um ihn den Schmerz und die Spritze möglichst schnell vergessen zu lassen.

Theodor fühlte sich sehr wohl, so wohl wie seit langer, langer Zeit nicht mehr. Er dankte den Schwänen, die unschuldig auf dem See umherschwammen und ihm zu einem so schönen Tag verholfen hatten.

Die Zeit verging, Theodors Finger heilte sehr schnell, und die Geschichte mit den Schwänen geriet in Vergessenheit.

So ging ein jeder seiner Wege, und niemand sprach je wieder davon. Das Leben im Dorf ging weiter.

 

 

Zweiter Teil: Kurzgeschichten

 

 

Auf dem Parkplatz

 

Am Morgen des 12. August 2010 hatte sich eine Menschenmenge auf dem Parkplatz eines Baumarktes in Hannover versammelt. Vor ihnen auf dem Asphalt lagen zwei Leichen, eine junge Frau und ein älterer Mann. Die Frau lag auf dem Rücken, aus ihrer Brust ragte der perlmuttfarbene Handgriff eines Taschenmessers. An der Stelle, wo es in ihren Körper eingedrungen war, war eine große, blutige Insel auf dem weißen T-Shirt entstanden. Der Mann lag auf der Seite, in einer Stellung, die der eines Embryos im Mutterleib nicht unähnlich war. Seine Hände waren vor seinem Brustkorb verschränkt.

„Lieber Gott! Wie ist das denn bloß passiert?“, sagte eine dicke Frau, deren dünner, roter Pullover sich über ihre riesigen Brüste spannte.

„Die Kleine hat den Alten zugeparkt“, sagte ein Mann mit einer verspiegelten Sonnenbrille. „Ich stand ‘n bisschen weit weg, hab aber trotzdem alles gesehen.“ Er popelte in der Nase, betrachtete kurz das Ergebnis seiner Bemühungen und schnipste es davon. „Die hat den Alten provoziert und dann hat der halt rot gesehen. Sollte man besser nicht machen, sowas.“

„Aber dafür wird man doch nicht gleich erstochen!“ Die dicke Frau hielt ihren Kopf mit beiden Händen fest, als habe sie Angst, dass er von ihrem fleischigen Hals herunterfallen könne. „Und warum ist der alte Herr auch tot?“

Der Mann mit der Sonnenbrille vergrub die Hände in den Taschen seiner schwarzen Jeans. „Keine Ahnung“, sagte er, „ich weiß nur, dass der ganz plötzlich in die Knie gegangen ist, gerade als er das Mädchen abgestochen hatte. Hat sich noch an die Brust gefasst und dann fiel er um, einfach so.“

„Mein Gott, wie schrecklich!“, jammerte die dicke Frau.

Zwei Männer erschienen und deckten die Leichen mit großen, metallisch glänzenden Folien ab, die im Sonnenlicht glitzerten wie die Oberfläche eines Sees.

 

Aus dem Polizeibericht vom 14. August 2010:

 

„Bei der Frau handelt es sich um Stefanie Feldkamp, geboren am 27. Mai 1991 in Hannover, Auszubildende in einem Friseursalon in der Jahnstraße. Ihr Freund Benjamin Moormann sagte aus, sie habe im Baumarkt ein Regal für die erst vor kurzem bezogene gemeinsame Wohnung kaufen wollen. Sie sei sehr in Eile gewesen, da sie nach dem Einkauf zur Arbeit musste, und ihr nicht mehr viel Zeit geblieben sei.

Der Name des Mannes ist Martin Schiller, geboren am 13. Januar 1934, Rentner. Laut Aussage seiner Frau Marianne wollte er an jenem Morgen Pflanzen für den Garten kaufen.“

 

Aus dem Augenzeugenbericht von Herrn Dietrich Bor, wohnhaft Bebelstraße 32 in Hannover, aufgenommen am 13. August 2010:

 

„Ich saß in meinem Auto, genau gegenüber, hab alles gesehen. Die junge Frau hatte den alten Herrn zugeparkt, die hatte ihren Honda einfach hinter seinen Mercedes gestellt. Es war halt nichts mehr frei, und sie dachte wohl, sie könne ihren Wagen für ein paar Minuten da stehenlassen. Doch der alte Herr war vor ihr wieder draußen, und als sie dann kam, hat er sich furchtbar aufgeregt, einen puterroten Kopf hatte der. Die junge Frau blieb ganz ruhig, hat auf den Mann eingeredet und versucht, ihn zu beruhigen, doch der flippte immer mehr aus. Allmählich bekam ich es mit der Angst zu tun und die junge Frau auch, das konnte ich deutlich sehen. Ich stieg aus, um ihr zu helfen. Da holte der Mann ein Taschenmesser aus seiner Hosentasche und ließ es aufschnappen. Die junge Frau schrie und wollte weglaufen, doch er hielt sie am Arm fest. Dann hat er ihr das Messer in die Brust gerammt, ganz schnell ging das, und sie ist zusammengebrochen. Das Mädchen hatte ganz große Augen, so als könne sie nicht fassen, was mit ihr geschah. In diesem Moment stöhnte der alte Mann plötzlich auf, fasste sich an die Brust und wurde ganz blau im Gesicht. Er ging in die Knie und röchelte, so als würde er keine Luft mehr bekommen. Für einen Augenblick sah er mich an; sein Gesicht war verzerrt vor Schmerzen. Dann fiel auch er um und blieb liegen, keine zwei Schritte von der Frau entfernt. Ich ging zu den beiden hin und fühlte ihren Puls, es war ein Albtraum. Kein Puls mehr tastbar, die waren beide tot. Mein Gott, und beide hatten noch die Augen offen, es war so schrecklich!“

 

Gegen Mittag des 12. August 2010 wurden die beiden Leichen abtransportiert. Die Menschenmenge löste sich auf. Irgendwo auf dem Parkplatz hupte ein Auto, jemand schrie: „Halt’s Maul, du Arsch! "

 

 

Caroline

 

Wie jeden Abend um Acht hatte Karl sein Geschäft abgeschlossen und das Eisengitter vor der Eingangstür heruntergelassen. Es war ein anstrengender Tag gewesen, und er freute sich auf sein Bier im „Tavern“. Karl fühlte sich wohl hier in Cheltenham. Es war sehr ruhig, die Menschen waren friedlich, und doch gab es einige Pubs, in denen richtig die Post abging. Im „Tavern“ war es fast jeden Abend gerammelt voll, am Wochenende legte ein DJ Platten aus den Siebzigern und Achtzigern auf.

Als Karl vor der Eingangstür stand, wummerte ihm die Musik schon entgegen. Mike, der DJ, hatte „Jumpin‘ Jack Flash“ aufgelegt, eins von Karls Lieblingsstücken. Karl öffnete die Tür, und die Geräusche schlugen ihm wie eine Springflut entgegen. Dröhnende Bässe, die den alten Holzfußboden erzittern ließen, dazu Männer, die sich durch den Lärm hindurch anschrien. Es war die normale Form der Unterhaltung hier. Über allem lag eine beißende Woge von Zigarettenqualm und altem Bier, das an jedem Wochenende beim Tanzen in großen Mengen verschüttet wurde. Der Gastraum war mittelgroß; die Menschen saßen an kleinen Holztischen oder an der ausladenden Theke, hinter der eine ganze Batterie von Flaschen an der Wand hing. Am Zapfhahn stand Frederick, wie immer übers ganze Gesicht grinsend und dabei eine Reihe von schlechten Zähnen entblößend. Links von Karl befand sich eine freie Fläche, die Tische waren weggeräumt worden, und der entstandene Platz wurde als Tanzfläche genutzt. Im Augenblick war noch nicht viel los, aber später würde es dort richtig eng werden. Die Leute mussten sich halt erst in Stimmung trinken. Neben der Tanzfläche hatte Mike sein DJ-Pult aufgebaut. Er winkte Karl zu, und Karl grüßte zurück. Mike war ein kleiner, drahtiger Typ mit kurzen Stoppelhaaren, auf dessen Gesicht unzählige Sommersprossen zu sehen waren. Wie immer trug er seine Sonnenbrille mit den runden Gläsern, das gehörte einfach zu ihm. Sein Gespür für Musik war unübertroffen und meist gelang es ihm, die Leute für Stunden auf der Tanzfläche zu halten. Tagsüber arbeitete er als Fahrer für eine kleine Spedition an der Elmsborough Road. „Wirft nicht viel ab, die Fahrerei! Muss mir halt abends noch was dazuverdienen, bisschen Müdigkeit gehört dazu! Macht aber ‘ne Menge Spaß! Is’ halt mein Leben, die Musik!“, hatte er Karl eines Abends erzählt.

Karl ging zur Theke und setzte sich auf einen freien Hocker. Frederick kam gleich zu ihm, in seinem Mundwinkel hing eine Zigarette.

„Hi Karl! Bierchen wie immer?“

„Ja klar, wie immer.“

„Wie ist es gelaufen heute? Neue Aufträge?“

„Ja, auf jeden Fall. War ‘ne Menge los heute, ich werde wohl morgen Überstunden machen müssen. Bei dir ist aber noch nicht so viel los wie sonst, oder?“

„Das kommt noch!“ Frederick stellte das Bierglas vor Karl auf den Tresen. Der weiße Schaum quoll über den Rand des Glases und lief an der Seite herunter. „Es ist Freitag, da wird’s immer voll. Ist ja auch erst halb neun.“

Karl setzte das Glas an und trank es zur Hälfte aus. Frederick eilte wieder davon. Er trug immer die gleiche Schürze vor dem Bauch. Sie musste einmal hellblau gewesen sein, mittlerweile hatte sich ihre Farbe in ein schmutziges Grau verwandelt. Unzählige Stunden hinter dem Tresen hatten ihre Spuren in Freddys Schürze und seinem Gesicht hinterlassen. Karl steckte sich eine Zigarette an. Als er nach Cheltemham gekommen war, hatte er nicht geraucht. Irgendwann hatte Freddy ihm eine Camel angeboten, seitdem hatte Karl nicht mehr aufhören können. Andererseits war es völlig egal, ob man im „Tavern“ selbst rauchte oder die verseuchte Luft einatmete. Es lief beides auf dasselbe hinaus. Lungenkrebs zum Nulltarif.

Karl hatte sein Bier bereits geleert, als Freddy zu ihm zurückkam.

„Hab‘ ich dir eigentlich schon von unserer neuesten Attraktion erzählt, Karl?“

„Du hast eine Attraktion hier?“

„Ja, pass auf: Seit gestern arbeitet jemand Neues bei uns. Sie rief mich vor ein paar Tagen an und fragte, ob ich nicht Arbeit für sie hätte.“

„Sie?“ Karl runzelte die Stirn und blickte Freddy argwöhnisch an.

„Nicht das, was du schon wieder denkst, mein Freund.“ Freddy entblößte seine schlechten Zähne. „Nun, den Gastraum schmeiße ich selbst, wie du weißt, und in der Küche arbeitet die gute alte Margie schon seit Ewigkeiten.“

„Ja, und? Wo arbeitet deine Attraktion?“

„Geh mal auf die Toilette, dann erfährst du’s!“

Einer der Gäste rief Freddy etwas zu, es ging im Lärm der Rockmusik unter. Freddy hob seine Hand zum Zeichen, dass er verstanden hatte.

„Komme sofort! Wie du siehst, muss ich wieder los. Also, mein Guter, geh demnächst mal pinkeln, du wirst dich wundern!“ Er warf Karl einen Blick zu, der wahrscheinlich schelmisch wirken sollte, was angesichts von Freddys verschrobener Visage aber völlig danebenging.

Karl schwang sich von seinem Hocker und ging in Richtung der Toiletten. Er musste eine Schwingtür aufstoßen und durch einen Gang hindurch, dessen Wände von einer schmutzigen Tapete verziert wurden. Dann gelangte er in den kleinen Vorraum, von denen die Türen zu den Toiletten abgingen. An der Tür der Herrentoilette hing das Foto eines Muskelprotzes mit nacktem Oberkörper; die Tür zur Damentoilette wurde durch das eines barbusigen Pin-up-Girls gekennzeichnet. Zwischen den Türen, an einem kleinen weißen Holztisch, saß eine junge Frau. Auf dem Tisch stand ein Porzellanteller, auf dem einige Münzen lagen. Freddy hatte sich also eine Klofrau geleistet. Die Frau hob den Kopf und Karl blickte ihr ins Gesicht. Er erstarrte. Vor ihm saß seine Schwester Caroline. Ihre Gesichtszüge waren unverkennbar, sie musste es sein. Auch Caroline schien zu wissen, wen sie vor sich hatte. Ihre dunklen Augen blickten Karl halb freudig und halb erschrocken an.

„Karl?“ Ihre Stimme war mehr ein Flüstern. „Bist du das?“

„Ja, ich bin’s. Mein Gott, Caroline, was machst du hier?“

Die Frau stand auf und ging auf ihren Bruder zu. Tränen schimmerten in ihren Augen und liefen über ihre Wangen. Die beiden fielen sich in die Arme und blieben einige Minuten lang stehen. Dann lösten sie sich voneinander und blickten sich an.

„Warum bist du hier bei Freddy gelandet? Dieser verdammte Hund, wenn ich gewusst hätte...“

„Hör auf, Karl! Freddy ist ein alter Bekannter von mir, er hat mir sehr geholfen. Er hatte halt nichts anderes für mich. Es macht mir nichts aus, hier die Klos zu schrubben."

„Aber...“ Karl rang hörbar nach Luft. „Wo bist du die ganze Zeit über gewesen? Ich habe dich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen und treffe dich hier auf dem Lokus wieder, in dieser verdammten Bruchbude! Glaubst du nicht, dass ich mir ein paar Erklärungen von dir wünsche?“

„Karl, du weißt, was Vater mir damals angetan hat. Ich musste weg, auch wenn ich erst 16 war. Hab mich einfach in den Zug gesetzt und ab ging’s, irgendwohin. Ich habe einen Job in einer Bar angenommen und mich irgendwie über Wasser gehalten. Dann kam Mikey ins Spiel.“ Carolines Blick wurde hart. Ruckartig strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Mikey?“

„Ja, mein feiner Ehemann. Hab ihn auf einem Dorffest kennengelernt, Liebe auf den ersten Blick. Er hat einen Bauernhof, oben im Norden und macht ziemlich viel Kohle damit. Ich bekam zwei Kinder, wurde treusorgende Hausfrau und Mutter, bla bla bla... Irgendwann wuchs Mike die Arbeit über den Kopf, und er fing an zu trinken. Ein verfluchtes Jahr lang habe ich seine Sauferei ausgehalten. Vor einer Woche hat er mich das erste Mal geschlagen.“ Sie zog ihr T-Shirt hoch und Karl blickte auf ihren Oberkörper, der mit blau-grünen Flecken und Blutergüssen übersät war. „Er wollte mich sogar vergewaltigen, dieses Schwein.“ Sie nahm ihren Kopf in ihre Hände und fing wieder an zu weinen. Karl nahm sie in den Arm und führte sie zu ihrem Stuhl.

Sie hörten die Klapptür am Ende des Ganges und schlurfende, unsichere Schritte. Ein Gast torkelte in den Vorraum und sah die beiden unschlüssig an. Er verdrückte sich auf das Männerklo, und Caroline und Karl waren wieder allein.

„Hör zu, Caroline. Du kannst hier nicht bleiben, erst recht nicht bei Freddy auf dem Scheißhaus. Ich nehme dich mit, du kannst bei mir wohnen. Im Augenblick habe ich Geld genug, das ist nicht das Problem.“

„Mike wird hinter mir her sein, er will mich wiederhaben, ich weiß das.“

„Dann gehen wir zur Polizei“, sagte Karl und bereute seine Worte sofort wieder, denn ihm war klar, dass er sich mit einer solchen Aktion selbst ein Bein stellen konnte. Ganz so blütenweiß, wie die Leute hier glaubten, war seine Weste nicht. Er hatte in London ziemlich viel Mist gebaut, und es war besser, wenn er nach wie vor in Deckung blieb.

Die Tür vom Männerklo flog auf, und der torkelnde Gast kam zurück. Auf seiner hellen Hose zeichnete sich ein großer, feuchter Fleck ab. Karl und Caroline sahen sich an und lachten beinahe gleichzeitig los. Der Typ warf ihnen einen schiefen Blick zu, legte eine Münze auf den Teller und machte sich dann auf den beschwerlichen Rückweg in den Gastraum.

„Okay, Schluss mit Lustig, lass uns jetzt abhauen!“ Karl nahm seine Schwester am Arm und zog sie hoch. „Gibt es hier noch einen anderen Weg nach draußen als den durch die Gaststube?“

„Ja, ich zeig‘ ihn dir.“ Caroline öffnete eine Tür mit der Aufschrift „Privat“. Sie gingen durch einen dunklen Korridor, an dessen Ende sich drei Türen befanden. Caroline öffnete die, die sich in der Mitte befand, sie führte ins Freie. Schnell hatten sie den Weg zum Parkplatz der Kneipe gefunden, warfen sich in Karls schwarzen 5er BMW und fuhren davon. Wohin die Fahrt gehen sollte, wussten die beiden noch nicht...

 

 

Die Methode

 

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden. Langsam zog Don an seiner Chesterfield. Halb zwei, es war soweit. Nur noch dieses eine Mal, dann hatten sie genug Geld zusammen. Sie wollten in die Karibik, dorthin, wo immer die Sonne scheint. Auf eine einsame Insel vielleicht… Seine Schwester Miriam hatte sich die „Methode“ ausgedacht: Am Wochenende zog sie durch die Bars und sprach Männer an, die nach Geld aussahen. Viele der meist älteren Herren ließen sich überzeugen, mit ihr im Hotel zu verschwinden. Don hielt sich draußen auf der Feuerleiter versteckt und fotografierte. Die Gentlemen merkten schnell, dass sie sich die Finger verbrannt hatten, wenn sie ein paar Tage später den Erpresserbrief und die Fotos in den Händen hielten. Vor einer Woche hatten sie einen besonders dicken Fisch an Land gezogen. Clarence Mannerly, Direktor der City Bank und einer der reichsten Männer der Stadt. Fünfzigtausend verlangten sie von ihm, und heute Nacht sollte er bezahlen. Don blickte zur Treppe herüber. Er hatte Schritte gehört. Ein schneller Griff in die Jackentasche. Das kühle Metall des Revolvers beruhigte ihn.

„Donny? Donny, wo bist du?“ Es war Miriam. Sie lief die Treppe herunter. Ihre langen roten Haare hingen wirr in ihrem Gesicht.

„Was machst du hier? Hau ab, verdammt!“

„Wir müssen sofort verschwinden! Francis hat angerufen. Hier unten soll sich irgendwo ein Killer versteckt halten. Los, schnell weg hier!“

Don warf einen Blick in die Runde. „Hier ist niemand, Mir. Oder siehst du jemanden?“

„Mein Gott, Donny, diesmal geht es schief, ich weiß es! Komm schon, wir...“

„Guten Abend, die Herrschaften! Störe ich etwa?“ Auf der Treppe stand Mannerly, seine Stimme dröhnte durch die Halle. In der rechten Hand hielt er eine schwarze Sporttasche. „Hier ist euer Geld, meine Lieben, ihr habt es euch redlich verdient. Ich weiß ehrliche Arbeit zu schätzen.“

„Und junge Mädchen“, fügte Miriam hinzu. Ihre Stimme zitterte. „Ich war bestimmt nicht die Einzige, mit der sie sich vergnügt haben, oder?“

„Nein, meine Liebe. Aber eine der Besten.“

Don richtete die Waffe auf den Bankdirektor. „Los, Mann! Rücken Sie das Geld raus!“

„Aber gern, mein Sohn. Hol’s dir!“ Mannerly hielt die Tasche hoch. Don ging auf ihn zu. Er dachte an die Karibik, das Meer, eine einsame Insel, ein Strandhaus...

„Pass auf, Donny! NEIN!!“ Ein Schuss krachte durch die Station, Don flog zurück. Vor Mannerlys Füßen brach er zusammen, eine Blutlache breitete sich auf dem schmutzigen Boden aus. Miriam rannte zu ihrem Bruder und fiel neben ihm auf die Knie. „Donny, was ist los? Bitte sag doch was! Donny!!“ Aber Donny konnte nicht mehr antworten. Miriam sah zur Treppe herüber, dort stand eine schwarze, hagere Gestalt. Lester Perrin, ein Londoner Auftragskiller.

„Auf die Idee, unter der Treppe nachzusehen, sind unsere beiden Schlaufüchse nicht gekommen. Gute Arbeit, Les!“

„Was machen wir mit dem Mädchen?“ Perrins eiskalte graue Augen blickten Miriam an.

„Na, was wohl? Wofür bezahle ich dich?“

Für einen Moment glaubte Miriam, Perrin würde sie verschonen. Sie war doch noch so jung, sie... Doch da hob der Killer ruckartig die Waffe und drückte ab. Die Wucht der auftreffenden Kugel riss Miriam zurück. Sie landete wie ein Maikäfer auf dem Rücken und blieb mit ausgebreiteten Armen dort liegen. Mannerly warf einen letzten Blick auf seine beiden Opfer, dann nickte er Perrin zu. Die beiden Männer verließen den Bahnstieg, stiegen die Treppe hinauf und verwanden in der Londoner Nacht.

Ihre Schritte waren noch nicht ganz verklungen, als sich auf dem Boden etwas bewegte. Ganz langsam drehte Miriam sich herum. Der Killer hatte ihre linke Schulter getroffen. Die Kugel musste ganz knapp am Herz vorbeigegangen sein. Es schmerzte, als ob ein glühender Dolch in ihr stecken würde und es blutete wie verrückt, aber sie war am Leben. Noch. Wenn sie weiterhin so viel Blut verlieren würde, würde sie hier auf dem verdammten Bahnsteig sterben. Sie musste etwas tun, und zwar schnell. Vorsichtig holte sie mit der rechten Hand ihr Handy aus der Jackentasche und wählte. Die 999.

 

 

Einmal zu viel geputzt

 

Mit fünfzehn schlug Max Grundmann seine Mutter krankenhausreif. Zehn Jahre später saß er seiner Freundin Martina in ihrem Wohnzimmer gegenüber.

„Es ist aus, ich mache Schluss!“, sagte sie zu Max.

„Aber... ich hab‘ doch alles für dich getan! Schau nur, wie sauber das Aquarium wieder ist!“

„Das Aquarium, das Aquarium! Du denkst ja an nichts anderes mehr! Glaubst du, ich habe dich heute Abend nur angerufen, damit du herkommst und dieses dämliche Aquarium putzt? Bestimmt nicht!“

Max fühlte die Wut wie brodelnde Lava in sich aufsteigen. Sein Verstand schaltete ab, Martinas Konturen verschwammen vor seinen Augen. Er nahm ein Kissen vom Sofa und drückte es auf ihr Gesicht. Sie strampelte unter ihm, er hörte ihre gedämpften Schreie. Es dauerte lange. Sehr lange. Aber er hörte nicht auf und drückte in seiner blinden Raserei weiter zu. Schließlich war Ruhe, und er nahm das Kissen weg. Martinas Gesicht war blau angelaufen, Augen und Mund standen weit offen. Kein schöner Anblick. Max erwachte wie aus einem schrecklichen Albtraum, in ihm tobte ein Orkan.

„Die Spuren! Ich muss die Spuren beseitigen!“, hämmerte es in seinem Kopf. Er lief durch die Wohnung und wischte alles ab, was er angefasst hatte. Dann verschwand er.

 

„Muss ein hübsches Mädchen gewesen sein. Was wissen wir schon über sie?“

Kommissar Feldhusen kniete vor Martinas Leiche. Er blickte seinen Assistenten Friedrichsen fragend an.

„Martina Richter, 23 Jahre alt. Arbeitet als Krankenschwester hier ganz in der Nähe. Ist gestern Abend das letzte Mal lebend gesehen worden, so gegen halb neun. Heute Morgen ist sie nicht zum Dienst erschienen.“

„Konnte sie wohl auch nicht mehr. Sie ist erstickt worden, oder?“

„Sieht ganz so aus. Wahrscheinlich hat ihr jemand dieses Kissen hier aufs Gesicht gedrückt.“

Feldhusen stand auf. Sein Blick fiel auf ein großes Aquarium in der Nähe des Fensters. Er ging darauf zu.

„Mann, so etwas wollte ich schon immer haben! Was hat denn die Kamera zu bedeuten?“

„Nun ja, bevor Sie kamen, habe ich mich mit Frau Seebold, der Frau des Hausmeisters unterhalten. Sie weiß eine ganze Menge über die Leute hier im Haus. Martina hat Bilder von den Fischen gemacht und ins Internet gestellt.“

„Hat sie sich das alles selbst zugelegt?“

„Nein, das Aquarium ist ein Geschenk von Max Grundmann, ihrem Freund. Er wohnt auf dem Bauernhof seiner Eltern, etwas außerhalb der Stadt.“

„In Ordnung, Friedrichsen. Lassen Sie die Kamera mal von den Kollegen überprüfen. Wir fahren jetzt raus aufs Land!“

Eine Stunde später hatten die beiden Beamten das weitläufige Anwesen der Grundmanns erreicht. Sie berichteten Max vom Tod seiner Freundin. Er senkte den Kopf und redete leise vor sich hin.

„Ich habe es gewusst. Verdammt, ich habe es gewusst!“

„Was haben Sie gewusst?“ Feldhusen blickte den jungen Mann aufmerksam an.

„Ich meine Frederick Hansen, Martinas Ex. Sie hat mir erzählt, dass er getobt hat, als sie sich von ihm trennte. Er hat sie immer wieder angerufen und bedroht.“

„Sie meinen, er wollte ihr etwas antun?“

„Ja, Herr Kommissar. Freddy ist nicht ganz dicht, der ist zu allem fähig.“

„Wo wohnt dieser Mann denn?“

„In Kleinfeld, Hansastrasse 32.“

„Das ist ganz in der Nähe, Friedrichsen, da fahren wir gleich mal vorbei. Vielen Dank, Herr Grundmann!“

Am nächsten Morgen saß Feldhusen in seinem Büro und dachte nach. Sie hatten Frederick Hansen überprüft, sein Alibi war einwandfrei. Es klopfte an der Tür.

„Ja, herein!“, brummte Feldhusen.

Die Tür öffnete sich und Lars Friedrichsen stürzte herein.

„Herr Kommissar! Ich habe etwas interessantes für Sie!“

„Kann ich gebrauchen, immer nur her damit!“

Friedrichsen legte zwei Fotos auf den Schreibtisch. Auf beiden war Martina Richters Aquarium zu sehen, mit Datum und Uhrzeit. Der Kommissar betrachtete die Bilder.

„Na und? Was soll mir das jetzt sagen?“

„Sehen Sie sich mal das linke Foto an, das hat Martina am Abend der Tat gemacht, um exakt 20 Uhr und 53 Minuten, wie man sieht. Fällt Ihnen auf, wie verschmutzt die Scheibe des Aquariums ist?“

„Ja, das sehe ich. Und weiter?“

„Das andere Foto ist am nächsten Morgen von unserer Spurensicherung gemacht worden, um 7 Uhr und 32 Minuten. Was fällt Ihnen jetzt auf?“

„Donnerwetter, Friedrichsen! Die Scheibe ist blitzblank! Jemand muss sie in der Tatnacht gereinigt haben!“

„Genau. Ich habe noch einmal mit Frau Seebold gesprochen, Sie wissen schon, der Frau des Hausmeisters. Wissen Sie, wer das Aquarium regelmäßig gereinigt und überprüft hat?“

„Na los, nun sagen Sie schon!“

„Ihr Freund Max Grundmann, er hat selbst so eins. Martina hatte keine Lust, sich darum zu kümmern, also hat er das übernommen. Er muss gestern Abend bei ihr gewesen sein, und zwar nachdem sie das Foto gemacht hat.“

„Na, dann mal los, Friedrichsen!“

 

Sie fuhren hinaus zum Hof der Grundmanns. Eine Frau stand in der Stalltür, sie hielt einen Eimer in der Hand.

„Guten Tag, sind Sie Frau Grundmann?“

„Ja, bin ich. Was kann ich für Sie tun?“

„Mein Name ist Feldhusen von der Kriminalpolizei. Das hier ist mein Kollege, Herr Friedrichsen.“

Die beiden Männer hielten der Frau ihre Dienstausweise hin.

„Wir möchten gern mit Ihrem Sohn sprechen.“

„Oh, ich nehme an, es geht um Martina. Max ist hinter dem Haus, beim Mistaufladen.“

Der Kommissar und sein Assistent gingen um das Haus herum und sahen Max, der auf einem Traktor saß, an dem ein Frontlader angebaut war. Als die Beamten sich näherten, stellte er den Motor ab.

„Guten Tag, Herr Kommissar.“

„Guten Tag. Herr Grundmann, ich habe eine schlechte Nachricht für Sie. Ich muss Sie leider bitten, zum Verhör mit uns aufs Revier zu kommen. Sie stehen unter dem dringenden Verdacht, Martina Richter ermordet zu haben.“

Max wurde bleich, mit großen Augen blickte er den Kommissar an. „Was? Wie kommen Sie denn darauf?“ Feldhusen berichtete von den Fotos und den Aussagen der Frau des Hausmeisters und ein seltsamer Ausdruck trat auf Max Grundmanns Gesicht. Dann geschah alles blitzschnell: Der Motor des Traktors erwachte brüllend zum Leben, Max setzte das schwere Gefährt zurück. Die spitzen Forken des Mistladers wiesen jetzt genau in Feldhusens Richtung. Es krachte im Getriebe, Max gab Vollgas, und dann jagte der Traktor auf den Kommissar zu.

„Mich kriegt ihr nicht! Mich nicht!“, schrie Max durch den Lärm hindurch.

Feldhusen zog seine Waffe, zielte auf Max‘ Schulter und drückte ab. Im letzten Moment hechtete er zur Seite. Der Traktor schoss an ihm vorbei und krachte ein paar Meter weiter gegen die Wand.

 

Max Grundmann wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Er gestand den Mord an seiner Freundin. Ein Psychologe diagnostizierte eine schwere Persönlichkeitsstörung. Sie hätte im jugendlichen Alter behandelt werden müssen, doch damals hatten alle geschwiegen und niemand hatte etwas unternommen. Jetzt war es zu spät.

 

 

Kira und Tom (1.Teil)

 

Kira und Tom treffen sich am Montagmorgen vor der Schule. Kira kramt in ihrem Rucksack und holt eine Schachtel Camel und ein Feuerzeug heraus.

„Ich dachte, du rauchst so früh noch nicht.“

„Na ja, nach dem, was gestern passiert ist ...“ Sie steckt die Zigarette an. „Meine Ma raucht schließlich auch schon vor dem Frühstück.“ Genüsslich bläst sie die ersten blauen Wolken von sich.

Tom setzt seinen Rucksack auf den Boden. Er spielt nervös mit dem Armband herum, das Kira ihm vor drei Wochen zum 16. Geburtstag geschenkt hat. „Wegen gestern... ich meine... Ach, ich weiß nicht, wie ich´s sagen soll.“ Er sieht Kira verlegen an.

„War schön, wirklich. Aber irgendwie auch ‘n bisschen komisch. Wir kennen uns jetzt schon lange genug, aber das ist doch noch was ganz anderes.“

„Ja, stimmt.“ Tom macht eine kleine Pause und sieht zur Turnhalle herüber, vor der sich die ersten Schüler versammeln. „Meinst du, es war zu früh?“

„Nein, irgendwann wäre es eh passiert. Du hast doch nicht umsonst diese Teile in deiner Brieftasche mit dir rumgeschleppt, oder?“

Tom errötet. „Ja, stimmt. Insgeheim habe ich mir gewünscht, dass es endlich soweit ist.“ Er schaut seine Freundin an. „Schön, dass es dir auch gefallen hat.“

„Meinst du, deine Eltern haben was mitbekommen? Sind ja ‘n bisschen früher zurückgekommen als geplant.“ Kira lächelt. Sie streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Ich hab mich mächtig erschrocken, als ich das Auto hörte. Die haben aber nichts gemerkt, glaube ich. Zumindest waren sie heute Morgen nicht komisch drauf, oder so.“

Die beiden hängen einen Augenblick ihren Gedanken nach. Langsam füllt sich der Schulparkplatz mit den Autos der Oberstufenschüler.

„Sag mal...“ Kira sieht Tom verlegen an und zieht an ihrer Zigarette. „Was hast du eigentlich mit dem Bettlaken gemacht?“

„Ich hab’s abgezogen und erst mal im Schrank versteckt. Wenn meine Eltern am Wochenende weg sind, kommt es in die Waschmaschine.“

„Na ja, ich meine... kriegt man das denn so einfach wieder raus?“

„Ich glaube schon.“

Kira hat die Zigarette bis zum Filter geraucht und schnippt sie in Richtung Parkplatz. „Guck mal, ein URO!“

„Ein was ?“

„Ein URO! Ein unbekanntes Rauchobjekt!“

Beide lachen laut los, ein paar Schüler drehen sich zu ihnen um. Tom nimmt Kira in den Arm und sie gehen in Richtung Schule. Er trägt den Rucksack mit seiner linken Hand.

„Was meinst du, können wir uns heute Abend noch sehen?“

Kira überlegt einen Moment. „Also wenn, dann nicht bei mir. Du weißt ja, wie das mit meiner Mutter ist: ‚Dein Freund, wie ist der denn so? Ihr wisst doch, was ihr tut?‘ Blah, blah, blah... Wenn die erfahren würde, dass ich seit gestern nicht mehr Jungfrau bin, würde die mich achtkantig rauswerfen. Ich weiß genau, was ich zu hören bekäme: ‚Kind, wenn jetzt was passiert ist, du wirst deines Lebens nicht mehr froh! Mit 15 Jahren, oh mein Gott! Du bist noch nicht mal in der Ausbildung! Was dein Vater wohl von dir denken würde!‘ Dabei hat mein Vater nie viele Gedanken an mich verschwendet. Der hat das ganze Geld versoffen und sich dann einfach aus dem Staub gemacht.“

„Das tut mir leid, ehrlich... Ich scheine mit meinen Eltern etwas mehr Glück gehabt zu haben.“ Tom wirft sich den Rucksack über die linke Schulter. „Hast du denn Angst, dass was passiert sein könnte? Wir haben doch ein Kondom benutzt.“

„Nein, ich habe keine Angst.“ Sie strahlt ihn verliebt an. „Ich hoffe sogar, dass wir das Ganze bald wiederholen können.“

Tom ist etwas verlegen. Da die Mitschüler jetzt in Hörweite sind, spricht er etwas leiser. „Na ja, wie gesagt, meine Eltern sind am kommenden Wochenende wieder an der Küste. Wenn das Wetter sich hält, vielleicht sogar für volle drei Tage.“

„Das hört sich ziemlich gut an. Ich muss mir nur noch eine Ausrede für meine Mutter überlegen. Die ist in letzter Zeit so misstrauisch, die schickt mir glatt einen Detektiv hinterher.“

„Vielleicht solltest du mich ihr mal vorstellen...“

In diesem Augenblick meldet sich die Schulglocke zu Wort. Tom und Kira schlendern in Richtung Eingang. Irgendwie haben sie es nicht eilig, in ihre Klasse zu kommen...

 

 

Papenheim rettet die Stadt

 

„Einen schönen guten Morgen!“

„Morgen.“

„Na, junger Mann, wo soll’s denn hingehen?“

„Fünfzehnter.“

„Oje, ich muss in den Zwanzigsten und hab schon gedrückt. Aber wir halten bestimmt vorher im Fünfzehnten an.“

„Bestimmt.“

„Na, dann drück ich mal für Sie. So, schon geschehen.“

„Danke, sehr freundlich.“

„Keine Ursache. Sind ja hochmodern geworden, diese Dinger. Als ich klein war, da rumpelten die so stark, dass man sich während der Fahrt festhalten musste. Heutzutage kann man sich ja vollkommen sicher fühlen, nicht wahr?“

„Kann sein.“

„Haben Sie etwa Angst? Das müssen Sie aber nicht, junger Mann. Stellen Sie sich mal vor, Sie müssten die ganzen Stockwerke hochlaufen, das wäre auch nicht so angenehm, oder? Nee, nee, ist schon gut, dass es sowas gibt. Sie müssen wirklich keine Angst haben!“

„Habe ich aber, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

„Warum denn?“

„Ich habe Platzangst, wenn Sie’s genau wissen wollen!“

„Oh, das tut mir aber leid, das wusste ich nicht, da kann ich Sie natürlich verstehen. Meine Frau hatte das auch. Vor einem Jahr ist sie gestorben. Brustkrebs, hatte schon gestreut, konnte man nichts mehr machen. Die Ärzte...“

„Ich bitte Sie, müssen Sie mir das alles erzählen? Ich fühle mich wirklich nicht gut.“

„Oh, ich verstehe. Ich höre ja schon auf.“

„Das wäre nett.“

„Mensch, irgendwie ruckelt der heute aber ein bisschen... Oh, Entschuldigung! Ich weiß, dass Sie sowas nicht hören wollen, aber irgendwie... Hoppla!! Was ist denn jetzt los?“

„Wir sind steckengeblieben! Das Ding bewegt sich nicht mehr! Meine Güte, wir sitzen fest!“

„Ganz ruhig, junger Mann, für solche Fälle gibt es ja den Notruf. Sehen Sie da unten, der rote Knopf? Warten Sie, ich drücke mal!“

„Da meldet sich ja gar keiner!“

„Na ja, einen Augenblick dauert das schon, die sind ja auch beschäftigt da unten an der Rezeption. Ich drücke nochmal.“

„Nichts! Überhaupt nichts! Mein Gott, irgendjemand muss das doch mitbekommen! Das ist doch ein Notruf, und wir brauchen Hilfe!“

„Die wird auch kommen, ganz sicher. Du meine Güte, jetzt regen Sie sich mal nicht so auf, Sie sind ja schon ganz rot im Gesicht! Das ist aber nicht normal, junger Mann... Sie sind doch nicht etwa krank?“

„Mann, ich hab Ihnen doch schon erklärt, dass ich Platzangst habe, genügt Ihnen das nicht? Sind Sie taub? Außerdem muss ich da oben zu einer wichtigen Besprechung. Ohne mich können die gar nicht anfangen! Geht das in Ihren Kopf rein oder ist das zu hoch für Sie?“

„Na, na, mein Freund, jetzt werden Sie mal nicht unverschämt! Mit Ihnen stimmt doch etwas nicht, sowas habe ich im Gefühl, das können Sie mir glauben!“

„Was soll das denn heißen?“

„Nun... Sie sind doch nicht von hier. Ich nehme an, Sie kommen aus dem Iran oder Persien, irgendwas in der Richtung. Und dann der Koffer in Ihrer Hand...“

„Sagen Sie mal, geht’s Ihnen noch gut?“

„Ich weiß, was ich weiß. Ich lese Zeitung und schaue die Nachrichten an. In den letzten Tagen wurde überall vor Anschlägen gewarnt.“

„Wie bitte? Sie ticken wohl nicht richtig, Sie...“

„Ich ticke schon ganz richtig, aber wer weiß, was da in Ihrem Koffer tickt, hm? Was ist das denn überhaupt für eine Versammlung, zu der Sie wollen?“

„Das geht Sie überhaupt nichts an! Lassen Sie mich in Ruhe!“

„Sie in Ruhe lassen? Wenn Ihre Bombe hochgeht, gehe ich doch mit drauf. Wenn Sie sich in die Luft jagen wollen, dann ist mir das egal. Ich für meinen Teil möchte gerne noch ein paar Jahre leben, verstehen Sie?“

„Was haben Sie denn mit dem Handy vor?“

„Ich rufe die Polizei und die Feuerwehr. Die sollen am besten auch gleich ein Entschärfungskommando mitbringen.“

„Nein, das tun Sie nicht! Stecken Sie sofort das Handy wieder ein!“

„Soll das ein Befehl sein? Wollen Sie mir Vorschriften machen? Pah, ich habe keine Angst vor Ihnen! Na los, holen Sie Ihre Pistole doch raus! Ich war im Krieg, mein Freund, ich fürchte mich nicht vor einem Schießeisen!“

„Meine Güte, ist denn das zu fassen! Ich sag’s Ihnen zum letzten Mal: Ich bin kein Terrorist! In meinem Koffer ist nur Papier, und ich habe auch kein Schießeisen dabei! Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe, Sie verwirrter alter Mann! GEBEN SIE ENDLICH RUHE!!“

„Da soll doch... Also jetzt hört‘s aber wirklich auf! Na warten Sie, ich zeig’s Ihnen, so reden Sie nicht mit mir!“

„Was... ? Hey, nehmen Sie den Regenschirm weg! Hören Sie nicht? AUA!! VERDAMMT, LASSEN SIE DAS!!!“

„Huch, was... Ach wie schön, wir fahren wieder! Meine Güte, jetzt bin ich aber froh!“

„Ich auch. Und ich wäre noch erleichterter, wenn Sie endlich den Regenschirm wieder einpacken würden!“

„In Ordnung. Die Polizei rufe ich aber trotzdem an!“

„Oh, Mann... Dann tun Sie, was Sie nicht lassen können. Ich hätte auch noch einen anderen Vorschlag.“

„Aha. Und der wäre?“

„Sehen Sie mal: Hier ist meine Visitenkarte, darauf steht die Nummer unserer Filiale in Frankfurt. Rufen Sie dort an und lassen Sie sich zu meinem Chef durchstellen. Er wird Ihnen bestätigen, dass Sie heute mit einem Vorstandsmitglied im Fahrstuhl waren und nicht mit einem Attentäter.“

„Hmmm. Also, ich...“

„So, fünfzehnter Stock, ich verlasse Sie jetzt. Ein kleiner Tipp noch: Lassen Sie sich mal von einem Psychiater untersuchen, ich könnte Ihnen jemanden empfehlen.“

„Ich bin völlig gesund! Sie sind es doch, der...“

„Auf Wiedersehen und gute Fahrt noch!“

„Verdammte Terroristen! Erst legen Sie die halbe Welt in Schutt und Asche und dann werden die auch noch in Bankenvorstände eingeschleust. Und obendrein noch frech werden! Na warte mein Freund, mal sehen, was die Polizei dazu sagt! Die ruf ich jetzt an, dann ist Schluss hier, das sage ich dir!“

„Polizeiwache Friedrichstraße, Kalinowski.“

„Friedrich Papenheim, Guten Tag, Herr Kalinowski! Ich möchte Ihnen einen Attentäter melden. Der wird gleich das Hochhaus an der Lessingstraße in die Luft sprengen! Sie müssen sofort kommen und...“

„Ach, Sie sind das schon wieder! Hören Sie zu, Herr Papenheim: ein Anruf noch und Sie erhalten eine Anzeige wegen Missbrauchs der Notrufnummer! Dies ist Ihre sechste Terrormeldung innerhalb von zwei Tagen und alle haben sich als falsch erwiesen. Wenn Sie uns noch einmal auf den Arm nehmen, dann sind Sie dran, das verspreche ich Ihnen!“ 

 

 

Wie Frauen sind

 

Ich habe kein Telefon. Manchmal schmerzt es mich, dass ich nicht über diese wunderbare Kommunikationstechnik verfüge, aber wen soll ich schon anrufen? Freunde habe ich nicht, also muss ich mich auch nicht verabreden. Wenn ich abends nach Hause komme, setze ich mich mit einem Bier vor den Fernseher und schlafe irgendwann ein. Für Notfälle gibt es eine Telefonzelle vor dem Haus, die ich bislang aber noch nicht benutzt habe.

Gestern Abend sollte sich das ändern, und es gab einen guten Grund dafür: Ich hatte mich in eine neue Kollegin verliebt. Sie arbeitete seit einer Woche bei uns und wusste noch nichts von ihrem Glück. Ich wollte sie anrufen und mich mit ihr zum Essen verabreden. Ihre Telefonnummer hatte ich aus der Personalakte.

Als ich aus der Haustür trat, stand ein Mann im schwarzen Mantel in der Zelle. Ausgerechnet jetzt! Ich stellte mich vor die Tür und wartete. Mein Gott, was redete der denn da? Ich ging etwas näher an die Glasscheibe heran: „... ja, über 30 Grad ... Palmen, sogar hier vor der Zelle ... Geschäftsessen heute Abend ... ja, wir stehen kurz vor dem Vertragsabschluss ... oh, so spät schon? ... Schatz, ich muss Schluss machen ... bin ja bald wieder da ... ja, ich dich auch, Schatz ... Tschüssi! “

Ich machte schnell einen Schritt rückwärts. Er stieß die Tür auf.

„Entschuldigung, hat ein bisschen länger gedauert. Sie wissen ja, wie Frauen sind.“

„Ja, ja, die finden kein Ende, nicht wahr?“

„Genau. Also, bis dann!“

Er nickte mir zu und eilte davon. Fragen Sie mich nicht warum, aber ich beschloss spontan, ihm zu folgen. Vielleicht hatte mich das merkwürdige Telefongespräch dazu verleitet. Ich hielt großen Abstand und hoffte, dass er mich nicht bemerkte. Nach einer Weile blieb er vor einem gelb gestrichenen Haus stehen und drückte auf einen Klingelknopf. Das Licht im Treppenhaus ging an, und die Tür wurde geöffnet. Eine schlanke Frau erschien im Eingang. Sie fiel dem großen Mann um den Hals, küsste ihn leidenschaftlich und zog ihn dann ungestüm in das Haus hinein. Ich stand da wie erstarrt: Die Frau war Manuela, meine neue Kollegin aus dem Büro, die ich eben noch anrufen wollte. Meine Manuela. Das Licht im Treppenhaus erlosch, und ich sah, wie in einer der Wohnungen die Vorhänge zugezogen wurden. Das reichte mir. Ich wollte nur noch nach Hause.

Auf dem Rückweg musste ich immer wieder an das denken, was ich gesehen hatte. Wie sie ihn umarmte, ihn küsste, wie sie jetzt womöglich... nein, sicherlich... Ich stockte. Mir war eine Idee gekommen, eine klasse Idee. Manuela würde ich nicht bekommen, aber ich würde den beiden Turteltauben einen schönen Streich spielen. Auf einmal war ich ganz aufgeregt. Ich fing an zu laufen, schneller, immer schneller! Nur noch um diese Ecke, jetzt nur noch ein paar Meter... Endlich! Ich zog die Tür der Telefonzelle auf und stürzte hinein. Ungeduldig fischte ich einen kleinen Zettel aus meiner Jackentasche, warf ein paar Münzen ein und wählte die Nummer, die auf dem Zettel stand. Es dauerte eine Weile, dann meldete sich eine weibliche Stimme:

„Manuela Körbinger, ja bitte?“ Sie war etwas außer Atem. Ich glaubte zu wissen, warum.

„Ja, Guten Abend, Frau Körbinger.“ Ich versuchte, meine Stimme möglichst weiblich klingen zu lassen.

„Wer ist denn da?“

„Es geht um meinen Mann, Frau Körbinger.“

„Ihr Mann? Aber...“

Ich räusperte mich. „ Er ist doch im Augenblick bei Ihnen, oder etwa nicht?“

„Wie kommen Sie darauf, ich...“

„Nun, ich wollte mich eigentlich nur erkundigen, wie das Geschäftsessen gelaufen ist. Sind sie beide schon zu einem befriedigenden Abschluss gekommen?“

Manuela schwieg. Ich hörte sie atmen.

„Ach ja, mein Mann hat was von einer Palme erzählt. Haben Sie die auch schon gesehen?“

Ich presste meine Faust vor den Mund, sonst hätte ich laut losgelacht. Am anderen Ende brach der Sturm los, Manuela redete aufgeregt auf ihren Liebhaber ein. Sie schien völlig vergessen zu haben, dass ich mithören konnte. Jetzt erhob auch der Kerl seine Stimme, das wollte ich mir nun wirklich nicht mehr antun. Ich hängte den Hörer auf und verließ die Zelle. Einen Augenblick lang blieb ich auf der Straße stehen und betrachtete den Abendhimmel. Selten waren die Sterne so klar zu sehen wie heute.

Oben in der Wohnung holte ich mir ein Bier aus dem Kühlschrank und stellte den Fernseher an.

Das Leben konnte weitergehen.

 

 

 

 

 WICHTIGER HINWEIS:

Die Personen, Schauplätze und die Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden und der Fantasie des Autors entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen sowie realen Schauplätzen und Handlungen ist rein zufällig und vom Autor ausdrücklich nicht beabsichtigt!

© 2020 Thomas Kampeter

Covergestaltung: Thomas Kampeter